Stand: 08.10.2018 15:36 Uhr

Zentrale der Macht: Die Kaiserpfalz in Goslar

Politische Machtkämpfe und Reichstage, die Geburt des später exkommunizierten Kaisers Heinrich IV. und die Krönung eines Gegenkönigs: In der Kaiserpfalz in Goslar machten einst die Großen und Mächtigen Weltpolitik. Was hier geschah, bewegte im Hochmitttelalter das Deutsche Reich und seine Nachbarländer.

Die Kaiserpfalz - Prachtbau der Romanik

Ein Prachtbau für den Kaiser

Stichwort: Pfalz

Eine Pfalz war im Mittelalter ein Stützpunkt für den reisenden König. Dieser hatte noch keine Hauptstadt, sondern regierte von wechselnden Orten aus, um so den Kontakt zu seinen Vasallen zu halten. Die Pfalzen bestanden meist aus größeren Gutshöfen mit einer angegliederten Kapelle und einem Königssaal. Sie wurden im Abstand von etwa 40 Kilometern errichtet - das entsprach einer Tagesreise des Königs samt Gefolge. Besonders wichtig waren Pfalzen, in denen sich der König über längere Zeit oder zu wichtigen Feiertagen aufhielt. Der Begriff Pfalz leitet sich von dem lateinischen Wort "Palatium" für Palast ab.

Das Silber aus der nebenan gelegenen Mine im Rammelsberg hatte Goslar im 10. Jahrhundert reich gemacht und Kaiser Heinrich II. kurz nach dem Jahr 1000 dazu bewegt, an diesem Ort eine Kaiserpfalz anzulegen. Sein Nachfolger, Heinrich III., ließ die Anlage zwischen 1040 und 1050 ausbauen: Mit 54 Metern Länge war das Kaiserhaus das längste weltliche Gebäude seiner Zeit. Der zweigeschossige Saalbau mit den Arkaden im Obergeschoss stammt aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Der sieben Meter hohe Thronsaal war dem Kaiser und seinem Gefolge vorbehalten, der untere Saal war auch Hofleuten niederen Ranges zugänglich. Durch einen Arkadengang verbunden ist die Ulrichskapelle. Dort befindet sich das Grab Heinrichs III. Es lag ursprünglich im Dom, der einst unmittelbar vor der Kaiserpfalz stand.

Verfall und Wiederaufbau: Vom Lagerhaus zum Welterbe

Im 13. Jahrhundert verlor die Kaiserpfalz in Goslar an politischer Bedeutung, 1289 zerstörte ein Brand viele Gebäude. Danach wurde der Bau zweckentfremdet, diente als Lagerhaus, die Kapelle wurde zum Gefängnis umfunktioniert. 1819 wurde der damals baufällige Dom fast vollständig abgerissen. Heute steht von dem Gotteshaus nur noch eine Vorhalle. Im Pflaster des Parkplatzes ist der einstige Grundriss des Doms eingelassen, um dem Besucher einen Eindruck von den Ausmaßen des Baus zu vermitteln.

Heinrich Heine über die Kaiserpfalz

"Ich hatte von dem uralten Dom und von dem berühmten Kaiserstuhl gelesen. Als ich aber beides besehen wollte, sagte man mir: der Dom sei niedergerissen und der Kaiserstuhl nach Berlin gebracht worden. Wir leben in einer bedeutungsschweren Zeit: Tausendjährige Dome werden abgebrochen und Kaiserstühle in die Rumpelkammer geworfen."
Aus Heines "Harzreise" von 1824.

Bis zu seinem Abriss befand sich im Dom der berühmte Kaiserstuhl mit kunstvoll verzierten bronzenen Lehnen aus dem 11. Jahrhundert. Der Stuhl diente 1871 Kaiser Wilhelm I. in Berlin als Thron bei der Eröffnung des ersten Reichstags des neuen Deutschen Reiches. Heute steht das einzigartige mittelalterliche Kunstwerk wieder in der Domvorhalle der Kaiserpfalz.

UNESCO-Welterbe seit 1992

Bild vergrößern
Majestätisch grüßen die Reiterstandbilder der Kaiser Wilhelm I. und Friedrich Barbarossa am Eingang zur Kaiserpfalz.

Ende des 19. Jahrhundert ließ die Stadt die Anlage restaurieren. Der Kaisersaal erhielt im Inneren die bis heute erhaltenen monumentalen Wandgemälde mit Szenen aus der deutschen Geschichte, Märchen und Sagen. Im Jahr 1900 kamen vor dem Gebäude die beiden Reiterstandbilder hinzu: Auf der einen Seite Kaiser Friedrich Barbarossa, Symbolfigur des ersten Deutschen Reichs. Der Sage nach kehrt Barbarossa dereinst zurück, um das Reich zu erneuern. Daneben steht Wilhelm I., erster Kaiser des 1871 gegründeten zweiten Deutschen Reichs. Seit 1992 zählt die eindrucksvolle mittelalterliche Anlage zum Weltkulturerbe. Als elfte deutsche Welterbestätte nahm die UNESCO die Kaiserpfalz gemeinsam mit der Altstadt von Goslar und dem Bergwerk Rammelsberg in ihre Liste auf.

Wie die Landschaften – das Wattenmeer, das Weserbergland oder die mecklenburgischen Seenplatte – prägen auch herausragende Bauwerke das Bild vom Norddeutschland. Sie haben identitätsstiftende Wirkung für die Menschen, die hier leben, und sind Teil ihrer Heimat. Hubertus Meyer-Burckhardt nimmt unsere Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf eine Reise durch ihr Land. Er trifft Historiker und Handwerker. Durch szenische Rückblicke wird die Geschichte hinter den „Jahrhundertbauten des Nordens“ anschaulich erzählt. © NDR/Gruppe 5 Filmproduktion GmbH

Jahrhundertbauten des Nordens

Unsere Geschichte

Hubertus Meyer-Burckhardt unternimmt eine abenteuerliche Forschungsreise zu spektakulären Bauwerken in Norddeutschland. Sein Credo: Steine erzählen Geschichte.

3,41 bei 75 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Karte: Die Kaiserpfalz in Goslar
Stadtporträt

Goslar: Kulturstadt am Harz

Kaiserpfalz, Erzbergwerk und viel Fachwerk: Zeugnisse aus Goslars langer Geschichte sind bei einem Rundgang überall sichtbar. Tipps für einen Besuch der UNESCO-Welterbe-Stadt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 03.10.2018 | 20:15 Uhr

Urlaubsregionen im Norden

Mehr Ratgeber

01:55
Rund um den Michel