Stand: 17.01.2018 11:40 Uhr

"Schädel X" beleuchtet dunkle Kolonialgeschichte

von Anette Schneider

Der Schauspieler Konradin Kunze steht auf der kleinen Bühne des alten Hörsaals im Völkerkundemuseum Hamburg. Er zitiert aus den ethnografischen Anleitungen des Arztes Felix von Luschan aus dem Jahr 1899, der damals deutsche Kolonialbeamte dazu aufrief, doch aus den besetzten Ländern Schädel von Einheimischen nach Deutschland zu schicken: "Besonders ist auf gute Verpackung zu achten. Die Sendungen sind an das Königliche Museum für Völkerkunde Berlin zu richten."

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Tausende Schädel von Ermordeten aus der Kolonialzeit lagern in deutschen Depots (Symbolfoto).

Das Projekt "Schädel X" der freien Theatergruppe Flinn Works kreist um ein besonders düsteres und fast unbekanntes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte - um Schädel aus deutschen Kolonien, die um 1900 Medizinern, Anthropologen und Museumsleuten dazu dienten, sogenannte Rasse-Theorien zu entwickeln, die die angebliche Höherwertigkeit der weißen Rasse belegen und damit das Recht auf Unterdrückung anderer Völker festschreiben sollten. "Man dachte, dass man den Schädel am meisten 'herauslesen' kann. Und plötzlich hatte man mit den Kolonien auch eine Möglichkeit, Menschen als Objekte, als Material zu nutzen", so Kunze.

8.000 Schädel allein in Berlin

Kunze führt durch die "postkoloniale Lecture Performance" der Berliner und Kasseler Theatergruppe, die sich seit Jahren mit den Folgen des deutschen Kolonialismus beschäftigt. Bei Recherchen in Tansania stieß sie auf die Geschichte geraubter Schädel, die ermordeten Einheimischen abgeschnitten und nach Deutschland entführt wurden, wo sie seit mehr als 100 Jahren in Depots lagern. 8.000 sollen es allein in Berliner Museen sein. "Es gibt Fälle, da weiß man es relativ sicher", sagt Kunze. "Das sind dann zum Beispiel 'Chiefs', Widerstandskämpfer gegen die koloniale Staatsgewalt, von denen man weiß, dass sie hingerichtet wurden. Der Rest der Schädel, der überwiegende Teil, sind heute leider namenlose Schädel."

Eindringlich und verstörend

Der Schauspieler liefert eine ebenso eindringliche wie verstörende Performance. Verbunden mit einer aufwendigen Geräusch- und Bild-Collage, erzählt er anhand historischer Dokumente, alter Lieder, aktueller Film-Interviews mit Nachfahren aus Namibia und Tansania sowie der sarkastischen Vorführung rassistischer Vermessungspraktiken exemplarisch die wahre Geschichte zweier Schädel. Einer von ihnen ist real anwesend und für ihn schlüpft Kunze in die Rolle des "Konradin Ziegenhals", der den Schädel von seiner Familie erbte. Kunze erläutert: "Irgendwann wird ihm klar: Dieser Schädel stammt womöglich aus dem Völkermord in Namibia, denn sein Großonkel war Missionar in der Zeit. Und er macht sich auf die Suche - wem könnte dieser Schädel gehört haben? Und wie kann er ihn zurückgeben?"

Geschichte wird verdrängt

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Die Kolonialzeit in Afrika ist ein sehr dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Die zweite Geschichte erzählt die Suche nach dem Schädel eines tansanischen Chiefs, der um 1900 den Deutschen Unterdrückern Widerstand leistete. Der Abend zeigt auch, wie die ungeheuerliche Geschichte der geraubten Schädel in Deutschland noch immer verdrängt wird. "Man will vermeiden, Reparationen zu zahlen. Es ist ein Spiel auf Zeit: Man wartet, bis die Geschichte vergessen ist und die entsprechenden Menschen vielleicht gestorben sind", kommentiert Kunze.

"Schädel X" allerdings macht klar: Der Versuch, das Ungeheuerliche auszusitzen, wird scheitern. Nachfahren und politisch Engagierte wird man künftig auch dank der Arbeit von Flinn Works nicht mehr ignorieren können.

"Schädel X" beleuchtet dunkle Kolonialgeschichte

Das Projekt "Schädel X" beleuchtet ein finsteres Kapitel deutscher Kolonialgeschichte: Noch immer ruhen in Depots mutmaßlich Tausende Schädel damals ermordeter Menschen.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Museum für Völkerkunde
Rothenbaumchaussee 64
20148  Hamburg
Öffnungszeiten:
Die Kasse öffnet eine Stunde vor Vorstellungsbeginn: 17 Euro, ermäßigt 9 Euro
Hinweis:
Triggerwarnung: In der Performance werden anthropologische Praktiken nachgestellt und historische Texte aus der Kolonialzeit verwendet, die rassistisch sind.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 17.01.2018 | 14:20 Uhr

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