"Es wird bald keine Journalistinnen mehr geben"

Stand: 23.09.2021 10:00 Uhr

Die Taliban sind seit vier Wochen an der Macht. Noch brachten sie zwar nicht alle Sender unter ihre Kontrolle: Bis heute gibt es Medien, die dem Anschein nach frei berichten können, sogar Journalistinnen weiter beschäftigen dürfen. Doch der Eindruck trüge, so der Geschäftsführer des Senders "Baano TV": Alle Journalist*innen kämpften darum, das Land zu verlassen.

von Caroline Schmidt

Der Mann steht unter Druck. "Ja gern können wir ein Interview machen", schreibt er uns per SMS, "aber bitte nicht so spät am Tag, denn morgen Abend fliegen wir vielleicht schon außer Landes." Bashir Rustaqi ist der Geschäftsführer des TV-Senders "Baano TV", und er sitzt wie viele afghanische Medienleute auf gepackten Koffern. Sein Sender hat schon vor vier Wochen die Arbeit eingestellt, die Technik ist abgebaut, die Redaktion aufgelöst. Jetzt möchten er und seine Mitarbeiter bitte auch das Land verlassen dürfen, besser heute als morgen.

Ein Sender - von Frauen für Frauen

"Baano TV" war ein Sender, der vor allem von Frauen für Frauen gemacht wurde. Mit Nachrichten, politischen Talks, viel Entertainment und Musik. Westlicher geht es nicht. "Wir haben den Betrieb schon eingestellt, bevor die Taliban Kabul eingenommen haben", sagt Rustaqi. Jetzt fühle er sich bedroht, verlasse nur noch das Haus, wenn es dringend nötig sei, "und wenn mich eine fremde Nummer anruft, gehe ich nicht dran". Seit die Taliban am 15. August Kabul eingenommen haben, stellten 153 Medien in 20 Provinzen die Arbeit ein. Viele Journalist*innen haben bereits das Land verlassen. Die anderen, so Rustaqi, kämpften darum, endlich gehen zu dürfen.

Das gelte auch für die Newssender, berichtet uns Rustaqi, auch wenn es auf den ersten Blick anders wirke. Der private Nachrichtensender "Tolo News" sende zwar weiter und lasse politische Sendungen sogar von Moderatorinnen moderieren - aber die Situation sei dort nicht anders. Auch dort wollten nach seinen Informationen die Kolleg*innen außer Landes. Denn, so Rustaqi, die Taliban hätten "ein anderes Konzept von Politik": Sie erlaubten keine Demokratie. Sie ließen es nicht zu, dass "die Medien, das afghanische Volk, die Menschen etwas über sie sagen". Niemand sei "unter diesen Umständen" noch in der Lage seine Arbeit fortzusetzen. Ein aktueller Spiegel-Bericht bestätigt seinen Eindruck.

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Situation für Frauen besonders schlimm

Für Frauen sei die Situation besonders schlimm. "Die Taliban wollen nicht, dass Frauen allein das Haus verlassen. Sie dürfen nicht in den Medien arbeiten, nicht in der Wirtschaft, nicht in der Regierung, nirgendwo." Ja, es gebe noch Moderatorinnen, sagt Rustaqi, aber das sei rein "symbolisch" und nur noch eine Frage der Zeit, bis die Taliban auch ihnen die Arbeit verbieten würden. Allerdings nicht per Dekret. Rustaqi vermutet, dass sie die Frauen eher indirekt unter Druck setzen werden: "Vielleicht gehen die Taliban zu den Frauen nach Hause, sprechen mit der Familie und sagen, warum ist eure Tochter auf dem Bildschirm zu sehen?" Dann sei es nur noch eine Frage der Zeit, so Rustaqi, bis die letzten Journalistinnen aus dem öffentlichen Leben verschwinden.  

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