Das leere Weltspiegel-Studio © ARD

ARD: Eine bemerkenswert unjournalistische Reform

Endlich krempelt die Programmdirektion der ARD das Erste um. Vieles klingt plausibel und ist überfällig. Doch ausgerechnet bei der Information hat das Konzept große Schwächen.

Kommentar von Daniel Bouhs

Christine Strobl ist die Neue und sie packt gleich kräftig an. Im Ersten soll nach dem Willen der ARD-Programmdirektorin möglichst bald vieles sehr anders laufen. Das tut nach vielen kleinen Veränderungen auch Not. Und auch ihre Philosophie ist unbedingt unterstützenswert: Im Ersten soll zunehmend das laufen, was auch in der Mediathek Klicks bringt und damit Publikum. Das zeugt von Weitsicht und die hat Strobl schon beim Umbau der ARD-Tochter Degeto bewiesen, die lange als seichte Programmmaschine unterschätzt wurde. Mit "Charité", "Babylon Berlin" und vielen anderen Formaten brachte Strobl Brillanz ins Erste und in die Zukunftsplattform Mediathek.

Mit ihrer Erfahrung krempelt sie nun das Gemeinschaftsprogramm um, bei dem Verantwortliche aus neun Landesrundfunkanstalten mitreden. Strobl muss den Konsens finden und dennoch eine echte Reform hinlegen. Dabei klingt vieles plausibel und ist überfällig. Ob es nun unbedingt eine Gegenprogrammierung zu "Markus Lanz" im Zweiten braucht, mag fraglich sein. Vielleicht wäre eher ein hartes 1:1-Interview ein Gewinn, aus dem Politikerinnen und Politiker schwitzend herausgehen, aber stolz sind, wenn sie sich halbwegs vernünftig geschlagen haben. Aber dass die ARD wieder stärker in Comedy investieren und dabei auch regionale Vielfalt abbilden könnte, wie es geplant ist, und dass sie für ihre Zukunftsplattform zum Beispiel vor allem Dokus braucht: d’accord! Auch zu mehr Wiederholungen bei Filmen jenseits des "Tatorts", damit mehr Geld da ist für Premium-Produktionen in der Mediathek.

VIDEO: Kommentar: "Es droht die Abschaffung auf Raten" (2 Min)

Die Hoffnung ruht auf den neun Programmdirektor*innen

Erstaunlich ist allerdings, dass die bisher bekannten Reformpläne ausgerechnet bei den journalistischen Genres keine Gewinner erkennen lassen. Die Politikmagazine und damit Rechercheformate sollen bluten, damit auf ihren Sendeplätzen mehr Langformate laufen. Zurecht weisen Magazinmacher wie Georg Restle auf eine einfache Rechnung hin: Weniger klassische Magazine, das heißt ausgerechnet in der kritischen Berichterstattung über Regierende und Konzerne auch weniger Themen – bei einigen würde in Dokus zwar tiefer gebohrt, bei anderen aber gar nicht mehr und schon gar nicht aktuell.

Für dieses Dilemma lässt das, was von der Reform bislang bekannt wurde, keine Lösung erkennen. Die Verteidigungslinie ist absehbar: Was wichtig und aktuell ist, kann doch in den "Tagesthemen" laufen. Doch was in Nachrichtenmagazinen wie den "Tagesthemen" als aufwendige Recherche erscheint, ist meist nur ein Nebenprodukt aus Filmen für Magazine oder Dokus. Wer nicht dafür stehen will, das zu beschneiden, was Politikmagazine leisten, müsste für semi-aktuelle Recherchen ein alternatives Finanzierungsmodell vorschlagen. Hier dürfen die Redaktionen gespannt sein, wie die Programmdirektorinnen und ‑direktoren der einzelnen Häuser damit umgehen, die demnächst über der avisierten Reform brüten und sie letztlich umsetzen müssten.

Wo bleibt die Gegenleistung für den schlechteren Programmplatz?

ZAPP Autor Daniel Bouhs © Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
ZAPP Autor Daniel Bouhs: "Eine bemerkenswert unjournalistische Reform"

Und apropos "Tagesthemen": Auch sie könnten ein Verlierer sein. Nach bisherigem Stand sollen sie freitags weiter nach hinten rutschen. Dann würden sie die Woche über zwar einheitlich um 22.15 Uhr starten. Das ließe sich gewiss in der PR auch gut verkaufen. Ausgerechnet beim Nachrichtenmagazin "Tagesthemen" wäre die neue Programmierung aber den Einschaltquoten eher abträglich.

Das gilt auch für den "Weltspiegel": Nach fast 60 Jahren soll er vom frühen Sonntagabend auf den späten Montagabend wandern – auf 22:50 Uhr, wo er übrigens "Die Story im Ersten" verdrängen würde, ausgerechnet eine Dokureihe. Das Auslandsmagazin würden dann statt bisher 2,1 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer nur etwa 1,3 Millionen erwarten, mahnen die Menschen in den ARD-Auslandsbüros und zeigen sich "schockiert".

Auch hier werden die Programmchefs der neun ARD-Anstalten gefragt sein: Tragen sie das mit? Und wenn ja: Bieten sie dem "Weltspiegel" wenigstens im Digitalen eine stärkere Entwicklung, damit das Format in die Zukunft gehen kann? Oder ist es ein Auslaufmodell?

Eine "Prime-Time-Klausel" der Politik könnte wieder einiges verändern

Diese Reform dürfte in den Redaktionen wenige glücklich machen. Ihr fehlt ein journalistischer Geist. Zumal sich bald erneut die Frage stellen könnte, ob das Programmschema überhaupt so bleiben kann. Die Länder diskutieren für den nächsten Medienstaatsvertrag, indem sie die Spielregeln für die öffentlich-rechtlichen Sender festlegen, eine "Prime-Time-Klausel": Grob gesagt von der "Tagesschau" bis zu den "Tagesthemen" soll sich das Angebot von dem privater Anbieter spürbar unterscheiden.

Ob dann ein "Donnerstagskrimi" noch sendefähig wäre oder Reihen wie "Praxis mit Meerblick" am Freitag? Es könnte die Chance sein, den "Weltspiegel" so zu platzieren, wie er es im klassischen Programm verdient hätte: zur besten Sendezeit. Die Programmreform fürs Erste braucht jedenfalls noch eine überzeugende journalistische Idee, bei der es heißt: Ja, das ist wirklich das Erste.

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