Mord in den Medien: Gehen Reporter zu weit?

Stand: 24.11.2021 17:30 Uhr

Nach einem dreifachen Mordfall war das kleine Heideörtchen Bispingen plötzlich deutschlandweit in den Medien. Eine Recherche von ZAPP zeigt, wie die Berichterstattung über den Fall die Menschen im Ort und Angehörige erneut traumatisiert hat.

von Johannes Koch

Wenn Jens Bülthuis über die Medien spricht, dann merkt man, dass er wütend wird. "Die Menschen sind nicht geschützt worden, sie sind bloßgestellt worden", sagt Bispingens Bürgermeister. Die Medien seien nach dem Mord an einer Frau und ihren beiden kleinen Kindern wie Heuschrecken über den Ort hergefallen. Weinende Nachbarn wurden vor laufender Kamera befragt, Trauernde gefilmt. Viele Menschen, sagt Bülthuis, bereuen heute, dass sie damals vor der Kamera etwas sagten.

Dass Journalisten Grenzen bei ihrer Berichterstattung überschreiten, musste auch der Vater von Luca erfahren. Luca ist der vierjährige Junge, der in Bispingen ermordet wurde. Die Bild-Zeitung veröffentlichte unverpixelt ein Foto des Jungen. "Es geht keinen an, wie mein Sohn oder meine Ex-Freundin aussieht. Es ist schon schlimm genug, dass die Sache passiert ist", sagt Lucas Vater.

"Wir haben die Beerdigung verschoben, damit da keine Medien sind"

Ein Termin für die Beerdigung musste kurzfristig verschoben werden, da Medien davon Wind bekommen hatten. Die Angst vor Kamerateams, die auf trauernde Angehörige lauern, war einfach zu groß. Seitdem schaut er kaum noch Nachrichten und hat er das Vertrauen in viele Medien verloren. Umso wichtiger war es ihm, Teil einer Recherche zu sein, die sich kritisch mit dem Verhalten von Journalisten und Journalistinnen in solchen Fällen beschäftigt.

Bispingen ist kein Einzelfall, das bestätigen mehrere Experten. Eine davon ist Katrin Hartig. Die Journalistin forscht seit Jahren zu den Auswirkungen von Berichten über traumatische Ereignisse. Regularien, sagt sie, würden hier nicht helfen. Sie appelliert vor allem an die Eigenverantwortung von Journalisten: "Wenn ihr in einer Redaktion tätig seid, wo eure rote Linie, euer moralischer Kompass verletzt ist, dann geht". Zudem schult sie Reporterinnen und Reporter im Umgang mit Betroffenen von Gewalttaten.

Für die Recherche wurden fast alle Medien, die aus Bispingen berichtet haben, um ein Interview gebeten, doch keiner war dazu bereit. Aktuell läuft vor dem Landgericht Lüneburg der Prozess gegen den Tatverdächtigen. Er soll der neue Lebensgefährte der Frau gewesen sein. In Bispingen hofft Bürgermeister Bülthuis, dass spätestens mit einem Urteil in dem Prozess wieder Ruhe in seinem Ort einkehren kann und die gerissenen Wunden langsam verheilen können.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 15.12.2021 | 23:00 Uhr