Stand: 21.08.2018 16:47 Uhr

Ungarisches TV: Bühne für AfD-Politiker

von Inga Mathwig
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Wenn im ungarischen TV-Sender M1 über die Flüchtlinge in Deutschland berichtet wird, kommt oft die AfD zu Wort - ohne genannt zu werden.

Deutschland 2018: ein brandgefährliches Pflaster. So muss es jedenfalls auf Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Ungarn wirken. Wöchentlich erscheinen Berichte über mutmaßlich gewalttätige Migranten und verängstigte Deutsche, die sich abends nur noch bewaffnet auf die Straße wagen. So wie Marie-Thérèse Kaiser. Die 21-jährige Studentin sagt im Telefoninterview mit dem ungarischen Sender M1 in der vergangenen Woche, sie traue sich nach der mutmaßlichen Vergewaltigung eines Mädchens in der Hamburger Innenstadt nicht mehr ohne Pfefferspray aus dem Haus. Was unerwähnt bleibt: Marie-Thérèse Kaiser ist Kreisvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) in Rotenburg (Wümme).

AfD-Politiker Michael Poschart als besorgter hamburger Anwohner im ungarischen Fernsehen.

Ungarisches TV: Bühne für AfD-Politiker

ZAPP -

"Besorgte Bürger" kommen im ungarischen TV zu Wort und zeichnen ein verzerrtes Deutschland-Bild - kein Wunder, handelt es sich doch um AfD-Politiker.

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Ungarisches TV zeigt "besorgte Bürger" - mit AfD-Parteibuch

Kaiser sieht darin kein Problem. Sie habe sich weder als Politikerin vorgestellt, noch sei sie danach gefragt worden. "Ich habe das Interview als Privatperson gegeben, nicht als Mitglied des Kreisvorstandes. Es ging um mein persönliches Empfinden als junge Frau, die in Hamburg lebt", teilt sie auf Anfrage von ZAPP mit. Dass ausgerechnet sie vom ungarischen TV befragt wurde, ist aber offenbar kein Zufall. Eine Demonstrantin aus Kandel habe der ungarischen Reporterin ihre Telefonnummer gegeben, schreibt Kaiser. Auffällig ist: Auch in Kandel hat der ungarische Sender bereits Interviews mit AfD-Politikern gedreht, etwa mit der stellvertretenden AfD-Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg, Christina Baum. Aus dem Umfeld der Kandel-Demos tritt außerdem die ehemalige Landauer AfD-Stadträtin Myriam Kern im ungarischen Fernsehen auf. Der politische Hintergrund beider Frauen bleibt abermals unerwähnt.

"Correctiv"-Journalistin fällt versteckte AfD-Präsenz im TV auf

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"Correctiv"-Journalistin Marta Orosz sind in mehreren ungarischen TV-Berichten AfD-Politiker aufgefallen, die nicht als solche kenntlich gemacht wurden.

Dies sind nur drei von in diesem Jahr mindestens acht Fällen, in denen aktive oder ehemalige AfD-Politiker im ungarischen Fernsehen auftauchen, ohne dass ihre Parteizugehörigkeit genannt wird. In allen Beiträgen geht es um Probleme, die die Zuwanderung verursacht haben soll. Aufgeschrieben hat das die ungarisch-deutsche Journalistin Marta Orosz vom Recherchezentrum "Correctiv". Ihr sei aufgefallen, wie ein Mann namens Michael Poschart im März in einem Beitrag auftaucht - und dann erneut, zwei Wochen später, in einem weiteren Film.

Wichtige Informationen werden nicht genannt

In keinem der beiden Beiträge wird gesagt, dass Poschart Kreisvorsitzender der AfD in Pinneberg (Schleswig-Holstein) ist. Im Gegenteil: Im Beitrag vom April wird gar suggeriert, dass Michael Poschart im Hamburger Stadtteil Sternschanze wohnt. Darin erklärt er dem ungarischen Publikum: "Wir haben es beobachtet, wenn mehr als 30 Prozent Ausländer im Haus sind, dann werden sie gewalttätiger und verjagen die Deutschen. Wir verlieren ein Haus, einen Wohnblock, eine Straße und ein Viertel. Und dann auch ganze Städte." Dabei lebt und arbeitet Michael Poschart im südlichen Schleswig-Holstein.

O-Ton-Netzwerk der Journalistin aus AfD-Mitgliedern?

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Der Kreisvorsitzende der AfD Pinneberg, Michael Poschart, habe sich der Journalistin als Politiker vorgestellt.

"Über die Sternschanze weiß ich wahrscheinlich nicht allzu viel. Das sind Gebiete, in denen ich mich nicht allzu oft aufhalte", räumt Poschart im Interview mit ZAPP ein. Er ist der einzige von insgesamt vier angefragten AfD-Politikern, der zu einem Interview bereit ist. Mit dem ungarischen Fernsehteam habe er sich nur in der Sternschanze verabredet, da er einen Termin in der Nähe gehabt habe. Zur Entstehung des Beitrags erklärt er: "Ich wurde angeschrieben und habe ganz offiziell geantwortet als Kreisvorsitzender der Alternative für Deutschland." Er habe den Film danach aber "nicht nachgeprüft". Die Mail, die Poschart erhalten hat, stammt von der gleichen ungarischen Reporterin, die bereits in Kandel mit Christina Baum und Myriam Kern gedreht hat.

Interviewpartner, die der ungarischen Regierung gefallen?

Die "Correctiv"-Autorin Marta Orosz hält es für möglich, dass sich die ungarische Journalistin von M1 ein Netzwerk aus "guten" Interviewpartnern aufgebaut hat. Orosz hat bis September vergangenen Jahres selbst als Radioreporterin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Ungarn gearbeitet. Sie kennt die Direktive aus der Chefetage: "Wenn man jeden Tag Berichte produzieren muss, in denen nur eine einzige Meinung vorkommen soll, dann braucht man diese Personen, denen man vertrauen kann. Von denen man weiß, die werden genau das erzählen, was auch meinen Chefs und der Regierung gefällt."

Einseitiges Bild von Deutschland wird verbreitet

Hat sich die ungarische Reporterin von M1 etwa ganz bewusst dieses Netzwerk aufgebaut? Bestehend aus AfD-Politikern, die darin keinerlei Problem sehen? Unsere Anfragen an M1 und die ungarische Reporterin bleiben unbeantwortet. Klar ist aber: Die AfD-Politiker helfen dabei, ein einseitiges Bild von Deutschland im ungarischen Fernsehen zu zeichnen. In einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der nicht mehr als unabhängiges Medium, sondern ganz klar politisch agiert: im Sinne der rechtspopulistischen Politik der ungarischen Regierung unter Viktor Orban.

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ZAPP | 22.08.2018 | 23:20 Uhr