Stand: 13.09.2019 16:00 Uhr

Wustrow: Lost Place mit bewegter Geschichte

Unter den Nazis entstand auf Wustrow ein großer Militärkomplex, von dem aus die Flugabwehr geübt wurde. Auch dieser Exerzierplatz wurde in der Flak-Schule angelegt.

Eine Fahrt über die Halbinsel Wustrow in der Ostsee bei Rerik ist eine Tour durch die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Aus einem ertragreichen Landgut machten die Nationalsozialisten eine Flak-Schule, nach dem Zweiten Weltkrieg stationierte die sowjetische Armee hier eine Garnison. Nach der Wende wurde Wustrow schließlich zu einem Beispiel für hochfliegende Pläne, die am Ende scheiterten. Eine Spurensuche.

Nach mehreren Kilometern langsamer, aber trotzdem gut durchschüttelnder Fahrt über Kopfsteinpflaster und löchrige Feldwege ist die Keimzelle des einstigen Landguts Wustrow erreicht. "Dort hinten liegt das Gutshaus", sagt Hartmut Polzin und zeigt nach rechts - auf üppig wucherndes Grün. Aus Gestrüpp ragen hohe Bäume auf. Vom Gutshaus ist darin auch mit viel Mühe nichts zu erkennen. "Im Herbst sieht man es deutlich. Das ist eine Ruine, da stehen nur noch ein paar Fragmente", sagt Polzin. Mehr ist nicht geblieben vom einstigen Herrenhaus, das mit seinem landwirtschaftlichen Gut über Jahrhunderte die rund 1.050 Hektar große Halbinsel Wustrow zwischen Wismar und Rostock prägte.

Wustrow: Geisterstadt und Naturschutzgebiet

Rund 90 Gebäude sind nicht mehr zu retten

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Hartmut Polzin ist Geschäftsführer der Entwicklungs-Compagnie Wustrow, die die Halbinsel eigentlich touristisch vermarkten möchte. Doch die Stadt Rerik durchkreuzte vor 15 Jahren diese Pläne.

Polzin ist Geschäftsführer der Entwicklungs-Compagnie Wustrow (ECW), einer Firma der Jagdfeld-Immobiliengruppe, die Wustrow 1998 aus Treuhandvermögen gekauft hat. Die Halbinsel sollte in einen touristischen Hotspot umgewandelt werden. Doch die Stadt Rerik untersagte die einzig mögliche Zufahrt über den schmalen Wustrower Hals, weil sie keinen zusätzlichen Verkehr im Ort haben wollte - und so wurde bislang nichts aus dem Projekt. Seitdem verfällt nicht nur das Gutshaus immer weiter, sondern auch die sonstige Bebauung in der einstigen sogenannten Gartenstadt. "Der bauliche Zustand hat sich dermaßen verschlechtert, dass da wohl nicht mehr viel Substanz zu retten sein wird", sagt Polzin mit Blick auf die insgesamt 90 Gebäude.

Streng abgesperrt: Halbinsel nur mit Führung erlebbar

Das ganze Gebiet ist seit Jahrzehnten streng abgeschottet, das Betreten verboten. Laut Warnschild am Zaun, der vom Salzhaff über den Wustrower Hals bis in die Ostsee reicht, herrscht hier "Lebensgefahr". Denn im Boden liegt noch Munition und alle Gebäude sind einsturzgefährdet. Doch der Verfall und die bewegte Geschichte von Wustrow ziehen die Menschen an. Seit Sommer 2018 gibt es im Rahmen von Führungen wieder die Möglichkeit, diesen einmaligen Schauplatz zu besichtigen.

1930er-Jahre: Nazis kaufen die Halbinsel

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Klaus Feiler führt Besuchergruppen über die Halbinsel. Dabei erzählt er von der bewegten Geschichte Wustrows.

Klaus Feiler leitet zusammen mit seiner Frau Edelgard bis zu 20 Personen starke Gruppen in rund zwei Stunden durch die "Gartenstadt". Diese wurde gebaut, nachdem die Nationalsozialisten die Insel 1933 von den Vorbesitzern, den Brüdern Balduin und Bernhard von Plessen, gekauft hatten. Die Nazis hatten schon kurz nach ihrer Machtübernahme im Januar 1933 Gespräche geführt und Mittelsmänner eingeschaltet, sagt Feiler. Ihr Ziel: "Diese Halbinsel wollten sie haben, um hier die größte Flakartillerie-Schule des Deutschen Reiches zu errichten."

Die von Plessens hätten keine echte Chance gehabt, das Landgut zu behalten. "Entweder Enteignung oder reichliche Belohnung", sagt Feiler: Das seien die Alternativen gewesen. Die Brüder hätten sich dann für die reichliche Entlohnung entschieden und sogar noch 400.000 Reichsmark mehr bekommen als sie einst dem Vorbesitzer gezahlt hatten: insgesamt 1,4 Millionen Reichsmark. "Im folgenden Sommer durfte noch die Ernte eingebracht werden, dann war Schluss mit Landwirtschaft."

Ein Haus mit abgeplatztem Putz auf der Halbinsel Wustrow, dahinter die Ostsee. © NDR Foto: Daniel Sprenger

Halbinsel Wustrow: Vom Sperrgebiet zur Geisterstadt

Auf dem einstigen Landgut Wustrow errichteten die Nazis eine Flak-Schule. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten die Sowjets hier eine Garnison. Heute verfällt die "Gartenstadt".

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"Gartenstadt" wird in zwei Jahren gebaut

Innerhalb von zwei Jahren wurden auf den Ackerflächen militärische und zivile Gebäude errichtet - letztere in Anlehnung an die Gartenstadt-Architektur des Mecklenburger Architekten Heinrich von Tessenow. "Es gibt auch Bilder davon, wie das aussah, als die Häuser neu gebaut waren, das Land drumherum noch jungfräulich war und man begann, Bäumchen zu pflanzen, Beete anzulegen", sagt Polzin. Bis zu 4.000 Menschen lebten in Spitzenzeiten auf Wustrow. Zum Vergleich: Der Ort Alt-Gaarz, wie Rerik bis 1938 hieß, hatte nur 800 Einwohner.

"Luxus"-Wohnungen für die Offiziere

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Zwischen den Häusern wurden Gärten angelegt und Obstbäume gepflanzt. Diese tragen noch heute Früchte.

"Jede Wohnung hatte warmes und kaltes fließendes Wasser", erklärt Edelgard Feiler den Aufbau der Häuser. "1938 war das der reinste Luxus." Vier oder sechs Räume hätten die Wohnungen gehabt. "Das ging natürlich nach Ranghöhe des Offiziers", so Feiler. Die Flak-Schule sei ein Vorzeigeobjekt gewesen, ergänzt ihr Mann, auch italienische Offiziere seien hier an den Flugabwehrkanonen ausgebildet worden.

Auf der früheren Hauptverkehrsachse der Halbinsel, der einstigen Hindenburgstraße, weist Feiler auf ein schräg stehendes verwittertes Vorfahrtsschild. "Da war mal das Haupteingangstor zur Flak-Schule." Er blättert in seinem Buch "Die verbotene Halbinsel", das er mit seiner Frau geschrieben hat - und zeigt ein Foto mit drei Klinkersäulen, gekrönt jeweils von einem Reichsadler, daneben ein Wachgebäude.

Mobiles Übungsziel: Ju 52 mit Luftsäcken im Einsatz

Kasernen, die damals modernste Schwimmhalle des Deutschen Reiches und ein Exerzierplatz fanden sich hinter dem Tor ebenso wie die militärischen Übungseinrichtungen zur Flugabwehr. "Dort stand die schwere Flak, die 'Acht-Acht', sagt Klaus Feiler. Das heißt, dass die Geschütze Munition mit 8,8 Zentimeter Durchmesser abfeuerten. Zudem gab es auch noch eine mit 10,5 Zentimetern und diverse kleinere. "Aber man hat nicht nur stumpf zur Ostsee hinausgeschossen", sagt Feiler. Auf dem Flugplatz seien Flugzeuge vom Typ Ju 52 stationiert gewesen. Die hätten bei ihren Einsätzen Luftsäcke hinter sich hergezogen - als mobiles Übungsziel für die Auszubildenden an den Flugabwehrkanonen.

Prominentester Ausbilder: Helmut Schmidt

Für die kleineren Flak-Geschütze hat der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt nach Feilers Recherchen eine Schießanleitung geschrieben. Schmidt war der wohl prominenteste Ausbilder auf Wustrow und hier im Frühling 1943 kurzzeitig stationiert.

Weil der Bereich westlich der "Gartenstadt" noch nicht von Munition befreit ist, endet die Tour mit den Feilers am früheren Eingangstor zur Flak-Schule. Einzig Polzin als Eigentümer darf auch dahinter über die Halbinsel führen. Die Fahrt geht weiter entlang einiger größerer Gebäude, der alten Bäckerei und des Elektrizitätswerks. "Das ist alles aus Zeiten der sowjetischen Streitkräfte, hier steht nichts mehr aus Wehrmachtszeiten", sagt Polzin. Deren Stellungen und militärische Gebäude wurden von den sowjetischen Besatzern gemäß Potsdamer Abkommen gesprengt - und durch eigene Baracken, Kasernen und Fahrzeughallen ersetzt.

2. Mai 1945: Flak-Schule wird kampflos an Sowjets übergeben

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In der "Gartenstadt" kamen zum Kriegsende Vertriebene und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten unter, ehe die Rote Armee komplett übernahm.

Kurz vor Kriegsende kamen die Russen auf Wustrow an. Feiler schildert diesen 2. Mai 1945 so: "Die Schule ist kampflos übergeben worden. Die haben hier nicht mehr rumgeballert wie die Verrückten." Noch drei höhere Offiziere hätten an diesem Tag Dienst getan, als ein Telefonanruf von der Stadtverwaltung Rerik kam. Die Russen seien da und wollten gleich weiter nach Wustrow. "Dann haben die ihre letzten Soldaten aus dem Soldateneid entlassen. Die haben sich ein Boot geschnappt und sind zum Festland rüber." Die drei Offiziere hätten mit den sowjetischen Militärs drei Wochen lang Übergabeprotokolle erarbeitet, ehe sie ins Straflager nach Sibirien mussten.

Russen gründen Garnison - und hören den Westen ab

Ein paar Jahre lebten die Sowjets mit Tausenden deutschen Vertriebenen aus Ostpreußen, Hinterpommern und Schlesien zusammen auf der Halbinsel, die die Wohnungen als Unterkunft nutzen. "Bis 1949, da haben die Russen gesagt: 'Jetzt ist Schluss, alle Deutschen müssen das Gelände verlassen, wir gründen die sowjetische Garnison Wustrow'", blickt Klaus Feiler zurück.

Eine Einheit mit 53 Panzern wurde stationiert, zusätzlich eine schwere Flak und eine Marineeinheit - allerdings ohne Schiffe. "Das gibt es ja eigentlich nicht, eine Marineeinheit ohne Boote, aber das war hier so", sagt Feiler. Deren Aufgabe sei vielmehr gewesen, den gesamten westlichen Sektor abzuhören und zu beobachten.

Militärische Täuschung mit Flugzeug-Attrappen

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Dieser Tower diente den sowjetischen Truppen nur als Tarnung. In Wahrheit ließ die Rote Armee von Wustrow aus keine Flugzeuge aufsteigen - sondern hörte den Westen ab.

Gleichzeitig hätten die Rotarmisten mit dem Bau eines Towers versucht, den Klassenfeind in die Irre zu führen. "Die Deutschen hatten einen Flugplatz, aber keinen Tower. Die Russen hatten einen Tower, aber keinen Flugplatz", fasst Feiler die kuriose militärische Gemengelage zusammen. Die Russen hätten ihre Flugzeuge in der Nähe von Ribnitz-Damgarten gestartet und seien mit Luftsack über Wustrow geflogen. Von hier aus wurde dann - wie schon bei den Nazis - auf diese mobilen Übungsziele gefeuert. Im Tower war lediglich die Leitzentrale zur Auswertung der Schießübungen untergebracht.

Polzin steuert die Ruine des Towers an. Im teils eingestürzten Gebäude wächst ein Baum, an der Wand ist aber noch gut eine Malerei zu erkennen, die heroisierend einen Panzerkampf darstellt. Durch das Treppenhaus mit abgebrochenen Geländern geht Polzin hoch zur Kanzel des Towers. Von hier wird die Weite der Halbinsel deutlich - und erneut fällt ins Auge, wie unglaublich grün hier alles ist. Zur Pflege der "halboffenen Landschaft" an dieser Stelle hat die ECW eigens Schafe angeschafft. Auch Kühe grasen auf einer Wiese, die zu Zeiten der Sowjets das vermeintliche Rollfeld war. Darauf: 14 Flugzeug-Attrappen. "Diese Flugzeug-Attrappen wurden tatsächlich auch hin und her bewegt", sagt Polzin. Die Westmächte sollten denken, hier sei ein Flugplatz, ergänzt Feiler. "Das ist halt so militärisches Denken."

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Blühende Landschaften - dank fehlender Entwicklung

Das militärische Denken endet am 18. Oktober 1993. Wenige Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Ende der Sowjetunion ziehen die letzten Soldaten ab, Wustrow kommt ins Bundesvermögen. Plötzlich kehrt Ruhe ein in Rerik. Kein Flak-Donner mehr und kein Verkehrslärm. Jahrzehntelang waren Militärkolonnen über den Wustrower Hals gefahren. "Die haben auch keinen gefragt, die sind hier durchgebrettert ohne Ende", erinnert sich Polzin, der aus der Region stammt. Die Nutzung der schmalen Zufahrt für touristische Zwecke wird der ECW später untersagt. Wustrow gerät zunehmend in Vergessenheit.

Dennoch oder gerade deswegen gibt es hier heute blühende Landschaften: Das im Westen gelegene rund 700 Hektar große Naturschutzgebiet bietet nach Jahrzehnten ohne menschliche Eingriffe seltenen Tierarten ein Zuhause. Rund um den früheren Tower liegen noch einmal 200 Hektar Landschaftsschutzgebiet. Kaum zu glauben, dass die Halbinsel bis nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch waldlos und auch unter den Sowjets nur leicht bewaldet gewesen ist, wie Polzin mit Verweis auf historische Aufnahmen sagt. "Wenn man sich das hier heute anguckt, dann ist das schon erstaunlich, was in wenigen Jahrzehnten passiert ist." Letztlich ist auf Wustrow - heute Naturparadies und gigantischer Lost Place in bester Lage mit direktem Ostseeblick - vor allem eins passiert: nichts.

Karte: Wustrow - Halbinsel zwischen Ostsee und Salzhaff
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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 20.08.2019 | 19:30 Uhr

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