Stand: 07.06.2019 13:52 Uhr  | Archiv

Schlüsselbau der Moderne: Das Fagus-Werk

1911 entwirft ein junger, noch unbekannter Architekt eine Schuhleistenfabrik in Alfeld an der Leine. Sein Name: Walter Gropius. Bauherr und Firmengründer des Fagus-Werks ist Carl Benscheidt, dessen moderne Unternehmensphilosophie den freigeistigen Ideen des damals 28-jährigen Jungarchitekten entgegenkommt. Zusammen verwirklichen sie ihre Vorstellungen einer modernen Fabrik. 50 Kilometer südlich von Hannover entsteht mit dem Fagus-Werk ein Bau, der heute als einer der Ursprünge moderner Architektur gilt. 100 Jahre später, im Juni 2011, erklärt die UNESCO das Gebäude zum Weltkulturerbe. Bis heute ist das Fagus-Werk die weltweit einzige Welterbestätte, die noch in vollem Betrieb ist.

Wegweiser der neuen Bauhaus-Architektur

Stichwort: Fagus

Der Name Fagus ist lateinisch und bedeutet Buche. Buchenholz war der Rohstoff, aus dem die Schuhleisten im Fagus-Werk hergestellt wurden. Heute sind die Schuhleisten meist aus Kunststoff.

Klare Linien, Glas und Stahl dominieren den Fabrikbau. Breite Fensterfronten und vollverglaste, stützenlose Gebäudeecken verleihen ihm optische Leichtigkeit und Transparenz. Das Gebäude ist bewusst schmal gehalten, um den Eindruck von Monumentalität zu vermeiden, lichtdurchflutete Innenräume sollten eine freundliche Arbeitsatmosphäre schaffen, die auch die Bedürfnisse der darin arbeitenden Menschen berücksichtigt - damals ein Novum.

Architekt Walter Gropius im Jahr 1961 © dpa - Bildarchiv
AUDIO: 28.03.1911: Gründung der Fagus-Werke in Alfeld (3 Min)

Mit seiner schlichten Sachlichkeit und der auf das Wesentliche reduzierten Ästhetik ist das Fagus-Werk ein Vorläufer des Neuen Bauens, mit dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius später die moderne Architektur revolutioniert. Zugleich ist es Ausdruck eines neuen unternehmerischen Selbstverständnisses. Bewusst wirbt der Bauherr Carl Benscheidt mit dem außergewöhnlichen Gebäude und legt den Grundstein für eine neue Form der Unternehmenskultur, die bis heute nachwirkt.

Modernes UNESCO-Besucherzentrum und zwei weitere Ausstellungen

Seit 1946 steht das Fagus-Werk unter Denkmalschutz. Bis heute befindet sich in dem Gebäude das Unternehmen Fagus-GreCon, das mittlerweile von einem Urenkel des Unternehmensgründers Benscheidt geleitet wird und neben modernen Messtechnik-Systemen auch noch immer Schuhleisten produziert. Interessierten steht der Bau offen: Ein 2015 eröffnetes UNESCO-Besucherzentrum informiert mit einer multimedialen Ausstellung über die Geschichte des Baus und lädt dazu ein, weitere Welterbestätten an einer Medienwand zu erkunden.

Regale mit Schuhleisten im Fagus-Werk © NDR
Schuhleisten aus dem Fagus-Werk: Die hölzernen Füße sind notwendig, um verschiedene Schuhmodelle zu formen.

Daneben gibt die Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus Einblicke in die Arbeitswelten im Fagus-Werk. Auf fünf Etagen informiert sie über die Geschichte des Unternehmens sowie über industrielle Massivholz-Verarbeitung und die Schuhmode im Wandel der Zeit. Die Fagus-Galerie wiederum präsentiert Sonderausstellungen zu Themen aus der Kunst- und Designwelt.

Das Bauhaus

1919 gründet Walter Gropius in Weimar das Bauhaus, eine Schule für Architekten, Künstler und Designer. 1926 zieht das Bauhaus nach Dessau in ein von Gropius eigens entworfenes Gebäude, das mit seiner klaren und funktionalen Formensprache zum Inbegriff des neuen Baustils wird.

Kubische Formen, gerade Linien und viel Glas prägen die Bauhaus-Architektur. Sie soll zweckmäßig sein, den modernen Menschen in den Mittelpunkt stellen, sich seinen Bedürfnissen anpassen - und zugleich die Gesellschaft verändern: "Kunst soll nicht mehr der Genuss weniger, sondern Glück und Leben der Masse sein", so Gropius. Ein weiterer wichtiger Vertreter des Bauhauses war Ludwig Mies van der Rohe.

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