Blick in die Schusterei des Museums "Vergessene Arbeit. © NDR

Museum "Vergessene Arbeit": Zeitreise im ehemaligen Kuhstall

Stand: 13.06.2021 11:00 Uhr

Das Museum "Vergessene Arbeit" im schleswig-holsteinischen Steinhorst bringt Besuchern altes Handwerk näher. Ehemalige Schmiede, Buchbinder oder Tischler sorgen dafür, dass das Museum zum Leben erwacht. Die Devise: anfassen und mitmachen!

von Sophia Stritzel

Die Nadel des Grammophons kratzt über die alte Platte - Tanzmusik aus den 20er-Jahren ertönt - mal klar, mal etwas verzerrt. "Da bekomme ich Gänsehaut", sagt Elektroingenieur Karl-Heinz Petri. Er steht in einem kleinen Raum, vollgestellt mit alten Radios, Telefonen, Fernsehern. "Dass das alles noch so funktioniert und dass es uns auch immer wieder gelingt, solche Geräte wieder gangbar zu machen - das ist eine riesige Freude. Auch wenn Besucher kommen und ich das vorführen kann", erzählt der gelernte Elektroingenieur. Und seine ehrenamtlichen Stunden im Museum erinnern ihn auch an seine eigene Kindheit: an das Radio seiner Großmutter, vor dem er stundenlang gesessen und Sportübertragungen gelauscht hatte.

Eine alte Schule, Schmiede und Druckerei im ehemaligen Kuhstall

An rund 50 Stationen zeigt das Museum "Vergessene Arbeit" in Steinhorst (Kreis Herzogtum Lauenburg), wie vor 100 Jahren gelebt und gearbeitet wurde: Geschichte zum Anfassen und Mitmachen.

"Es soll an unsere Kulturgeschichte erinnern. Die jungen Leute sollen verstehen, wie weit unsere Vorfahren in bestimmten Dingen schon waren. Denn vieles ist in Vergessenheit geraten", sagt Paul Petersen. Er war schon mit dabei, als das Museum vor 15 Jahren gegründet wurde - und zwar in einem ehemaligen Kuhstall. Dort, wo heute eine alte Schule, eine Schmiede und Druckerei mit viel Liebe zum Detail nachgebaut wurden, lagerte früher Futter und Stroh.

Museum "Vergessene Arbeit": Eine eingeschworene Gemeinschaft

30 Ehrenamtliche pflegen die alten Gegenstände und sie sorgen dafür, dass das Museum erst richtig zum Leben erwacht. Denn die meisten sind vom Fach, sind ehemalige Schmiede, Buchbinder oder Tischler. Besucher bekommen so nicht nur erzählt, sie können auch miterleben, wie das Handwerk einer vergangenen Zeit funktioniert.

Ingeborg Semprich steht in weißer Schürze hinter der alten silbernen Registrierkasse - hinter ihr im Regal Suppengewürz und Torten-Creme-Pulver, vor ihr Gläser, gefüllt mit bunten Bonbons. © NDR
Ingeborg Semprich erinnert sich noch gut an die alten Tante-Emma-Läden.

Das Durchschnittsalter der Ehrenamtlichen liegt bei 72 Jahren. Denn für Berufstätige sei das nichts, zu zeitaufwendig, erklärt Ingeborg Semprich bei einer Kaffeepause. Es gibt Butterkuchen, die Stimmung ist gelöst.

"Grundsätzlich verbindet uns die Liebe zum Museum und zu den alten Dingen. Viele von uns haben früher auch zu Hause schon alte Sachen gesammelt, die sie dann ins Museum eingebracht haben." Mindestens einmal in der Woche treffen sie sich, um das Museum in Schuss zu halten - hinzu kommen die Tage, an denen der alte Kuhstall für Besucher geöffnet ist. Die viele Zeit miteinander verbindet - es sind Freundschaften entstanden.

Altes Handwerk verschwindet im Alltag

Die Kaffeepause ist vorbei - Ingeborg Semprich geht wieder in ihren Tante-Emma-Laden im hinteren Teil der 1500 Quadratmeter großen Scheune. In weißer Schürze steht sie hinter der alten silbernen Registrierkasse - hinter ihr im Regal Suppengewürz und Torten-Creme-Pulver, vor ihr Gläser, gefüllt mit bunten Bonbons. Die Rentnerin erinnert sich noch gut an die Jahre bis 1970, als es solche Läden noch in jedem Dorf gab:

"Meine Kindheitserinnerung ist verbunden mit Süßigkeiten. Wenn Opa einem fünf oder zehn Pfennig schenkte, konnte man in den Laden gehen und sich was aussuchen." Geführt wurden solche Geschäfte in der Regel von Frauen - die wohnten üblicherweise im hinteren Teil des Geschäfts. Öffnungszeiten gab es nicht: "Wenn man vorne klopfte oder klingelte und die Besitzerin war hinten in ihrer Wohnung, dann ist sie natürlich gekommen."

Schuster Hans Hassler bereitet die Besohlung von einem Paar Schuhe vor. © NDR
Hans Hassler besohlt Schuhe in der Schusterei des Museums.

Ein paar Meter weiter erklingt aus der Schusterei leises Klopfen - Hans Hassler bereitet die Besohlung von einem Paar Schuhe vor. Einige der Ehrenamtlichen zählen zu seinen Kunden. Sie schätzen sein altes Handwerk, das im Alltag immer mehr verschwindet. "Es hat sich total verändert", erzählt der 87-Jährige. "Heutzutage sind die Leute alle so eingestellt, dass die Schuhe nur für einen Sommer oder Winter getragen werden." Seine würden bis zu 40 Jahre halten.

Eine alte Apotheke in 100 Kisten zur Wiedereröffnung

Die neueste Errungenschaft des Museums "Vergessene Arbeit" ist eine 111 Jahre alte Apotheke. Bis vor einigen Wochen stand die noch in Hamburg. Zwei Jahre brauchten Paul Petersen und die anderen Ehrenamtlichen für die Organisation des Umzuges. Denn die Apotheke steht unter Denkmalschutz, soll an ihrem neuen Standort originalgetreu wieder aufgebaut werden. Selbst der Inhalt der Schubladen ist deshalb genau katalogisiert worden. Noch ist ein Großteil verpackt - in 100 Kartons. Wenn die Apotheke Mitte Juli aufgebaut ist, wollen sie wieder öffnen - damit Besucher im ehemaligen Kuhstall wieder auf Zeitreise gehen können.

Museum "Vergessene Arbeit": Zeitreise im ehemaligen Kuhstall

Geschichte zum Anfassen und Mitmachen: Das Museum "Vergessene Arbeit" bringt Interessierten altes Handwerk näher.

Datum:
Ende:
Ort:
Museum "Vergessene Arbeit"
Schulstraße 10
23847  Steinhorst
Preis:
kostenfrei
Öffnungszeiten:
Jeden Mittwoch von 9 bis 12 Uhr und jeden 1. Sonnabend im Monat von 14 bis 17 Uhr.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Schleswig-Holstein Magazin | 15.06.2021 | 10:00 Uhr