Turnerin Simone Biles bei den Olympischen Spielen in Tokio © picture alliance / ASSOCIATED PRESS Foto: Kunihiko Miura

Rassismus, Sexismus, Leistungsdruck: Olympia als Brennglas

Stand: 29.07.2021 16:44 Uhr

Bei den Olympischen Spielen in Tokio dominieren die Negativ-Schlagzeilen: von Rassismus bis Sexismus, von physischer Gewalt bis zu mentalem Druck. Ein Gespräch mit der Sportsoziologin Christiana Schallhorn.

Turnerin Simone Biles bei den Olympischen Spielen in Tokio © picture alliance / ASSOCIATED PRESS Foto: Kunihiko Miura
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Frau Schallhorn, am Mittwoch hat der Rad-Sportdirektor Patrick Moster während des Zeitfahrens rassistische Anfeuerungsrufe benutzt ("Hol die Kameltreiber") - heute hat ihn der Deutsche Olympische Sportbund nach Hause geschickt. Wie haben Sie diese Entwicklung wahrgenommen?

Christiana Schallhorn: Mich hat es am Anfang überrascht, dass man nicht sofort eine klare Linie gezogen und ihn entlassen hat. Denn letztendlich war das absolut unmöglich. Der Kommentator hat sich da sehr gut verhalten und sofort darauf hingewiesen, dass das absolut inakzeptabel ist. Aber dass sich der Verband tatsächlich doch noch eine Nacht Zeit gelassen hat, fand ich überraschend, weil das absolut nicht hinnehmbar ist.

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Die großen Sportorganisationen und Institutionen geben sich ja ganz gerne apolitisch. Aber sind sie nicht in Wirklichkeit - so scheint es jedenfalls gerade - wahre politische Schlachtfelder?

Schallhorn: Absolut. Das haben wir auch bei der EM gesehen, wo die UEFA versucht hat, Stadien in Regenbogenfarben zu verbieten, mit dem Hinweis, dass Sport nicht politisch sein soll. Aber letztendlich kann man das gar nicht trennen. Das sehen wir an ganz vielen Beispielen. Wir sehen, dass da unheimlich viel Politik mitschwingt, dass da auch unheimlich viel symbolische Politik betrieben wird. Deswegen kann man eigentlich Sport und Politik an der Stelle gar nicht voneinander trennen.

Scheint das nur so, oder ist die Skandaldichte bei diesen Olympischen Spielen besonders hoch?

Schallhorn: Das ist schwer zu beantworten, denn ich vermute, dass es zum einen daran liegt, dass es durch Corona eine Ausnahmesituation gibt, die vielleicht den Fokus ein bisschen auf negative Themen lenkt. Zum anderen fehlen durch den Ausschluss der Öffentlichkeit, der Fans und der Journalisten Gegenstände, über die man berichten könnte. Normalerweise würde man viel über die tolle Stimmung oder über das Land Japan berichten - und so kommen dann solche Themen vielleicht präsenter rüber, als sie das unter normalen Umständen gewesen wären.

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Meinen Sie, dass wir Medien auch dazu beitragen, dass bestimmte Themen vielleicht stärker abgebildet werden, dass diese Diskussionen teilweise zu viel Präsenz in der Berichterstattung erhalten?

Schallhorn: Nein. Ich glaube, zu viel Präsenz können Themen wie Sexismus und Rassismus überhaupt nicht bekommen. Denn das sind ganz zentrale Themen in unserer Gesellschaft, in unserem Alltag, und wenn es der Sport schafft, für diese Themen zu sensibilisieren, ist ein ganz großes Ziel erreicht. Aber es ist schon so, dass die Medien uns Themen vorgeben, über die wir nachdenken können. Und wenn dieses Thema um Patrick Moster gar nicht so stark thematisiert worden wäre, würden wir vielleicht auch gar nicht so darüber nachdenken. Das Gleiche gilt auch für die langen Anzüge bei den Turnerinnen, die erstmalig damit ein Zeichen setzen wollen gegen Sexismus und für eine freie Entscheidung der Frauen, welche Kleidung sie tragen. Ich glaube, dass sich viele bisher gar nicht gefragt haben, ob Sportlerinnen in so knappen Outfits turnen wollen, sondern man hat das einfach so hingenommen. Insofern ist es auch eine ganz wichtige Aufgabe der Medien, auf Missstände oder bisherige Tabuthemen hinzuweisen.

Großes Thema in diesen Tagen ist auch der enorme Druck, der auf Spitzensportlerinnen und -sportler ausgeübt wird - mental und physisch. Die Turnerin Simone Biles hat aus psychischen Gründen die Olympischen Spiele abgebrochen, die Judoka Martyna Trajdos lässt sich vor dem Wettkampf ohrfeigen. Können durch die veränderte demokratischere Debattenkultur, dadurch, dass solche Themen auch durch Soziale Medien geteilt werden, hier vielleicht tatsächlich Veränderungen in Gang kommen?

Schallhorn: Das ist sehr wünschenswert. Dass es ab und zu mal aufkommt zeigt eigentlich schon, dass es nach wie vor Themen sind, die gesellschaftlich sehr relevant sind. Für jeden Bürger und jede Bürgerin spielt Leistungsdruck eine große Rolle, aber eben auch im Sport. Und daher ist es ganz wichtig, dass diese Themen inzwischen auch stärker Beachtung finden. Denn Sportlerinnen und Sportler, die an Olympia teilnehmen, arbeiten eigentlich ihr Leben lang auf diesen Moment hin. Da steht ganz viel Druck dahinter, nicht nur von Trainern und Verbänden, sondern vielleicht auch von Familienmitgliedern. Dieser Druck wird immer größer und wird auch durch Medien verstärkt, insbesondere durch Soziale Medien, wo sich heutzutage jeder äußern kann und wo gute Leistungen belohnt werden, aber auch das Gegenteil oft der Fall ist, dass Kritik unter der Gürtellinie geäußert wird. Das ist noch mal zusätzlicher Druck für diese Sportlerinnen und Sportler, die eh schon von allen Seiten mit Erwartungen konfrontiert sind und an sich selbst auch eine hohe Erwartungshaltung haben. Und da ist es fast nicht verwunderlich, dass der eine oder die andere mit diesem Druck nicht mehr richtig umgehen kann.

Das Thema Druck über Soziale Medien betrifft nicht nur die Sportlerinnen und Sportler, sondern auch die großen Verbände, die dahinter stehen, die in die Kritik geraten. Hat insofern die Demokratisierung des Diskurses nicht auch eine gewisse Wirkmacht, und kann sie vielleicht sogar einen gesellschaftlichen Wandel, auch über das Sport-Universum hinaus, erzeugen?

Schallhorn: Natürlich wird auch der Druck auf die Verbände immer größer. Aber da gibt es dieses strukturelle Problem, dass viele in den Führungspositionen nach wie vor Männer sind und vielleicht nur zu wenigen Änderungen bereit sind. Hier ist es notwendig, dass frischer Wind durch neues Personal reinkommt. Wir haben gerade beim DFB diese Diskussion gehabt, dass sich da auch Frauen ins Spiel gebracht haben, dass sich junge Leute mit neuen Ideen einbringen wollen. Das wäre der erste Schritt, das auch auf dieser strukturellen Ebene neue Denkweisen reinkommen, um insgesamt etwas verändern zu können.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.07.2021 | 18:00 Uhr

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