Ein Obdachloser liegt auf dem Bürgersteig in Istanbul © picture alliance / Pacific Press Foto: Idil Toffolo

Wie Menschen weltweit Krisen meistern - Teil 3: Türkei

Stand: 10.09.2022 06:00 Uhr

Wie erleben unsere ARD-Korrespondent*innen die aktuellen Krisen in anderen Teilen der Welt? Die Menschen in der Türkei haben wenig Anlass, unbeschwert zu sein, die wirtschaftliche Lage ist seit langem schlecht.

Ein Obdachloser liegt auf dem Bürgersteig in Istanbul © picture alliance / Pacific Press Foto: Idil Toffolo
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von Uwe Lueb

Die weitaus meisten haben zwar Arbeit, aber vielen reicht der Lohn nicht zum Leben. Wer Menschen nach ihrer Perspektive fragt, bekommt oft nur eine Gegenfrage gestellt: "Was für eine Perspektive?" Und doch versuchen die Menschen, sich zu arrangieren, manchmal auch kleine Inseln des Glücks zu finden - inmitten eines Alltags, der auch bittere Armut kennt.

Großer Zusammenhalt in der Bevölkerung

Der Mann auf der Treppe schläft noch, als ich morgens an ihm vorbeigehe. Er liegt auf einem breiten Absatz zwischen den beiden großen Teilen einer Treppe, die zwei übereinanderliegende Straßen in Istanbul verbindet. Die Nächte sind mild. Wenigstens frieren muss der Mann nicht. Seine wenigen Habseligkeiten liegen ungeordnet um ihn herum. Alles sieht etwas abgegriffen und schmutzig aus, gezeichnet vom Leben auf der Straße. Doch neben seinem Kopf steht ein sauberes Tablett, darauf eine große Tasse Tee, ein kleines zugedecktes Töpfchen und Besteck. Das allein schon ist beeindruckend: Eine Spenderin oder ein Spender fühlt sich offenbar ein in die Lage des Mannes auf der Straße. Was auch immer ihm passiert ist und warum, was er vielleicht falsch gemacht hat: Jemand kümmert sich ein bisschen um ihn. Geradezu anrührend aber ist das kleine Väschen, das auch noch auf dem Tablett steht - mit orangeroten Blümchen.

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Es mag sein, dass jemand aus der Nachbarschaft Obdachlosigkeit zum ersten Mal so nah sieht und es daher besonders gut meint. Natürlich gibt es Obdachlose in diesem riesigen Istanbul. Aber ihre Not ist nicht so augenfällig wie in deutschen Großstädten. Weil sich die Familien in der Türkei auch um ihre strauchelnden Mitglieder kümmern - der Wert der Familie, der Zusammenhalt, scheinen hier größer zu sein als woanders. Ein Staat, der sich wenig um Gestrandete kümmert, tut da womöglich ein Übriges. Den Mann auf der Treppe kenne ich nicht näher. Nur weil wir uns fast jeden Tag sehen, nicken wir uns mittlerweile wortlose Grüße zu. Innerlich bedauere ich ihn. Wie unglücklich oder glücklich er ist? Ich weiß es nicht. Aber es umgibt ihn eine große Gelassenheit - vielleicht, weil er aufgehört hat, etwas vom Leben zu erwarten. Doch der Moment, in dem er sieht, dass jemand an ihn denkt, ihm sogar Blümchen schenkt, ihn also nicht verstößt, sondern achtet, wird ein kleines Glücksgefühl in ihm ausgelöst haben.

Die wirtschaftliche Lage ist miserabel

Gleichwohl ist die zivilisatorische Schicht in der Türkei dünn geworden. Oder anders ausgedrückt: Es braucht in diesen Zeiten nicht viel und die Nerven liegen blank. Bei einem Sonntagsausflug neulich werde ich Zeuge von zwei handfesten Schlägereien binnen weniger Stunden. Streitende stürzen aufeinander zu, schlagen sich mit Fäusten. Umstehende versuchen sie zurückzuhalten, Frauen stehen daneben, schimpfen und kreischen. Kaum jemand versteht, worum es eigentlich geht. Überhaupt kommt es immer wieder zu Handgemengen. Meistens sind Unbeteiligte da, die schlichten. Es hat beinahe etwas von einem Ritual. Doch die Symbolkraft dieser Szenen ist groß: Viele Menschen im Land kommen nur noch schlecht über die Runden. Ihre wirtschaftliche Lage ist miserabel. In Umfragen sagen mehr als 50 Prozent, dass sie für ihr tägliches Leben auf Ersparnisse zurückgreifen oder sogar Schulden machen müssen. Nicht für ein neues Auto, eine neue Küche oder Urlaub, sondern für das tägliche Leben! Manche stellen sich in die teils langen Schlangen vor Brotausgabestellen, die in Istanbul, städtisch subventioniert, besonders günstig Brot verkaufen. Andere warten am Rand von Wochenmärkten, um nach Verkaufsschluss Brauchbares aus dem Abfall zu fischen. Wiederum andere durchsuchen Mülleimer in der ganzen Stadt nach Resten und sammeln sie in übergroßen Säcken auf Karren, verkaufen den Abfall anderer für wenig Geld an Müllverwerter. Was für eine Kategorie kann Glück für sie sein? Ein guter Fund, mehr noch ein Geschenk vielleicht - weil es einen kleinen Teil von Gemeinschaft vermittelt.

Glück als das Gefühl, nicht allein zu sein

Ausdruck von Gemeinschaft ist hier auch das gemeinsame Essen. Türken grillen gern. Aber Fleisch ist sehr teuer geworden. 80 Prozent beträgt die Inflationsrate im Land im Jahresvergleich - offiziell. Bei den meisten steigen die Einkommen nicht im selben Tempo mit. Selbst in wohlhabenden Gegenden qualmt es daher auf Balkonen und in Parks erkennbar weniger als noch vor einem Jahr. Wenn aber mal wieder gegrillt wird, ist es oft lauter und ausgelassener als früher. Man tut sich zusammen, jeder bringt etwas mit, um die Last der Kosten zu teilen. In lebhaften Gesprächen wird dann auch die Last des Alltags geteilt, der steigenden Preise, des Wertverlust des eigenen Geldes. Angeregter können Gespräche kaum sein. Jede und jeder trägt etwas dazu bei. Die Gemeinschaft enthebt sie in diesen Momenten ihrer Sorgen. Glück als das Gefühl, nicht allein zu sein.

"Nicht allein zu sein" ist sogar landestypisch kultiviert mit dem sogenannten Raki-Tisch. Raki ist ein Brand aus Weintrauben oder Rosinen, gewürzt mit Anissamen, und so etwas wie ein Nationalgetränk. Zum Raki gehören die Meze. Viele nennen sie Vorspeisen, doch das sind sie nicht. Hunderte verschiedene Variationen gibt es - je nach Region der Türkei und Jahres-, also Erntezeit. Traditionell werden sie über den ganzen Abend verteilt in kleinen Portionen gegessen. Sie sättigen zwar auch, aber das sollen sie eigentlich gar nicht. Es geht eher darum zu verhindern, betrunken zu werden. Das ist nämlich verpönt. Man prostet sich zu mit dem Ausspruch "serefe" - auf die Ehre, die man nicht durch Rausch verlieren möge. Denn die Gemeinschaft verträgt weder Rausch noch Streit. Daher gelten vielen zwei Gesprächsthemen als Tabu - weil sie zu viel Potenzial für Streit bieten: Liebe und Politik! Es bleibt genug anderes: Fußball, Autos, die Arbeit, die wirtschaftliche Lage (die allerdings schon nah dran ist an Politik) - und vor allem: die Familie. Stärker als in Deutschland ist sie der Mittelpunkt des Lebens, für viele ist sie die größte Quelle von Glück.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 10.09.2022 | 13:05 Uhr

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

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