Moderatorin Ariane Reimers und Nora Bossong beim History Forum der Körber Stiftung © David Ausserhofer/Körber-Stiftung Foto: David Ausserhofer

Körber History Forum: Schmerzhafte Fragen an die europäische Identität

Stand: 20.05.2021 12:26 Uhr

Seit 2016 veranstaltet die Körber-Stiftung das History Forum, bei dem es um den Einfluss der Vergangenheit auf Gegenwartsentwicklungen geht. 2021 war das Oberthema "Putting Crisis in Context", also "Die Krise in den Kontext stellen".

von Claas Christophersen

Eine Momentaufnahme vom History Forum der Körber-Stiftung: Auf einem ins Netz übertragenen Podium fragt Moderatorin Ariane Reimers vom ARD Hauptstadtstudio in Berlin die neben ihr sitzende Schriftstellerin Nora Bossong, ob eine europäische Identität vielleicht der Ausweg aus den vielen Krisen der EU wäre. Da unterbricht, per Video zugeschaltet, Alexander Stubb, ehemaliger finnischer Premierminister und jetzt Wissenschaftler am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Er sagt, europäische Identität gäbe es beim ESC, dem Eurovision Song Contest. Immerhin! Aber sonst, so muss man sich wohl hinzudenken, wohl eher nicht. So sieht es auch die deutsche Autorin Nora Bossong: Bei den wirklich wichtigen politischen Fragen dächten die Meisten doch weiterhin national. Diskussionspartner Alexander Stubb findet, es gebe immerhin Fortschritte gegenüber den Herausforderungen der jüngeren Vergangenheit. In der Corona-Krise sei die EU mehr als nur eine Schönwetter-Organisation gewesen. Letztlich habe sie ein riesiges Rettungspaket für Pandemie-Hilfen geschnürt und die Impfstoffbeschaffung als Gemeinschaftsaufgabe bewerkstelligt.

Corona als eines der Themen der Geschichtsveranstaltung

Um Corona geht es bei der Geschichtsveranstaltung der Körber-Stiftung natürlich immer wieder. Auf einem Podium zu Gesundheit und Menschenrechten vergleicht der britische Autor und Journalist Mark Honigsbaum die heutige Situation mit der Spanischen Grippe, die vor etwa hundert Jahren wütete. Sie gilt als "vergessene Pandemie" - nicht nur, aber auch, weil damals noch nicht jedes Detail in den Medien rauf- und runterdiskutiert wurde und viele deshalb das ganze Ausmaß der Seuche gar nicht mitbekamen.

Drängende Fragen der Gegenwart im historischen Kontext

In den besten Momenten der Konferenz gelingt es den Expertinnen und Experten, den vielen drängenden Fragen der Gegenwart historische Tiefenschärfe zu geben - letztlich sogar im schwierigen Fall der europäischen Identität, auf einem Podium, das die Körber-Stiftung in Kooperation mit dem Kulturjournal des NDR veranstaltet und bei dem es um die Frage geht, wie schwarz Europa sei. Die Rassismus-Forscherin Fatima El-Tayeb von der University of California argumentiert dabei, dass sich europäische Identität immer in Abgrenzung zu abgewerteten Anderen - zum Beispiel den angeblich "primitiven" Afrikanern - gebildet habe. Das bedeutet: Rassismus könnten Europäer nicht einfach als rechtsextremes Randphänomen abtun.

Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft

Es sei ein schmerzhafter Erkenntnisprozess, dass Rassismus der Mitte der Gesellschaft entspringe, sagt El-Tayeb, dass er also fester Bestandteil europäischer Identität sei. Das zu ändern, könnte man durchaus als historische Aufgabe bezeichnen.

Von solchen Aufgaben, das zeigt das History Forum, gibt es viele, und vielleicht hätte der Fokus auf ein Thema dem Format gut getan. Doch ausgeglichen wurde diese kleine Schwäche durch die beeindruckende sachliche Leidenschaft, mit der die Gäste ihre Standpunkte und Argumente durchgehend vortrugen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.05.2021 | 19:00 Uhr