Stand: 10.07.2018 20:57 Uhr

Wustrow: Naturparadies an der Ostsee

Die Halbinsel Wustrow aus dem Flugzeug fotografiert: im Vordergrund die Nehrung "Kieler Ort", dahinter die Kroy, links die Ostsee und rechts das Salzhaff. © Andreas Herrmann
Wie ein Kleinod liegt Wustrow zwischen der Ostsee und dem Salzhaff.

Die blaue Ostsee und ein kilometerlanger Sandstrand auf der einen, das malerische Salzhaff auf der anderen Seite: Die Halbinsel Wustrow ist ein besonderes Fleckchen Erde. Was nach einem idealen Urlaubsort klingt, ist jedoch seit Jahrzehnten für die Öffentlichkeit gesperrt. Denn Wustrow ist ehemaliges Militärgelände. Baufällige Ruinen und Hohlräume sowie militärische Altlasten könnten Besuchern gefährlich werden.

VIDEO: Halbinsel Wustrow: Vom Sperrgebiet zur Geisterstadt (1 Min)

Erst seit diesem Jahr wird die Halbinsel, die über den 300 Meter schmalen "Wustrower Hals" im Norden mit dem Ostseebad Rerik verbunden ist, unter Auflagen teilweise wieder zugänglich gemacht. Interessierte können an Kutschfahrten und geführten Wanderungen teilnehmen. Buchungen sind über die Kurverwaltung Rerik möglich, die zweieinhalbstündige Kutschfahrt kostet 17 Euro für Erwachsene und 10 Euro für Kinder, die zweistündige Wanderung 10 Euro.

Pläne für Feriensiedlung auf Wustrow scheiterten

Ein Zaun mit mit Warnschild steht vor Häusern auf der Ostseehalbinsel Wustrow.  Foto: Bernd Wüstneck
60 Jahre militärische Nutzung haben Spuren hinterlassen: Auf Wustrow wurden knapp 50 Tonnen Munition gefunden.

Ursprünglich sollte auf Wustrow eine luxuriöse Ferienanlage entstehen. Der Eigentümer Anno August Jagdfeld, der die Halbinsel 1998 kaufte, wollte den ehemaligen sowjetischen Kasernenstandort sanieren und zum Urlaubsresort mit Reiterhof und 27-Loch-Golfplatz ausbauen. Doch die Pläne scheiterten unter anderem am Widerstand der Stadt Rerik: Sie wollte verhindern, dass sich jeden Tag Tausende Autos durch die Stadt und über den schmalen Wustrower Hals wälzen und beschloss, die Halbinsel für den Autoverkehr zu schließen. Daraufhin sperrte der Eigentümer 2004 den Zugang und untersagte Führungen.

Paradies für seltene Tiere

So blieb Wustrow der Natur überlassen: Rund 90 teils seltene Vogelarten, darunter Seeadler und Kormorane, leben auf der Halbinsel - und, aufgrund der früheren Präsenz der Sowjetarmee, blonde Wildschweine, eine Kreuzung aus Haus- und Wildschwein. Woher die Wustrower Mufflons stammen, die sich mittlerweile auf der Halbinsel wohlfühlen, weiß dagegen niemand.

Bauernland wird Militärgelände

Leer stehende Wohnhäuser auf der Halbinsel Wustrow mit Blick zur Ostsee und auf Rerik © Andreas Herrmann
Ab 1933 entstehen auf Wustrow Häuser und Militäranlagen der Wehrmacht. Ein Teil ist bis heute erhalten und verfällt.

Doch wie kam es eigentlich, dass Wustrow über Jahrzehnte gesperrt blieb? Ein Blick zurück: Die Halbinsel findet erstmals 1273 im Stadtbuch von Wismar Erwähnung. Sie ist mehrere Jahrhunderte lang im Besitz adliger Familien und wird zumeist landwirtschaftlich genutzt. Als Folge der Sturmflut von 1872 wird Wustrow kurzzeitig eine Insel, bis ein künstlicher Deich als feste Verbindung zum Festland angelegt wird. 1933 kauft die Wehrmacht die Landzunge und errichtet dort Deutschlands größte Flakartillerieschule. Die Bauern werden umgesiedelt.

Gartenstadt mit Kino und Schwimmbad

Innerhalb von fünf Jahren entstehen im vorderen Teil der Halbinsel große Kasernenanlagen, ein Flugplatz und kleine Häfen an Ostsee und Salzhaff. Im westlichen Teil wird die 100 Hektar große Siedlung Rerik-West für die zivilen Angehörigen gebaut. Federführend für den Bau der 90 Häuser der Gartenstadt ist der gebürtige Rostocker Bauhaus-Architekt Heinrich Tessenow. Die hellen Wohnungen sind alle mit fließendem Wasser und Balkonen ausgestattet. Aus jedem der Häuser hat man einen Blick zum Meer - einige besitzen schon eine Zentralheizung. Es gibt ein Kino, eine Kegelbahn, eine Kläranlage und das seinerzeit modernste Schwimmbad Deutschlands.

Militärische Altlasten und Zukunftspläne

Der Exerzierplatz auf der Halbinsel Wustrow um ca. 1940 © Andreas Herrmann
Der Exerzierplatz auf Wustrow um 1940. Die Halbinsel eignete sich wegen ihrer Lage vortrefflich für militärische Zwecke.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nutzen zunächst Tausende Flüchtlinge die Wohnungen als Unterkunft, bis das sowjetische Militär alle Deutschen zum Verlassen der Halbinsel auffordert und die Garnison Wustrow gründet. Die sowjetischen Truppen bringen 2.300 Panzer mit und sprengen alle militärischen Bauten und Anlagen, darunter drei Flugzeughangars und eine Werft. Nur in der Gartenstadt bleiben einige Häuser stehen. Die Sowjetarmee errichtet unter anderem Fahrzeug- und Lagerhallen, Baracken und Wachhäuser.

Nach der Wende ziehen im Oktober 1993 die letzten russischen Soldaten ab. 1998 wird die Halbinsel an die Fundus-Gruppe von Anno August Jagdfeld verkauft, die die Insel schließlich sperrt. Seine Pläne für das Ferienresort hat Jagdfeld, der Wustrow nun öffnen ließ, übrigens nicht aufgegeben. Auch ein neues Verkehrskonzept hat er entwickeln lassen. Ob er damit Erfolg haben wird, ist ungewiss.

Karte: Wustrow - Halbinsel zwischen Ostsee und Salzhaff

Geschichte
Verfallende Häuser auf der Halbinsel Wustrow, dahinter die Ostsee. © NDR Foto: Daniel Sprenger

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Dieses Thema im Programm:

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