Stand: 26.11.2018 17:07 Uhr

"Der NDR wird Nolde-Bild auf Reisen schicken"

1979: Beim NDR in Hamburg verschwinden übers Pfingstwochenende zwei Bilder von Emil Nolde aus einem verschlossenen Büro. Allem Anschein nach ein Diebstahl, die Polizei wird den Tätern aber nicht auf die Spur kommen. Kürzlich, Jahrzehnte später erst, ist eines der Bilder wieder aufgetaucht: "Sonnenblumen, 1926". Es befindet sich inzwischen wieder im Besitz des NDR. Ein kleiner Kreis von Radio- und Fernsehjournalisten des NDR hat sich über Monate mit dem spannenden Fall beschäftigt, darunter Claudia Christophersen.

Frau Christophersen, das ist eine aufregende Geschichte. Wie und wann ist das Bild wieder aufgetaucht?

Bild vergrößern
Claudia Christophersen ist Redakteurin und Moderatorin der Redaktion Kulturmagazine.

Claudia Christophersen: Eine Berliner Anwältin hat sich im letzten Jahr, im Frühsommer 2017, beim NDR gemeldet: Ihre Mandantin besitze ein Bild von Emil Nolde, von dem sie jahrelang geglaubt habe, es sei eine Kopie. Die Frau habe dann aber angefangen zu recherchieren, wahrscheinlich auch im Zuge der Feierlichkeiten rund um Noldes 150. Geburtstag, und kam dann wohl darauf: Womöglich habe sie ein Original an der Wand hängen.

Was weiß man darüber, wie das Bild zu der Frau gekommen ist?

Christophersen: Die Anwältin hat dem Justitiar des NDR folgende Geschichte erzählt: Angeblich hat der Mann ihrer Mandantin dieses Bild geschenkt bekommen, von einem Freund, der früher beim NDR als Elektriker oder Beleuchter gearbeitet hat. Sowohl dieser NDR Mitarbeiter als auch der Ehemann der Mandantin sind verstorben - wir konnten also bei denen nicht nachfragen, ob diese Geschichte stimmt. Insofern muss man sie einfach nehmen, wie sie ist.

Jetzt ist das Bild ja wieder beim NDR. Hat die Witwe es ohne Weiteres zurückgegeben oder hat sie Bedingungen gestellt?

Christophersen: Ja, das hat sie. Die juristischen Besitzverhältnisse nach so vielen Jahren zu klären, das ist nicht einfach, zumal die Eigentumsrechte des NDR inzwischen verjährt sind. Die Frau hatte sich beim NDR mit dem Wunsch gemeldet, eine Art "Finderlohn" für das Bild zu bekommen. 20.000 Euro sollten es sein. Und darauf hat man sich jetzt juristisch geeinigt.

Vorher hatte der NDR den Wert der "Sonnenblumen" von einem Auktionshaus schätzen lassen; der Wert lag, vorausgesetzt das Bild ist echt, bei rund einer Million Euro.

Ist das Bild echt?

Christophersen: Das haben wir uns natürlich auch lange gefragt. Vieles sprach dafür, dass es echt ist: Der Zustand deutete darauf hin - viele Jahre Geschichte sind an diesem Bild vorbeigezogen; die Farben; andere Bilder, die man von Emil Nolde kennt; die Signatur - mit schwungvollem Pinselstrich. Trotzdem hätte es auch eine gelungene Fälschung sein können. Also brauchten wir eine professionelle Expertise. Der NDR hat das Bild vom renommierten Berliner Rathgen-Institut, das darauf spezialisiert ist, untersuchen lassen. Und wir haben das Bild außerdem von dem Nolde-Kenner schlechthin anschauen lassen: Manfred Reuther, langjähriger Direktor der Nolde Stiftung in Seebüll: Er kennt die Farben, mit denen Nolde gemalt hat, die Technik, die Leinwand, die Motive. Für ihn war der Fall ganz eindeutig: Er geht davon aus, dass die "Sonnenblumen" ein echter Nolde sind.

Viele Jahre Geschichte sind an dem Bild vorbeigezogen: Wie ist es aus kunsthistorischer Sicht zu beurteilen? Wie sieht es aus?

Christophersen: 1926 hat Nolde die "Sonnenblumen" gemalt. Und wenn man in die Bücher schaut, dann kann man bei den vielen Sonnenblumenbildern sehen: Dieses ist das erste Ölbild von über 50 Ölgemälden, das Nolde mit dem Sonnenblumen-Motiv malt. Es ist auch das erste Bild einer Werkserie von Sonnenblumen, die dann etwa heißen: "Sonnenblumen im Wind", "Hohe Sonnenblumen", "Dahlien und Sonnenblumen" usw..

Es sind drei große Sonnenblumen, umgeben von saftigem, dunklem Grün. Das Bild hat eine Größe von 72 x 90 Zentimetern - nicht winzig, nicht riesig. Es ist ein mattes Ölbild - das ist typisch für Noldes Maltechnik, für seine Farben, die er benutzt hat. Man würde vielleicht bei einem Sonnenblumenmotiv denken: helle, leuchtende Farben. Aber das wollte Nolde nicht: Er wollte gerade auch die düsteren Farben.

Die Sonnenblumen stehen bei Nolde für etwas: In ihrer Größe - die Blumenköpfe so groß wie Gesichter - schauen sie den Betrachter an. Da ereignet sich eine Art Kommunikation. Nolde löst die Sonnenblume aus ihrem dekorativen Kontext. Dadurch unterscheidet sich dieses Bild von abertausenden Sonnenblumendarstellungen, die es gibt.

Gemalt hat Nolde das Bild 1926, der damalige NWDR hat es 1950 gekauft. Was ist in der Zeit dazwischen passiert? Kann man klare Aussagen treffen über die Provenienz?

Weitere Informationen

Das Geheimnis der "Sonnenblumen": Nolde und der NDR

Eine Kunst-Geschichte wie ein Krimi: 1979 werden aus Büros des NDR zwei Emil-Nolde-Gemälde gestohlen. Fast 40 Jahre bleiben sie verschollen - jetzt ist eines wieder aufgetaucht. mehr

Christophersen: Ja, kann man. Erstens gibt es das Nolde-Werkverzeichnis, von dem Kunsthistoriker und Nolde-Spezialisten Martin Urban. Von 1963 bis 1992 war er Direktor der Nolde-Stiftung. In diesem Werkverzeichnis kann man zum einen sehen: Das Bild war auf Reisen, zum Beispiel 1930 zu einer Ausstellung in Pittsburgh, USA. In diesem Werkverzeichnis ist auch zu lesen: Das Bild gehörte ab 1950 dem Norddeutschen Rundfunk. Und von dort wurde es, so der Eintrag, 1979 gestohlen. Aus den Akten des NDR geht hervor: 1950 hat der NDR, damals noch NWDR, das Bild direkt vom Künstler, von Emil Nolde, gekauft.

Warum überhaupt hat der Sender damals Geld für Kunst ausgegeben?

Christophersen: Tatsächlich hängt mit der Kaufgeschichte des Sonnenblumen-Bildes auch ein Stück Rundfunkgeschichte zusammen. 1950: Das war fünf Jahre nach Kriegsende, zwei Jahre nach Gründung des öffentlich-rechtlichen NWDR. Nach dem Nationalsozialismus sollte der Rundfunk eine wichtige Kulturinstitution sein, die Verantwortung hat. Kultur war ein wichtiger Auftrag. Insofern: Ja, der NWDR sollte und wollte Geld ausgeben für Kunst.

Der erste Generaldirektor, Adolf Grimme, hatte - als ehemaliger niedersächsischer Kultusminister, vorher Kultusminister der Preußischen Staatsregierung - ein ganz besonderes Gespür für Kultur, für Musik, für Literatur und auch für bildende Kunst. Und so kommt es, dass wir heute Bilder von Fritz Mackensen, Erich Heckel, Paula Modersohn-Becker - und wieder Emil Nolde im Bestand haben.

Vor zwei Jahren hat der WDR Werke aus seiner Kunstsammlung verkauft bzw. versteigert. Man hätte auch das Sonnenblumen-Bild verkaufen können. Hat der NDR darüber nachgedacht?

Christophersen: Nach dem Diebstahl der Nolde-Bilder 1979 gab es durchaus Verkäufe, die aber vor allem versicherungsbedingt waren: Die Versicherung schien zu teuer, die Sicherheit der Werke nicht mehr gewährleistet. Das mit dem Kauf erlöste Geld floss dann in eine neues Konzept, zu dem sich der NDR vor mehr als 20 Jahren entschlossen hat: in die Wanderausstellung "Weite und Licht. Norddeutsche Landschaften" - erstmals gezeigt 1998 in Husum. Bei "Weite und Licht" werden die Bilder dem Publikum zugänglich gemacht. Ein bloßer Verkauf hätte die Bilder womöglich irgendwo im Privatbesitz verschwinden lassen. Und auf diese Weise kann der NDR auch Mitgestalter der Kultur im Norden sein. Und das gilt jetzt auch für das Sonnenblumen-Bild. Der NDR wird das Bild auf die Reise schicken: In den vier Ländern des Sendegebiets soll es gezeigt werden, Hannover macht den Start. Dort wird das Gemälde vom Frühjahr 2019 an im Sprengel Museum gezeigt. Danach wird es in den Kunsthallen von Hamburg und Kiel sowie im Staatlichen Museum Schwerin zu sehen sein.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Weitere Informationen
NDR Kultur

Feature: Das Geheimnis der Sonnenblumen

27.11.2018 20:00 Uhr
NDR Kultur

Eine Kunst-Geschichte, so spannend wie ein Krimi: 1979 werden aus Büros des NDR zwei Emil-Nolde-Gemälde gestohlen. Fast 40 Jahre bleiben sie verschollen - jetzt ist eines wieder aufgetaucht. mehr mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.11.2018 | 19:00 Uhr

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr