Stand: 10.01.2018 19:06 Uhr

Spengler über "Die drei Sonnen": "packend"

Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller in China haben es nicht leicht, können nur unter bestimmten Bedingungen arbeiten und schreiben. Zur Einstimmung auf das Hörspiel "Die drei Sonnen" von Liu Cixin spricht der Sinologe und Schriftsteller Tilman Spengler über das Land, dessen Lage er seit Jahren beobachtet. Und: Er hat "Die drei Sonnen" gelesen.

Herr Spengler, im Roman "Die drei Sonnen" nehmen Außerirdische aus einem anderen Sonnensystem Kontakt zur Erde auf. Die eindeutige Botschaft: "Antwortet nicht, sonst wird eure Welt erobert." Eine der Hauptfiguren, eine chinesische Astrophysikerin, hält sich nicht daran, sie antwortet, weil sie der Überzeugung ist: Die Aliens sollen kommen, um die Erde vor den Menschen zu retten. Denn die Folgen der Umweltzerstörung, des Klimawandels scheint man nicht mehr in den Griff zu bekommen. Eine höchst politische Geschichte - wie kann in China doch so offen geschrieben werden?

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"Science-Fiction ist eine der angesagtesten Formen der Literatur in der Volksrepublik", sagt Tilman Spengler.

Tilman Spengler: Das ist eine Frage der Interpretation. Der Autor kann sagen - und dieser Autor Liu Cixin sagt es auch -, dass er einfach ein Science-Fiction-Autor sei und Politik interessiere ihn nicht, basta. Das kann man so sagen, das muss man nicht glauben, das kann man glauben. Aber das geht offenbar ganz gut, denn Science-Fiction-Literatur hat in China eine große Verbreitung. Es gibt nicht nur Liu Cixin, es gibt auch eine sehr bekannte Frau, Hao Jingfang, die auch gerade einen renommierten Preis für Science-Fiction-Literatur gewonnen hat. Man kann sagen, es ist eine der im Augenblick angesagtesten Formen der Literatur in der Volksrepublik. Wobei man sagen kann, dass das Wort "Fiction" im Chinesischen noch ein bisschen etwas von Gespenstern hat, es gruselt etwas mehr.

Also Gespenster, Gruseln, Naturwissenschaft, Kulturrevolution - spielt der Autor hier über die Bande? Wird nicht doch ganz konkret die gesellschaftliche Realität kritisiert?

Spengler: Das kann man mit jeder Form der Literatur machen. In der DDR haben die Schriftsteller sich eine andere Form von Science-Fiction gesucht. Denken Sie an Christa Wolf, die ihre Science-Fiction gesucht hat in Stoffen aus der griechischen Tragödie oder dem griechischen Mythos. Es gibt immer Ausweichsbereiche, in die sich die Autoren begeben können, um die Sachen nicht so direkt zu konfrontieren.

Das ist ja auch eine Herausforderung für den Leser: Roland Barthes sagte schon vor vielen Jahren, die sinngebende Macht liege beim Leser, nicht beim Autor. Trifft das zu auf die chinesische Literatur: Man muss verschlüsselt schreiben, und der Leser muss die Botschaft verstehen?

Spengler: Natürlich hat Roland Barthes Recht. Jeder Leser liest sich seinen eigenen Roman. Das ist natürlich kein ganz freier Bezug, sonst bräuchte man keine Zensur. Aber das ist ein Spiel zwischen Leser, Autor, Zensur, öffentlicher Meinung, Kritik. Dieser Roman ist einfach so lesenswert als Roman.

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Science-Fiction-Hörspiel: "Die drei Sonnen"

10.01.2018 20:00 Uhr
NDR Kultur

Cixin Liu legt den Ausgangspunkt seines Science-Fiction-Romans ins China des Jahres 1967. Das Hörspiel in zwölf Teilen erzählt vom größtmöglichen Verrat an der Menschheit. mehr

Spengler: Lesenswert ist die Abrechnung mit der chinesischen Geschichte - es fängt ja in der chinesischen Kulturrevolution an, in einer Zeit, die mit zu der bittersten Periode der Nachkriegsgeschichte oder der Geschichte seit Gründung der Volksrepublik 1949 gehört. Liu Cixin verarbeitet noch einmal all diese Problematiken, die da entstanden sind, und die zu großen Teilen heutzutage nicht mehr diskutiert werden. Es führt in eine spannende Welt von Technik ein und zeigt eine beklagenswerte, aber doch eindrucksvolle Frauengestalt, diese Astrophysikerin, die dann zu den Außerirdischen sagt: "Bitte räumt auf - hier sind die Probleme zu groß." Das ist ein schöner Stoff, es ist packend geschrieben und es ist nicht Pappmaché-Literatur - Martina Hasse hat es auch hervorragend übersetzt.

Sie haben öfter das Wort "Zensur" benutzt. Welche Bereiche, welche Themen sind besonders sensibel? Worüber darf auf keinen Fall in China geschrieben werden?

Spengler: Es gibt klassische Bereiche, über die nichts geschrieben werden soll, darf und wohl auch in absehbarer Zeit wird. Das wäre zum Beispiel die Geschichte des Aufstandes von 1989, von Tian'anmen, und ein paar andere Kapitel aus der Parteigeschichte. Es gibt andere Kapitel der chinesischen Geschichte, da konnte man nie etwas darüber schreiben, etwa die Geschichte des Widerstandskampfes gegen die Japaner, also den "Langen Marsch" - da durfte man nur positiv darüber schreiben. Das kann man jetzt sehr viel differenzierter auch in China beschreiben. Es gibt also absolute Tabuzonen, da bricht man sich den Hals als Schriftsteller - es gibt aber auch Zonen, die langsam erobert werden.

Tilman Spengler, Autor und Sinologe. © dpa Fotograf: Marion Gröning

"Schöner Stoff, packend geschrieben"

NDR Kultur -

Zum Auftakt des Hörspiels "Die drei Sonnen" spricht der Schriftsteller und Sinologe Tilman Spengler über den Roman von Liu Cixin und über die politische Lage in China.

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Es gibt aber auch noch ein anderes Problem: Es ist so, dass politische Literatur nicht der heißeste Renner wäre, selbst wenn sie erlaubt wäre. Das politische Interesse allgemein in der Bevölkerung, zumal in der jugendlichen, ist nicht wahnsinnig geschärft.

Sie haben aber gesagt, Science-Fiction sei so erfolgreich. Ist das vielleicht ein kluger Schachzug, sich dieses Genres zu bedienen, um damit die Leser anzusprechen?

Spengler: Dumm ist es nicht, wenn es gut gemacht ist. Es gibt ja auch trostlos langweilige Science-Fiction-Geschichten, und diese hier ist nicht trostlos langweilig, sondern packend und verbindet das eine mit dem anderen. Und die Schlüsse kann jeder selber ziehen.

Um mehr über China zu erfahren, ist es auch nötig, dass Texte, Bücher übersetzt werden, dass solche Hörspiele produziert werden können. Sie lesen die Texte im Original - wir brauchen die Übersetzung. Hat sich da in den letzten Jahren, Jahrzehnten etwas in der Kunst und Qualität der Übersetzungen etwas getan?

Spengler: Es hat sich auch ein bisschen in der Breite etwas getan: Es werden viel mehr Sachen übersetzt als früher, und es ist vom akademischen Teil ein bisschen in die belletristische Aufmerksamkeit gerückt. Aber nach wie vor wird der große Taler nicht gemacht mit Romanen aus dem Chinesischen - und wenn dem nicht so ist, dann haben auch wenige deutsche Verlage Interesse daran, dieses zu fördern. Es ist also von der Marktsituation abhängig, und die Marktsituation war in den letzten Jahren nicht so wahnsinnig günstig.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.01.2018 | 19:00 Uhr

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