Stand: 29.08.2018 20:51 Uhr

Gruner+Jahr: Redakteurin streitet um Vertrag

von Daniel Bouhs

Für viele Journalisten bei Zeitungen, Zeitschriften und Onlineportalen war 2016 ein gute Jahr: Verlage haben bundesweit Mitarbeiter fest angestellt, die zuvor als "Pauschalisten" für sie gearbeitet haben, also für eine feste Monatspauschale, aber eben ohne feste Anstellung. Der Branche war klar: Das Modell "Scheinselbständigkeit" hatte ausgedient - nicht zuletzt, da sich die Sozialversicherungen mehr denn je für entgangene Beiträge interessierten. Die Pauschalen für Verlagsmitarbeiter sahen diese meist genauso wenig vor wie Urlaubsgeld. Den Verlagen drohten Strafen und Rückzahlungen. Sie zogen die Notbremse. Das Ergebnis war eine beispiellose Welle an Festanstellungen.

Julia Karnick

Gruner+Jahr: Redakteurin streitet um Vertrag

ZAPP -

Dürfen Verlage ihre Journalisten immer wieder befristet beschäftigen? Bisher galt das nur für öffentlich-rechtliche Sender. Ein neues Urteil gesteht dies auch Verlagen zu.

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Welle an befristeten Festanstellungen bei Verlagen

Das Hamburger Verlagshaus Gruner+Jahr gehört als Teil der Bertelsmann-Gruppe zu den großen Verlagen und hat zahlreiche Journalisten in Festanstellung gebracht. "Am Ende haben wir unterm Strich deutlich mehr als 100 eingestellt", erklärt Verlagssprecher Frank Thomsen ZAPP. "Klassische, richtige Arbeitsplätze." Allerdings hat Gruner+Jahr wie viele andere Verlage auch einen großen Teil der bisherigen Pauschalisten nur befristet angestellt, oft für zwei Jahre. "Wir haben das deshalb gemacht, weil wir insgesamt, die Verlagsbranche - und ich glaube, wir sind da nur ein Beispiel für das, was in der Verlagsbranche gerade passiert - vor einem großen Wandel stehen", sagt Thomsen. Es geht also um Flexibilität nicht zuletzt für neue Projekte, von denen nicht klar ist, ob sie beim breiten Publikum tatsächlich gut ankommen.

Journalistin klagt gegen das Auslaufen ihres Vertrages

In diesem Jahr laufen also viele Verträge aus, die Verlage im Zuge der Festanstellungswelle geschlossen haben. Manch einer wird entfristet, andere müssen sich einen neuen Job suchen, darunter auch die Journalistin Julia Karnick. Karnick hat lange als Kolumnistin für "Brigitte" gearbeitet. "Das war ein Traum", sagt Karnick bei einem Treffen mit ZAPP. "Ich konnte mir wenig Besseres vorstellen für eine Journalistin, als eine 'Brigitte'-Kolumne zu schreiben." Später hat sie auch direkt im Verlag gearbeitet, Dossiers geschrieben und auch andere Autoren redaktionell betreut - zunächst frei auf Pauschale, seit 2016 dann fest für zwei Jahre. Verlängert wurde sie nicht. Sie geht juristisch gegen Gruner+Jahr vor. Es geht um die Zukunft der Beschäftigungspolitik der Verlage.

Anwalt: Mandantin war de facto festangestellt

Karnick und ihr Anwalt sehen es so: Schon die letzten Jahre vor ihrer Festanstellung habe sie de facto festangestellt gearbeitet - mit einem Arbeitsplatz im Verlag, mit Vorgesetzten, mit Besuchen der Konferenzen und mit dem Auftrag, Autoren zu buchen und zu betreuen. Gleichzeitig dürfe der Verlag sie aber nicht wiederholt befristet beschäftigen. Schon gar nicht, ohne einen triftigen Grund anzugeben, der bei ihrem Vertrag auch nicht genannt worden sei. Gruner+Jahr müsse sie weiter beschäftigen, und zwar entfristet. Vor dem Hamburger Arbeitsgericht hat sie allerdings verloren.

Gericht urteilt im Sinne der Verlage, bezieht sich auf Rundfunk

In dem Urteil, das ZAPP vorliegt, beziehen sich die Richter auf die Rundfunkfreiheit. Sie zitieren ausführlich aus einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1982. Demnach dürfen öffentlich-rechtliche Sender Journalisten immer wieder befristet beschäftigen. So sollen sie ihr Programm frei gestalten können. Für Anja Westheuser, Justiziarin im Hamburger Büro des Deutschen Journalisten-Verbandes, ist es allerdings ein Unding, dass das Arbeitsgericht für die Beschäftigung bei Verlagen auf dieses Urteil zurückgreift: Verlage und ihre Print-Produkte seien Tendenzbetriebe. Lediglich öffentlich-rechtliche Sender seien verpflichtet, die Vielfalt der Tendenzen abzubilden. "Deshalb dürfen Öffentlich-Rechtliche auch deutlich freier über die Art und Weise der Beschäftigung entscheiden als das Print darf. Wegen dieses Auftrags. Nur deshalb", mahnt Westheuser.

Streit geht in nächste Instanz, Urteil könnte erhebliche Auswirkungen haben

Der Sprecher von Gruner+Jahr will sich zu dieser Diskussion nicht äußern. Er verweist auf das laufende Verfahren. Julia Karnick und ihr Anwalt wollen sich allerdings gegen die Hamburger Entscheidung wehren. Sie gehen in die Instanzen - für Karnick, aber auch weil sie sonst vermuten, dass die Befristung als Modell in der Verlagslandschaft Schule macht. Karnicks Anwalt, Carl-Christian Ziehm, erinnert daran, dass die Mehrzahl der Journalisten in Verlagen bisher unbefristet beschäftigt seien. "Das könnte sich eben im Nachhinein ändern: dass Verlage dann eben sagen, wir haben die Möglichkeit der Befristung mit Sachgrund wegen eben der Eigenart der Tätigkeit und nutzen diese zukünftig aus."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 29.08.2018 | 23:20 Uhr