Stand: 30.04.2018 18:50 Uhr

"Einsamkeit ist Todesursache Nummer eins"

Es scheint Anlass zur Sorge zu bestehen, zumindest werden wir derzeit durch ein neues Buch auf eine "unerkannte Krankheit" aufmerksam gemacht, die "schmerzhaft, ansteckend, tödlich" sei - ja sogar die "Todesursache Nummer eins". Gemeint ist die "Einsamkeit" - und geschrieben hat das Prof. Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm.

Herr Spitzer, Sie bezeichnen Einsamkeit als "unerkannte Krankheit". Kann es sein, dass sie unerkannt ist, weil es gar keine Krankheit ist?

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Manfred Spitzer ist Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm.

Manfred Spitzer: Wenn etwas schmerzhaft, ansteckend und tödlich ist, warum sollte man es dann nicht "Krankheit" nennen? Ich meine nicht, eine neue Diagnosekategorie im Sinne irgendwelcher Krankheitsdiagnosesysteme. Ich meine nur, dass wir uns wenig darüber im Klaren sind, wie sehr Einsamkeit, also das Gefühl, das man hat, wenn man verlassen wird, auf unsere Gesundheit schlägt, und wie sehr uns das beeinträchtigt.

Schmerzhaft - das kann ich mir noch vorstellen - aber ansteckend?

Spitzer: Ja, man hat tatsächlich festgestellt, dass das Schmerzzentrum im Gehirn, was Schmerzen registriert, identisch ist mit dem Zentrum im Gehirn, was Einsamkeit registriert. Und das macht im Grunde auch Sinn, denn wir sind Gemeinschaftswesen. Und so wie Schmerzen uns darauf hinweisen, dass mit unserem Körper etwas nicht stimmt und dass wir da schnell etwas ändern müssen, damit er wieder gesund wird, so weist uns Einsamkeit darauf hin, dass mit unserer Gruppe, unserer Gemeinschaft etwas nicht stimmt und wir schnell etwas ändern sollten - was wir auch tun: Wir werden freundlicher, wenn wir uns einsam fühlen, wir gehen eher auf Leute zu, sodass wir tatsächlich etwas tun, um dieses Gefühl wieder abzustellen, weil es unangenehm ist.

"Ansteckend" kenne ich bei der Grippe: Da hustet oder niest man - und der Nachbar infiziert sich dann. Und bei der Einsamkeit?

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Manfred Spitzers Buch "Einsamkeit - Die unerkannte Krankheit" ist im Droemer Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro.

Spitzer: Da ist es genauso. Und da liegt es sogar auch am Nachbarn. Bei einer Studie, die vor 70 Jahren begonnen hat, hat man Herzinfarkte in einer Kleinstadt der USA untersucht. Diese 5.000 Leute sind über Jahrzehnte hinweg von Ärzten untersucht worden, man wusste alles über sie, auch wer mit wem befreundet und verwandt ist, wo jeder wohnt, sodass man Ansteckungsphänomene nachvollziehen konnte. Man hat festgestellt, dass Übergewicht, Rauchen, Alkoholismus ansteckend sind, und die große Überraschung war, dass auch Einsamkeit ansteckend ist: Je näher ein einsamer Mensch zu einem wohnt, je mehr wir mit ihm zu tun haben, desto ansteckender ist er. Letztlich kennt auch der Volksmund dieses Phänomen, wenn man davon spricht, dass jemand jemanden runterzieht. Und genau dieses Phänomen ist gemeint, dass Affekte, Emotionen ansteckend sein können, und die Emotion der Einsamkeit auch.

Aber ist das nicht vielmehr ein soziales Phänomen, wenn beispielsweise bestimmte Nachbarschaften eher dazu neigen, etwas depressiver, etwas einsamer zu sein? Wie kommen Sie dazu, ein psychiatrisches, sogar ein medizinisches daraus zu machen?

Spitzer: Die Ansteckung nennt man tatsächlich "soziale Ansteckung" - hier geht es nicht um einen Einsamkeitsvirus, der von einem auf den anderen überspringt. Aber dieses soziale Phänomen trifft auch auf andere Gefühle zu: Angst ist zum Beispiel ansteckend, lachen ist ansteckend, gähnen ist ansteckend - und so gibt es eine ganze Reihe von Ansteckungsphänomenen im sozialen Bereich. Darauf hinzuweisen erscheint mir wichtig. Ansteckung ist ja ein Phänomen, was bei der Erkältung nicht jeden betrifft: Wer ein gutes Immunsystem hat, der ist gegen Ansteckung relativ gefeit - und wer dünnhäutig ist, wen eine Emotion leicht erfasst, der sollte aufpassen, mit wem er öfter zusammen ist. Wenn er gelegentlich mal mit einem einsamen Menschen zusammen ist, macht das nichts, wenn man aber von vielen einsamen Menschen umgeben ist und man selber sehr dünnhäutig ist, dann kann das auf einen überschlagen.

Die britische Premierministerin Theresa May hat Anfang des Jahres eine Einsamkeitsministerin benannt - da scheint ein großer Bedarf zu sein. Woher kommt es, dass Einsamkeit so zunimmt?

Spitzer: Einsamkeit nimmt tatsächlich zu. Es gibt das objektive Phänomen der sozialen Isolation, dass man wirklich allein sozial isoliert ist, und es gibt das subjektive Empfinden von Einsamkeit - beides ist nicht das gleiche. Je mehr soziale Isolation vorliegt, desto wahrscheinlicher wird Einsamkeit. Wir haben drei große gesellschaftliche Trends: Wir leben immer mehr in Städten; im Jahr 1900 waren es noch 13 Prozent der Weltbevölkerung, heute sind es schon über 50 Prozent. Da treffen wir zwar viele Leute, aber sehr wenige davon kennen wir. Das heißt, wir treffen vor allem fremde Leute und fühlen uns deswegen einsamer, als wenn wir in eher ländlichen Gebieten wohnen, wo jeder jeden kennt. Zweitens nimmt die Singularisierung zu, die Vereinzelung der Menschen. Wir haben in Deutschland heute 3,5 Millionen mehr Single-Haushalte als noch vor 15 Jahren, Tendenz weiter steigend. Das ist nicht nur in unserem Land so, das ist vielen entwickelten Ländern so. Wir leben also immer mehr als Einzelner. Und drittens, wir haben stundenlang mit vielen Medien Umgang, in der Freizeit und bei der Arbeit. Das führt dazu, dass wir weniger direkten Kontakt mit anderen Menschen haben, und auch das schürt Gefühle der Einsamkeit. Das sind drei riesengroße Trends, aus denen wir gar nicht herauskommen, sodass das Problem uns nicht so schnell verlassen wird. Und Einsamkeit ist tödlich, weil es mehr Stress macht und Stress die Immunabwehr senkt und Blutdruck und Blutzucker erhöht. Chronischer Stress, der mit chronischer Einsamkeit einhergeht, ist der Killer Nummer eins.

Aber führt nicht zu genau diesem Stress die extreme Zunahme an digitaler Kommunikation - also dem Gegenteil von Einsamkeit?

Spitzer: Kommunikation und Social Media ist eigentlich ein Widerspruch in sich, denn soziale Beziehungen sind durch ein wichtiges Charakteristikum gekennzeichnet: Sie sind unmittelbar. Wenn ich also mit jemandem spreche, dann gucke ich dem in die Augen, dann habe ich unmittelbare Rückkopplung, was Sprachmelodie, Ausdruck, Mimik und Gestik anbelangt. Und wenn da ein Bildschirm dazwischen ist, auf dem vielleicht nur Text ist, dann ist das alles andere als unmittelbar, sondern das ist vermittelt. Und genau deswegen haben Social Media vereinsamende Effekte.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.04.2018 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Manfred-Spitzer-ueber-Einsamkeit,journal1288.html

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