Stand: 17.06.2019 14:41 Uhr

Habermas hat Mentalitätsgeschichte geschrieben

Jürgen Habermas gehört zu den wichtigsten Denkern der Gegenwart. Mit Werken wie "Theorie des kommunikativen Handelns" schrieb er sich in die Debatten der Sozialtheorie ein, setzte Diskurse in Bewegung, verordnete der Elfenbeinturm-Wissenschaft einen Handlungscharakter. Ausgezeichnet wurde Habermas mit den renommiertesten Preisen: Leibniz-Preis, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Kyoto-Preis und viele mehr. Am 18. Juni wird Jürgen Habermas 90 Jahre alt. Der Oldenburger Soziologe Stefan Müller-Doohm hat sich mit Werk und Leben von Habermas gründlich auseinandergesetzt.

Herr Müller-Doohm, Sie haben nicht nur über Jürgen Habermas geschrieben, Sie kennen ihn auch gut, haben bei ihm studiert. Wie nehmen Sie ihn persönlich wahr, wie haben Sie ihn erlebt?

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"Habermas hat sich immer wieder starkgemacht für die Idee einer streitbaren Demokratie", sagt Stefan Müller-Doohm.

Stefan Müller-Doohm: Ja, zu allererst ist Jürgen Habermas ein ernsthafter Wissenschaftler, der im Elfenbeinturm seinen Forschungen in einer selbstreflexiven Weise nachgeht - dann aber in diesem Elfenbeinturm auch den Dialog mit seinesgleichen sucht. Er ist also niemand, der nur in Einsamkeit und Freiheit denkt, sondern der eher in der Auseinandersetzung mit anderen seine Theorien entwickelt. Und dann kommt noch etwas Drittes hinzu: dass Habermas insofern eine Ausnahmeerscheinung ist, als er diesen Elfenbeinturm auch gerne verlässt, weil ihm alles Politische unter den Nägeln brennt. Er sucht dann in der Öffentlichkeit den politischen Disput. Es sind auch innere Impulse von Habermas, die eine große Rolle spielen.

Jürgen Habermas hat sich früh in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen eingemischt: 1953 - da war er noch mit seiner Doktorarbeit beschäftigt - schrieb er in der "FAZ" über Martin Heidegger und dessen NS-Verstrickung. Denken nach 1945 - ein schwieriges Terrain. Wie hat Habermas die Geschichte der frühen Bundesrepublik mitgeprägt? Welche Rolle hat er als Philosoph, als Soziologe, als öffentlicher Intellektueller gespielt?

Müller-Doohm: Er hat durch seine intellektuellen Interventionen Mentalitätsgeschichte geschrieben, und zwar dadurch, dass er sich immer wieder starkgemacht hat für die Idee einer streitbaren Demokratie. Demokratie ohne vitale Debatten über das Für und Wider anstehender politischer Entscheidung kann seiner Meinung nach nicht funktionieren. Und das ist für ihn nicht nur eine theoretische Frage, sondern auch eine praktische. Er ist eben in die Arena eingestiegen und hat sich zu Wort gemeldet, durchaus auch polemisch, mit Dramatisierung und so weiter. Das ist etwas, was die Geschichte unserer Bonner und dann auch der Berliner Republik begleitet hat. Er ist derjenige, der den Mut hatte, zu intervenieren.

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Nach seiner Promotion in Bonn kam er noch vor seiner Habilitation in Marburg nach Frankfurt, ans Institut für Sozialforschung, zu Horkheimer und Adorno, den Protagonisten der "Kritischen Theorie". Welchen Status erarbeitete sich Habermas in diesem Zusammenhang? Kann er als "letzter Vertreter der Kritischen Theorie" gelten?

Müller-Doohm: Das würde ich so nicht formulieren. Er hat sich die Kritische Theorie in diesen Jahren, als er am Institut für Sozialforschung bei Adorno als Assistent gearbeitet hat, angeeignet, aber auch so, dass er sie zugleich von innen kritisiert hat. Er hat sich verabschiedet von diesem hyperkritischen, vernunftkritischen Gestus. "Das Ganze ist das Unwahre", "es gibt kein richtiges Leben im falschen" - das sind Formulierung von Adorno, die er heute nicht unterschreiben würde. Sondern er hat gefragt: Was ist eigentlich der Ort der Vernunft? Ohne Vernunft kann es keine Zukunft für die Menschheit geben. Er kommt dann auf seine große Entdeckung der Sprachphilosophie und auf das Theorem der Verständigung, die verankert ist in dem Gebrauch von Sprache.

Habermas ist auch so etwas wie ein Seismograph für Polarisierungen in der Gesellschaft. Wie schätzt er den gegenwärtigen Zustand unserer Demokratie ein?

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Stefan Müller-Doohm hat eine Biografie über Jürgen Habermas geschrieben. Sie ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 29,95 Euro.

Müller-Doohm: Er sieht aktuelle Gefahren für den Zustand der Demokratie und äußert sich entsprechend kritisch. Er kritisiert derzeit die unilateralen Politikversuche des twitternden amerikanischen Präsidenten und die rückwärtsgewandten Ideologien eines neuen Nationalismus, wie sie von rechtspopulistischen Bewegungen oder von entsprechenden europäischen Staaten praktiziert werden. Das ist im Moment ein Ansatzpunkt seiner Kritik.

Im kommenden Herbst veröffentlicht Habermas ein zweibändiges Werk. "Auch eine Geschichte der Philosophie", so der Titel. Welche neuen und produktiven Fragen sind da zu erwarten?

Jürgen Habermas, Sozialphilosoph und Soziologe der "Frankfurter Schule", aufgenommen im August 1981 in seinem haus in Starnberg. © picture-alliance/ dpa Foto: Roland Witschel

Porträt: Jürgen Habermas wird 90

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Er ist der bedeutendste Intellektuelle Deutschlands und Hauptvertreter der "Frankfurter Schule", die seit den 30er-Jahren mit den Namen Horkheimer und Adorno verbunden ist.

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Müller-Doohm: Sein Opus magnum "Die Theorie des kommunikativen Handelns" bleibt nach wie vor das wichtigste Werk. Er erfüllt mit diesem neuen Werk ein Versprechen, das er mit der "Theorie des kommunikativen Handelns" gegeben hat. Das neue Werk ist der Versuch, durch einen Rückblick auf die abendländische Philosophiegeschichte zu erklären, wie sich das "nachmetaphysische Denken" entwickelt hat. Im Vordergrund steht die Frage, in welchem Verhältnis Glauben und Wissen stehen. Er geht also der Beziehung zwischen Theologie und Philosophie nach, weil er den Eindruck hat, dass unsere normativen Orientierungen, die Normativität, an der wir festhalten müssen, gefährdet ist. Er fragt, welche semantischen Gehalte in den religiösen Überzeugungen stecken. Brauchen wir unter Umständen diese normativen Gewissheiten, die über Glaubenslehren vermittelt werden? Das interessiert ihn im Moment.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.06.2019 | 19:00 Uhr

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