Reichelt/BILD

Compliance-Verfahren um Reichelt - was ist los bei "Bild"?

Stand: 16.03.2021 11:31 Uhr

Es geht um mögliches Fehlverhalten gegenüber Frauen, Machtmissbrauch, Ausnutzen von Abhängigkeiten: Seit Wochen läuft beim Springer Verlag eine interne Untersuchung gegen "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt. Nun ist er auf eigenen Wunsch freigestellt.

von Kathrin Schmid, NDR Info

"Seit Tagen sind die Zeitungen voll davon. Also alle Zeitungen außer die "Bild": Mobbing und Drogenskandal um "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt …" so klingt es in der jüngsten Ausgabe des ZDF Magazin Royal. "Wir brauchen dringend sachliche Inforationen, seriös, aber vor allem live.. " - fordert Moderator Jan Böhmermann und schaltet zu einer vermeintlichen "Bild" Live-Reporterin: "Willkommen zum großen Axel Springer-Krisengipfel-Tag "Sex-Krise bei "Bild" und Ekel-Chefredakteur Julian Reichelt". Fragezeichen. Am Ende einer Spekulation immer ein Fragzeichen … Ein kleiner Hinweis auf die häufig gerüchtebasierte Berichterstattung von "Bild". Jan Böhmermann war im Magazin Royal eine Woche zuvor schon der Erste, der öffentliche Andeutungen machte. Soweit die satirische Betrachtung.

AUDIO: Compliance-Verfahren um Reichelt - was ist los bei BILD? (4 Min)

Mobbing und Machtmissbrauch?

Die konkreten Fakten hat zuerst der "Spiegel" berichtet: rund ein halbes Dutzend Mitarbeiterinnen hätten Vorwürfe gegen Reichelt erhoben - bzgl Mobbing und Machtmissbrauch. Der derzeit freigestellte Chefredakteur bestreitet das. Die Axel Springer SE formuliert es in einer Pressemitteilung so: "Wenn aus Gerüchten über andere Personen konkrete Hinweise von Betroffenen selbst werden, beginnt das Unternehmen - wie im aktuellen Fall - sofort mit der Aufklärungsarbeit. Wenn aus Hinweisen Beweise werden, handelt der Vorstand. Diese Beweise gibt es bisher nicht."

Medienforscherin Elizabeth Prommer. © NDR/Kulturjournal
Elizabeth Prommer ist Medienforscherin an der Universität Rostock.

Bis die vorliegen, wird in der Öffentlichkeit auch um Deutungshoheit gekämpft. Einige sprechen von Vorverurteilung, es handele sich lediglich um Gerüchte. Dabei spricht ja die Springer SE selbst von "konkreten Hinweisen". Deshalb sei Berichterstattung in diesem Stadium - selbst wenn einiges im Konjunktiv beschrieben wird - auch angemessen, so die Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Uni Rostock, Elizabeth Prommer: "Das sind so Grenzbereiche. Also beim Thema  #metoo, und darunter fällt das ja, muss man natürlich vorsichtig sein mit Vorwürfen. Aber wenn im Hause darüber so offen darüber getratscht wird, kann man das natürlich schon auch publizieren. Es wird ja in den Berichten immer darauf hingewiesen: 'es ist alles noch in Untersuchung', 'ist unter Verdacht', 'möglicherweise' - also ich finde das ist ordentlich gemacht. Natürlich gibt es etwa in der Twitter-Welt ganz andere Kommentare und die Frage, ob man vielleicht mit der Bild-Zeitung auch ein bisschen rougher umgehen sollte, weil die selber so sind."

Mit zweierlei Maß gemessen

Für Belustigung sorgt etwa ein Ausschnitt der Springer-Pressemeldung, in der es heißt: "Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen, ist in der Unternehmenskultur von Axel Springer undenkbar." "Da ist die Schadenfreude natürlich groß", sagt Prommer. "Und alle machen dann hahaha, als ob die "Bild"-Zeitung das nicht selber dauernd so mache und tue."

Eine Einschätzung, die auch an Daten festzumachen ist: Seit Jahren zum Beispiel erhält die "Bild" die mit Abstand meisten Rügen des Presserats. Aber wie zum Beleg, dass man sich um gewisse Standards nicht schert, veröffentlicht "Bild" seit Jahren keine dieser Sanktionen in der Printausgabe.

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In dem jetzigen Compliance-Verfahren geht es für Axel Springer jedoch um Grundsätzliches - um die Unternehmenskultur, so Medienwissenschaftlerin Prommer: "Was wir ja schon verfolgen konnten, ist das in den letzten Jahren weibliche Chefredakteurinnen, Co Chefredakteurinnen, den Konzern verlassen haben, und das wirkte dann - auch wenn nicht darüber geredet wird - schon so ein bisschen so: Die sind irgendwie rausgedrängt, rausgeekelt worden. So dass das jetzt schon alles ganz gut zusammenpasst, dass man denkt, da ist eine Arbeitssituation, die offensichtlich Machtmissbrauch nicht verhindert. Und dass die Parole lautet: Alles für die kräftige Schlagzeile, die "Bild" muss Klicks haben und "Bild"-TV braucht Klicks, der Auflagenverlust muss aufgehalten werden und deshalb wird es immer noch aggressiver. Und das scheint sich offensichtlich auch in der Unternehmensstruktur irgendwie zu zeigen."

Reichelt gibt sich kriegerisch

Julian Reichelt, der seit fast 20 Jahren bei Springer tätig ist, zeigt sich derweil kämpferisch - seine Nachricht im internen Kommunikations-Kanal ist öffentlich bekannt: Darin schreibt er unter anderem "Ich werde mich gegen alle wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen "Bild" und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt."

Die Rhetorik eines Journalisten, der gerne in Schützengraben-Methapern spricht und der bei "Bild" - ähnlich wie Vorgänger Kai Dieckmann - enorme Machtfülle hat. Inzwischen ist Reichelt nicht nur Chefredakteur von "Bild" digital und Print, sowie Vorsitzender der "Bild"-Chefredaktion. Zuletzt wurde er auch Sprecher der "Bild"-Geschäftsführung.

Diese will sich - wie die gesamte Springer SE - bis zum Abschluss des von der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer begleiteten Compliance-Verfahrens nicht weiter äußern.

Mehr dazu am 17.03. um 23:20 im NDR Fernsehen

 

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