Eine Kanüle steckt in einem Fläschchen mit Impfstoff. © Colourbox Foto: Proxima Studio

Die große Desinformation? Impf-Themen in den sozialen Medien

Stand: 11.01.2021 14:50 Uhr  | Archiv

Impfbereitschaft - darauf kommt es in den nächsten Monaten an. Und in Sachen Aufklärung spielen Medien eine wichtige Rolle. Doch gerade in den sozialen Medien nimmt die Zahl der Falschinformationen rasant zu.

von Kathrin Schmid, NDR Info

Ratten mit Partyhütchen - dazu ein Text wie: "Gute Zeiten für Laborratten - diesmal wird direkt am Menschen getestet". Ein kleines humorvolles Bildchen, das tausendfach vor allem über Messenger-Dienste wie WhatsApp geteilt wird. Und schädliche Wirkung entfaltet. Denn, so erklärt Katarina Bader, Professorin an der Hochschule der Medien in Stuttgart. "Das ist auch eine Falschinformation, denn es gab bei diesem Impfstoff genauso wie bei längeren Prüfverfahren auch die üblichen Tierversuche. Das ist eine ganz schlichte Falschinformation, die aber ironisch, locker daherkommt. Aber jetzt in dieser Phase, in der Menschen sich entscheiden müssen, ob sie sich impfen lassen oder nicht, auch Verbreitung findet."

Eine Spritze wird von einer Person mit blauen Handschuhen in den Händen gehalten. Dahinter ein Arm. © dpa-Bildfunk Foto: Christoph Schmidt
AUDIO: Desinformation zum Impfen - Ausmaß und Konsequenzen (4 Min)

Desinformationen nehmen massiv zu

Dieses Rattenbildchen bedient, wie viele andere Lügen und bewusste Manipulationen, das Narrativ vom "Menschenlabor" - also der Legende, es werde unkontrolliert durchgeimpft.  

Das Paul-Ehrlich-Institut - in Deutschland zuständig für die Prüfung von Impfstoffen - widerspricht vehement: Es verweist auf ausführliche Informationen zu klinischen Prüfungen und Risiken für bestimmte Gruppe sowie zu Wechselwirkungen und Nebenwirkungen.

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Dennoch nehmen solche und ähnliche Desinformationen seit Monaten massiv zu, erklärt Bader: "Es gibt ja ohnehin in Deutschland einen relativ großen Anteil, der sich mit dem Impfen irgendwie skeptisch auseinandersetzt. Natürlich kommt zusätzlich hinzu, dass der jetzt schon zugelassene erste Impfstoff im neuen Verfahren hergestellt wird. Das sorgt offenbar für Befürchtungen und aufbauend auf Befürchtungen und Ängsten kann man immer ganz viele Falschinformationen streuen."

In Zahlen lässt sich das aktuell etwa so ausdrücken: Für eine europaweite Analyse hat das Beratungsunternehmen CounterAction Ende 2020 Tausende Facebook-Seiten und -Gruppen nach Impfthemen durchforstet. Gegenüber dem Magazin "Politico" erklärten die Analysten, dass sie allein in deutscher Sprache mehr als 30.000 Postings mit Falschinformationen gefunden haben. Darunter Vergleiche mit dem Holocaust - wenn etwa vom "Vakzine-Völkermord" und der angeblichen "zionistischen Verschwörung" geschrieben wird. Sehr häufig entdeckten die Analysten auch Meldungen wie "die Impfstoffe verursachen Krebs" oder "verändern das Erbgut". Laut Paul-Ehrlich Institut und anderen verantwortlichen Stellen schlicht falsche, völlig unbelegte Aussagen, die unbegründet Ängste verursachen.

Gefährliche Falschinformationen

Für wohl noch gefährlicher als beinharte Verschwörungslegenden hält Kommunikationswissenschaftlerin Katarina Bader die vermeintlich mildere Form der Falschinformation. Etwa auf YouTube: "Da haben wir ganz viele so Pseudo-Experten, selbst ernannte Halb-Experten, die sich zum Impfen ausführlich äußern. Aufgemacht mit Auszügen aus tatsächlichen Studien oder aus den tatsächlichen Prüfverfahren bauschen die dann irgendein Detail auf - und leiten daraus die ganz große Gefahr ab. Das heißt diese "Experten" bauen ganz oft auf tatsächlichen Nebenwirkungen auf, die in einzelnen realen Fällen beobachtet wurden. Aber sie stellen diese dann in einen ganz anderen Kontext und machen das sehr viel größer, als es ist. Und reichern das noch mit irgendwelchen Falschinformationen an."

Große Verbreitung fand zuletzt etwa ein Artikel zu angeblichen "Impftoten" - hierzulande unter anderem über das deutschsprachige Portal von Russia Today. Überschrift: "Sechs Personen sterben während des Testlaufs von Pfizer-Impfstoff in den USA".

Dass von den sechs Verstorbenen vier ein Placebo bekamen und nur zwei geimpft wurden, findet erst später im Artikel Erwähnung. Ebenso, dass die Todesfälle laut zuständiger US-Behörde nicht mit der Impfung zusammenhängen und dass es bei einer sechsmonatigen Studienphase mit 44.000 Teilnehmern schon allein statistisch gesehen zu natürlichen Todesfällen kommen muss.

Verantwortung für die Medien - und die Nutzer

Ein Thema, das überall - auch in Deutschland - künftig relevant werden dürfte, weil schließlich zunächst die hochbetagten Risikogruppen geimpft werden. Viel Verantwortung, auch für die Medien, so Kommunikationswissenschaftlerin Bader: "Man kann hier wahnsinnig viele Klicks mit einer impfskeptischen Überschrift ernten, weil Leute diese Info auch gezielt suchen. Wenn man sich dazu hinreißen lässt, eine impfskeptische Überschrift zu machen und das erst im Artikel zu relativieren, dann leistet man natürlich der Angst Vorschub … das ist völlig klar."

Zumal den Redaktionen bewusst sein muss, dass ein Großteil der Leserschaft nicht über die Überschrift hinauskommt. Eine Studie der Columbia University hat bereits 2016 ergeben, dass sechs von zehn Lesern einen Artikel weiterleiten, ohne ihn gelesen zu haben.

Klar ist aber auch die Verantwortung jeder Nutzerin, jedes Nutzers - zum Beispiel auch angesichts eines lustigen Rattenbildchens die Fakten richtig zu stellen - und vor allem nichts ungeprüft weiterzuleiten.

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NDR Info | 11.01.2021 | 07:05 Uhr

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