Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Demonstration des Bündnis "Leipzig nimmt Platz" stehen vor dem "Westin Hotel" Leipzig.  Foto: Dirk Knofe

Antisemitismus-Vorwürfe: Der Fall Gil Ofarim in neuem Licht

Stand: 30.10.2021 13:53 Uhr

Die Öffentlichkeit war schockiert, als der Musiker Gil Ofarim behauptete, in einem Leipziger Hotel antisemitisch angefeindet worden zu sein. Doch ist Gil Ofarim Opfer eines Antisemiten oder hat sich der Sänger die Geschichte nur ausgedacht?

Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Demonstration des Bündnis "Leipzig nimmt Platz" stehen vor dem "Westin Hotel" Leipzig.  Foto: Dirk Knofe
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Der mediale Aufschrei war groß als der Musiker Gil Ofarim in einem Instagram-Video behauptete, dass ein Hotelmitarbeiter in Leipzig - und womöglich ein weiterer Gast - ihn antisemitisch angefeindet hätten. Beweise lagen zu dieser Zeit noch keine vor, aber Gil Ofarim hatte in einem Video sehr schwerwiegende Anschuldigungen erhoben.

Der ZEIT-Redakteur Martin Machowecz hat nun zusammen mit seiner Kollegin Anne Hähnig recherchiert und einen Artikel geschrieben, wonach es vorerst keinerlei Hinweise darauf gebe, dass Ofarims Anschuldigungen stimmen. Es liegt sogar der Verdacht nahe, dass Ofarim mit seiner Anschuldigung dem Hotel-Mitarbeiter schaden wollte, weil er sich zuvor über ihn geärgert hatte.

Interne Untersuchung: Keiner der Zeugen kann die Diskriminierung bestätigen

Die Betreibergesellschaft des Leipziger Westin-Hotels hatte bei einer Anwaltskanzlei, die auf sogenannte Compliance-Untersuchungen spezialisiert ist, eine interne Untersuchung beauftragt. Im Untersuchungsbericht heißt es, dass keiner der befragten Zeugen bestätigt habe, dass eine antisemitische Diskriminierung erfolgt sei. Und es ergibt sich außerdem daraus, dass sich Gil Ofarim möglicherweise seinerseits in der Hotellobby daneben benommen habe.

Hat die deutsche Medienlandschaft ein Problem mit zu schneller Empörung?

Damals sind die Wellen relativ schnell hochgeschlagen. Haben Deutschlands Medien und Deutschlands Öffentlichkeit ein Problem mit zu schneller Empörung? "Das haben wir sowieso", findet ZEIT-Redakteur Martin Machowecz. Seit es die Sozialen Medien gibt, seien wir immer schneller in unseren Urteilen und in der Frage, wie wir Fälle analysieren und über sie berichten. Die Kritik ginge hier auch an die Medien und an manche Politiker. "Man ist einfach wahnsinnig schnell mit dem Urteil bei der Hand! Und in dem Fall Ofarim war es so, dass sofort ein Sturm der Entrüstung losbrach. Das öffentliche Urteil war im Grunde schon gefällt, bevor der Fall genauer unter die Lupe genommen wurde", so Machowecz.

Fall Gil Ofarim: Auch jetzt nicht abgeschlossen

Machowecz warnt aber weiterhin davor, den Fall schon abzuschließen. Denn zurzeit ermittelt noch die Staatsanwaltschaft. "Wir tun gut daran, wenn wir auch jetzt noch kühlen Kopf bewahren und uns genau anschauen, wie das weitergeht", sagt Machowecz. "Die ersten Zweifel am ursprünglich geschilderten Tathergang zeigen, dass wir so eine Empörungskultur nicht immer weiter mitspielen sollten, bevor wir uns überhaupt mal damit auseinandersetzen konnten." Jetzt seien Journalisten wirklich gefragt, lieber einen Tag länger zu recherchieren, bevor sie so einen Fall auf die Titelseiten stellen.

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Über den Instagram-Post von Gil Ofarim ist die Empörungswelle in Social Media groß geworden. "In dem Fall hatten wir zum Beispiel vom Bundesaußenminister bis zum sächsischen Vize-Ministerpräsidenten hochrangige Politiker, die sich schon entschuldigt und gesagt haben, dieser Vorfall sei zu verurteilen, und die eben nicht dazu aufgerufen haben, sich das erst mal ganz genau anzusehen", schildert Machowecz. Bei der Urteilsfällung sei insbesondere auf Social-Media-Kanälen zunächst Vorsicht geboten. Darin liege laut Machowecz das eigentliche Problem.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Momentan werden noch Zeugen vernommen und Forensiker schauen sich die Videoaufnahmen genau an. Zeigen die Überwachungskameras aus dem Hotel, dass er die Kette mit dem Davidstern, um die es in dem Video geht, getragen hat? Oder hat er sie nicht getragen? "Am Ende wird man zu einem Ergebnis kommen, das nicht hundertprozentig sein wird, sondern: mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es passiert oder nicht passiert", so Machowecz. Man solle noch ein, zwei Wochen warten, bevor man sein Urteil auf Basis dessen fällt, was die Staatsanwaltschaft mitteilt.

Im Fall Ofarim gibt es nur Verlierer

Momentan gebe es aber nur Verlierer. "Wir haben da einen beschuldigten Hotelmitarbeiter, der sich noch eine lange Zeit mit diesen Vorwürfen auseinandersetzen müssen wird. Und wir haben auch Gil Ofarim, der ja offenbar, was seine medialen Äußerungen vermuten lassen, sehr überzeugt davon ist, dass ihm das widerfahren sei, was er da behauptet hat. Es ist eine ganz vertrackte Situation", erklärt Machowecz. "Natürlich ist Antisemitismus ein riesiges Problem. Ich hoffe, dass der Fall Ofarim - egal wie er ausgeht - nicht dafür sorgen wird, dass man künftig Leuten nicht mehr glaubt, die sagen: 'Mir ist da etwas Furchtbares passiert.'" Wenn er zu irgendetwas führen sollt, dann zu der Erkenntnis, dass man sich diese Fälle immer erst einmal besonders genau anschauen sollte. Sollte sich dann herausstellen, dass so etwas wirklich passiert ist, dann müsse man diese Fälle scharf verurteilen und ganz klar über Antisemitismus als Problem in unserer Gesellschaft sprechen.

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