Stand: 11.04.2018 16:40 Uhr

Münster - mediale Gewichtung einer "Todesfahrt"

von Aimen Abdulaziz-Said und Sabine Schaper

Ein Auto rast in ein Münsteraner Café, in eine Menschenmenge - es gibt zahlreiche Verletzte, auch Tote. Handelt es sich um einen Anschlag nach dem Vorbild von Nizza oder Berlin? Die Erinnerungen an den islamistischen Terror sind so allgegenwärtig, dass viele sofort damit rechnen, dass es sich in Münster ebenfalls um einen solchen Anschlag handeln muss.

Elmar Theveßen, 2. Chefredakteur ZDF © NDR Fotograf: Screenshot

Münster - mediale Gewichtung einer "Todesfahrt"

ZAPP -

Amokfahrt? Anschlag? Die Berichterstattung über Münster war recht zurückhaltend und bedacht. Hätten die Medien anders berichtet, wenn der Täter kein Deutscher gewesen wäre?

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Schwierige Berichterstattung

Die Amokfahrt von Münster war am Tat-Tag auch für Journalisten eine Herausforderung: Wie das Geschehen einordnen, wenn es noch keine gesicherten Erkenntnisse gibt, Leser und Zuschauer aber informiert werden wollen?

Die "Rheinische Post" ("RP"), deren Berichtsgebiet Münster umfasst, berichtete als eine der ersten von der Tat. In der Schlagzeile ihres Online-Artikels sprach sie von einem "Anschlag" - eine Wortwahl, die wenig später korrigiert wurde. "In dem frühen Stadium - wo auch unplausibel ist, dass irgendjemand bei den Ermittlungsbehörden weiß, es war ein Anschlag, es hat einen terroristischen Hintergrund und es muss Absicht gewesen sein - sagt einem der gesunde Menschenverstand schon, sei ein bisschen vorsichtig", erläutert Rainer Leurs, Onlinechef der "RP", den Schritt. "Und dazu gehört sicherlich auch der allgemeine Auftrag, keine Beunruhigung zu schüren, ganz sicher zu gehen, dass alles stimmt."

Doch kein "Anschlag"

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Kurze Zeit später die Erkenntnis: Bei dem Täter handelt es sich um einen Deutschen, mutmaßlich psychisch krank, bei dem Vorfall um einen erweiterten Suizid. Damit ist ein "Anschlag" ausgeschlossen, wenn man nach der gängigen Definition geht, die einen politischen Hintergrund der Tat voraussetzt.

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Wünscht sich eine differenziertere Berichterstattung: Sheila Mysorekar von den Neuen deutschen Medienmachern.

Sheila Mysorekar von den Neuen deutschen Medienmachern wünscht sich, dass auch bei muslimischen Tätern oder solchen mit Migrationshintergrund so differenziert berichtet wird, wie im Fall Münster. Sie beobachtet immer wieder, dass Medien mit zweierlei Maß messen: "Wenn es bekannt ist oder den Anschein hat, dass der Täter Migrationsgeschichte hat, möglicherweise ein Muslim ist, dann heißt es immer gleich: Das ist ein Anschlag und Attentat. Und wenn es ein weißer Deutscher ist, dann wird in der Regel erst mal von einem Amoklauf oder einer Familientragödie oder ähnlichem gesprochen. Also die Sprache, wie darauf reagiert wird, ist eklatant unterschiedlich."

Kein terroristischer Hintergrund, kein "Brennpunkt"

Eine Unterscheidung, die auch ausschlaggebend bei der Frage war, ob die ARD einen "Brennpunkt" zu dem Vorfall senden würde. Programmdirektor Volker Herres hatte diesen erst angekündigt, später aber zurückgenommen.

"Unsere Information war, dass der Täter in der Vergangenheit psychisch auffällig und unbekannt bei Staatsschutz und Verfassungsschutz war. Wir haben die Tat dann als tragischen Einzelfall gewertet, der nicht die Schwelle für eine bundesweite Berichterstattung in unserem Brennpunkt-Format erreicht", heißt es vom lokal federführenden WDR gegenüber ZAPP. " Dies auch vor dem Hintergrund, dass eine solche mediale Bühne Nachahmer motivieren könnte. Der Brennpunkt vermeidet Sensationsberichterstattung."

Erweiterter Suizid rechtfertigt keine Sonderberichterstattung

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Für Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur ZDF, rechtfertigt erweiterter Selbstmord keine Sonderberichterstattung.

Auch im ZDF lief keine Sondersendung. "Wir haben das diskutiert, wir haben auch eine Sondersendung vorbereitet, aber für uns spielt schon die politische oder die Motivationslage eines Täters eine hohe Rolle", begründet Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF, die Entscheidung. "Wenn es ein Fall von allgemeiner Kriminalität ist, wenn es ein erweiterter Suizid ist, sind das natürlich auch Faktoren, die für uns interessant sind, für die Berichterstattung, aber sie rechtfertigen keine Sonderberichterstattung."

Gewichten Journalisten mit zweierlei Maß?

Sheila Mysorekar befürchtet, dass Sondersendungen bei gleicher Lage nicht abgesagt worden wären, wenn es sich bei dem Täter um einen Muslim gehandelt hätte. "Jeglicher Mord, der von jemandem begangen wird, der entweder geflüchtet ist oder Moslem ist, zieht es internationale Kreise. Das interessiert nicht nur die Stadt, wo es passiert ist, sondern es interessiert das ganze Land, weil das als ein weltweites Phänomen gesehen wird - aber wiederum total aufgebauscht, wenn man das mit den tatsächlichen Zahlen vergleicht."

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Zweifelt daran, ob alle deutschen Medien bei einem muslimischen Täter ebenso pietätvoll gewesen wären: Rainer Leurs, Onlinechef "Rheinische Post".

Gewichten Journalisten also mit unterschiedlichem Maß? "Wenn Sie mich fragen, ob deutsche Medien bei muslimischen Tätern genauso pietätvoll sind wie bei deutschen Tätern, würde ich antworten, sicherlich nicht in allen Redaktionen", so Rainer Leurs. "Und daran erkennt man dann auch ein Qualitätsmedium, ob man solche Maßstäbe hält für sich selbst oder nicht. Und wir für unseren Teil können sagen, wir tun das."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.04.2018 | 23:20 Uhr