Stand: 16.02.2019 12:25 Uhr

Jonathan Meese zieht Kunst-Netz über Lübeck

von Astrid Wulf

Sein Lachen dröhnt durch die mittelalterlichen Gemäuer. Als er den Raum mit den Journalisten betritt, ruft er begeistert: "Woooow! Das Holstentor ist genial! Da kannste immer rumlaufen! Das ist wie ein Kreislauf! Und man kommt immer zu Hause an." Er winkt seiner Mutter Brigitte zu, die bereits auf ihn wartet. "Na Mami, geht’s dir gut? Wow, so viele Menschen!" Der Künstler Jonathan Meese ist bekannt dafür, dass er eigentlich ständig performt. So beginnt die Show schon auf der Pressekonferenz im Lübecker Holstentor, bei der sein museenübergreifendes Kunstprojekt vorgestellt wird.

International erfolgreich und in Schleswig-Holstein verwurzelt

Familie und Heimat: Diese beiden Themen sind zentral für Meeses Kunstprojekt "Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)". Teils parallel stellt er seine Kunst in der der St. Petri-Kirche, der Overbeck-Gesellschaft und dem Kunsthaus St. Annen aus. In der Kulturwerft Gollan ist eine Performance geplant.

In Tokio geboren, kam er mit drei Jahren nach Ahrensburg. Heute noch ist er einmal in der Woche in der Stadt im Kreis Stormarn. Auch mit Lübeck verbindet ihn vieles. "Ich liebe Lübeck total. Aber Lübeck könnte noch geiler werden, indem es sich von der Kunst regieren lässt."

Lübeck will zeigen: Mit Meese trauen wir uns was

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Kulturjournal

Jonathan Meese: Kunst und Provokation

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Fünf Lübecker Museen wird Jonathan Meese in diesem Jahr mit seiner Kunst bespielen. "Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)" heißt die Gesamtausstellung, in der es um Heimat und Herkunft geht. Video (04:22 min)

Die Organisatoren der Ausstellungen und Meese überbieten sich bei der Pressekonferenz gegenseitig mit Lobeshymnen und Dankesbekundungen. Die Initiatoren sind stolz darauf, den eigenwilligen Performancekünstler für das "Gesamtkunstwerk Lübeck" in die Hansestadt geholt zu haben. "Lübeck gilt als wenig gegenwärtig, das Projekt soll zeigen, wie falsch das ist", sagt Hans Wißkirchen, Direktor der Lübecker Museen.

Meese ist umstritten.  Gern spielt er mit faschistoider Ästhetik - wenn auch nur, um klarzumachen, wie sehr er Ideologien sämtlicher Couleur ablehnt. Für ihn gibt es nur eine Autorität: Die Kunst. Und höchstens noch seine Mutter Brigitte.

Meese - kein "Skandalkünstler“

Ihn wegen seiner Radikalität als Skandalkünstler zu bezeichnen, hält Oliver Zybok, Direktor der Lübecker Overbeck-Gesellschaft, für falsch. "Man muss ihm zuhören. Was er sagt, wie er es sagt, in welchem Kontext er es sagt. Wer sagt, Jonathan Meese ist ein Skandalkünstler, übernimmt doch das, was er von anderen gehört hat." Meese selbst hingegen hat nichts von solchen Umschreibungen. "Oscar Wilde, Marquis de Sade, Richard Wagner - all diese geilen Typen galten als Enfants Terribles. Die waren ihrer Zeit einfach voraus." Er hält allerdings nicht seine Kunst für skandalös, sondern vielmehr die Tatsache, dass niemand anderes auf dem Planeten die Kunst so abgöttisch liebt wie er.

Meese: Nicht jedem Lübecker ein Begriff

Nach einer - wenn auch nicht repräsentativen - Kurzumfrage in der Lübecker Innenstadt haben viele Lübecker noch nie von Meese gehört. Eine Frau kennt ihn, ist aber eher unbeeindruckt. "Das ist doch so ein Langhaariger. Der hat ja wohl einen recht abstrakten Eindruck der Welt. Meiner ist es nicht, aber soll er", sagt sie achselzuckend. Eine ältere Dame hingegen bekommt leuchtende Augen. "Natürlich kenne ich den. In Hamburg habe ich eine Ausstellung von ihm gesehen. Und man steht davor und ich weiß nicht, was ich damit anfangen kann." Auch seine Ausstellung in Lübeck will sie unbedingt besuchen. "Verstehen will ich ihn gar nicht unbedingt."

Freifahrtschein für fünf Veranstaltungsorte

Er hat den Initiatoren zufolge eine "Carte Blanche" bekommen - einen absoluten Freifahrtschein, die Ausstellungsorte so zu gestalten, wie er möchte. Dabei steht jeder Ort für ein Familienmitglied und dessen Rolle in Jonathan Meeses Leben. Meese ist dankbar, sich an so vielen Orten austoben zu können. "Man kommt dem Gesamtkunstwerk Lübeck näher, wenn man viele Orte bespielt", sagt Meese. Sein Ziel, die Welt komplett mit Kunst zu überziehen, könne er so schneller verwirklichen. "Wir müssen ja ein Netz der Kunst über Lübeck ziehen, über Deutschland ziehen, über Europa ziehen, über die ganze Welt. Die ganze Welt muss von einem Kunst-Spinnennetz überzogen werden. Wie ein Schmelz."

Jonathan Meese: Ausstellung in Lübeck

Kunstprojekt startet in der Kirche St. Petri und im Günter Grass-Haus

Einer der beiden ersten Ausstellungsorte ist ausgerechnet die Altstadtkirche St. Petri. Meese, der mit Religion rein gar nichts anfangen kann, zeigt dort eine kleinteilige Installation. Dabei mischt er unter anderem entstellte Puppen, übermalte Badehandtücher mit handgeschriebenen Manifesten, Bildern und Collagen. Die Ausstellung im Günter-Grass-Haus wirkt im Vergleich sehr übersichtlich und aufgeräumt. Hier hat er gleiche eine ganze Wand mit seinem Manifest gefüllt. Neben seinen Gemälden sind dort unter anderem alte Schulhefte zu sehen. Ende März kommen die beiden weiteren Ausstellungen in der Kunsthalle St. Annen und der Overbeck-Gesellschaft hinzu. Im Mai ist noch eine Performance in der Kulturwerft Gollan geplant - Meeses erste Performance in Deutschland seit fünf Jahren.

Vom Gesamtkunstwerk Lübeck zur Herrschaft der Kunst in allen Welten

Die Initiatoren des Kunstprojekts hoffen, dass sich Lübeck nach Meeses Kunst-Invasion eine etwas andere Stadt sein wird. Für Meese ist das Gesamtkunstwerk Lübeck hingegen ein Schritt zur absoluten Machtübernahme der Kunst. "Das Gesamtkunstwerk Lübeck ist der Anfang. Dann geht’s zum Gesamtkunstwerk Deutschland, dann das Gesamtkunstwerk die ganze Welt, und dann alle Welten." Dann müssten wir uns alle nach den Maßstäben der Kunst richten, so Meese. Denn: "Die Kunst ist das Geilste, und das Geilste muss an die Macht."

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Meese in Lübeck: Stapellauf für Kunst-Diktatur

Jonathan Meese hat - mal wieder - die Diktatur der Kunst ausgerufen. Mit einer zweieinhalbstündigen Performance unterhielt er die Zuschauer in der Lübecker Kulturwerft Gollan. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.02.2019 | 19:30 Uhr