Stand: 14.07.2020 10:12 Uhr  - NDR Kultur

"Calmeyer-Haus": Symposium soll Klarheit bringen

von Birgit Schütte

Das geplante Osnabrücker "Calmeyer-Haus" hat schon für viel Wirbel gesorgt: Die einen sehen den Osnabrücker Juristen Hans Calmeyer als Kriegsverbrecher, die anderen als Widerstandskämpfer. Calmeyer war von 1941 bis 1944 Rassereferent in der deutschen Besatzungsbehörde im niederländischen Den Haag. Dort rettete er knapp 3.000 jüdischen Menschen das Leben, indem er falsche Papiere unterschrieb. Das steht mittlerweile außer Frage. Aber er war auch NS-Funktionär. Nun tagte in Osnabrück der wissenschaftliche Beirat zur Museumsgründung. Außerdem wurde ein Konzept für das neue Museum, das 2023 eröffnet werden soll, vorgestellt und der umstrittene Name "Calmeyer-Haus" erst einmal auf Eis gelegt.

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Die "Villa Schlikker" in Osnabrück soll sich zukünftig mit der Geschichte des Juristen Hans Calmeyer befassen.

"Ich war kurz davor, wegen der Anwürfe gegenüber dem Beirat hinzuschmeißen. Wir seien keine Wissenschaftler. Wir würden uns nicht auskennen, hieß es. Mir ist immer klarer: Das ist ein nicht einfaches, aber ein lohnendes Projekt." Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats zum Museum, der Historiker und Geschichtsdidaktiker Alfons Kenkmann, sitzt zwischen den Fronten. Auf der einen Seite steht die Osnabrücker Calmeyer-Initiative, die als erste die Idee zu einem Calmeyer-Haus hatte. Die Initiative sieht Calmeyer als Widerstandskämpfer und Helden. Auf der anderen Seite steht die massive Kritik aus den Niederlanden, mit einer Petition an die Bundesregierung. "Außer Zweifel steht, dass Calmeyer aus freien Stücken Mitglied der Besatzungsbehörde wurde. Er beteiligte sich aktiv an der Vernichtung von mindestens 104.000 in den Niederlanden ansässigen Juden. Daher kann man ihn schwerlich ohne Vorbehalt als Helden bezeichnen", erklärt Kenkmann. "Er funktionierte innerhalb des Systems und handelte gemäß den Richtlinien des Systems."

Wissenschaftlicher Beirat will Diskussion um Calmeyer-Haus weiterführen

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Mehr als 200 niederländische Historiker, Politiker und Überlebende des Holocaust haben die Petition unterschrieben. Sie verlangen von Bundeskanzlerin Merkel, das geplante Osnabrücker Calmeyer-Haus nicht zu unterstützen. Der Bund finanziert den Umbau mit 1,7 Millionen Euro. Das Geld dürfe nicht an ein Haus gehen, das den Namen eines hohen Beamten des Naziregimes tragen soll. Denn als Helden oder Gerechten unter den Völkern, wie die israelische Gedenkstätte Yad Vashem, sehen sie Hans Calmeyer nicht.

Rolle Hans Calmeyers soll überprüft werden

Der wissenschaftliche Beirat hat aufgrund der Kritik nun beschlossen, sowohl Calmeyers Ernennung als Gerechten unter den Völkern von 1992 zu überprüfen als auch die Rolle von Calmeyer im gesamten Netzwerk der deutschen Besatzungsbehörde. Die Diskussionen werden im wissenschaftlichen Beirat weitergeführt, so Kenkmann: "Diese beiden Stränge geben wir auf den Weg. Wir wollen ein Symposium machen, auf dem wir genau die Forschungsfragen bereden. Aber auf dieses Symposium wollen wir auch die niederländischen Petitenten, die sich ja gegen die Benennung 'Calmeyer Haus' gewendet haben, einladen. Nachdem wir dieses Symposium haben und die beiden Forschungsaufträge, kann man gegebenenfalls noch einmal über einen neuen Namen nachdenken."

Heldengedenken nicht beabsichtigt

Vorerst lautet der Arbeitstitel zum neuen Museum "Neukonzeption der Villa Schlikker". Die Diskurse um Hans Calmeyer haben einiges in Bewegung gebracht. Osnabrücks erster Stadtrat Wolfgang Beckermann, zuständig für Kultur, erklärt: "Es war von vornherein klar, dass mit Calmeyer auch eine gewissen Ambivalenz verbunden ist. Er konnte Leben retten, aber auch in etlichen Fällen nicht. Deshalb war nie die Absicht da, damit ein Heldengedenken zu verbinden, sondern eine kritische Auseinandersetzung, die auch für uns heute von Bedeutung ist."

Neues Museum als Denkort

In dem neuen Museum soll nicht nur das Leben Hans Calmeyers erzählt werden, das Haus soll ein Denkort werden. Im obersten Stockwerk der Villa Schlikker, dem ehemaligen Hauptquartier der NSDAP, soll ein Friedenslabor entstehen, wo sich zum Beispiel internationale Gruppen junger Menschen treffen, um Themen wie Rassismus oder Zivilcourage zu bearbeiten. Dafür bietet sowohl die Geschichte des Ortes als auch das Leben Calmeyers sicherlich viel Stoff: Was wäre gewesen, wenn nicht Calmeyer Rassereferent geworden wäre, sondern ein anderer? Wären dann die 3.000 jüdischen Menschen auch gerettet worden? Oder: Darf man innerhalb eines Terrorsystems mitmachen, um es zu sabotieren? Auch Calmeyer selbst hat in den Jahren nach dem Krieg immer mit seiner Geschichte gehadert, das sagte er in einem Interview: "Man war sehr allein. Man vertraute sich rückhaltlos anderen Landsleuten an und fand keinerlei Verständnis dafür."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.07.2020 | 08:00 Uhr

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