Stand: 17.06.2019 16:31 Uhr

Ballett-Tage beginnen mit Shakespeares Sonetten

von Annette Matz

Mit der Uraufführung von "Shakespeares Sonette" haben am Sonntag die 45. Hamburger Ballett-Tage begonnen. Zum ersten Mal wurde die Auftaktpremiere an der Hamburgischen Staatsoper nicht von Ballettintendant John Neumeier selbst, sondern von drei seiner Star-Solisten kreiert. Einige Zuschauer verließen die Premiere schon in der Pause. Am Ende aber gab es Jubel und viel Applaus für das hervorragende Ensemble und die gute Choreografie. 

Ballett-Tänzer trainieren für die Ballett-Tage in der Staatsoper.

Ballett-Tage starten mit Shakespeare-Sonetten

Hamburg Journal -

Bei den Hamburger Ballett-Tagen treten in diesem Jahr drei junge Choreografen in die Fußstapfen von John Neumeier: Zur Eröffnung kreieren sie "Shakespeare - Sonette".

4,33 bei 6 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Normalerweise eröffnet John Neumeier selbst mit einer Premiere die hochklassigen Hamburger Ballettfestspiele. In diesem Jahr durften mit Aleix Martinez, Marc Jubete und Edvin Revazov drei seiner Startänzer die wichtige Auftaktpremiere gestalten. Es sei "ein Schritt in die Zukunft", wie der mittlerweile 80-jährige Neumeier sagt. Und offenbar hat Neumeier tatsächlich die Leine lang gelassen. Zurückgezogen in der letzten Reihe beobachtete er die letzten Proben in der Staatsoper. Lediglich das Thema hatte er seinen drei Solisten vor einigen Monaten vorgegeben: Sie sollten einen Ballettabend zu den Shakespeare-Sonetten kreieren.  

"Shakespeares Sonette" - Meisterwerk der Renaissance

Bild vergrößern
Shakespeares Sonette handeln von der Liebe und der Angst, sie zu verlieren.

Der Gedichtband "Shakespeares Sonette" gilt als ein besonderes Meisterwerk der Renaissance. Ungewöhnlich ist, dass sich die Liebeslyrik an einen jungen, schönen Mann richtet. Es sind 154 Gedichte, 400 Jahre alt, die meisten davon Liebesgedichte. Vor allem geht es um die Furcht, die Liebe zu verlieren, um Eifersucht, um das Altwerden. "Die Gedichte strahlen bis heute", ist Edvin Revazov überzeugt. "Die Gefühle sind immer noch dieselben, wie damals."

Nach diesem Abend kann man dem Hamburg-Ballett-Solisten und Choreografen nur recht geben. Gleich zu Beginn großes Staunen: ein bühnengroßer Spiegelvorhang, in dem sich das Publikum selbst sieht, als wenn alle mit auf der Bühne wären. Dann schicken die drei Choreografen ihre Zuschauer fast drei Stunden durch ihre Interpretationen der Sonette.

Inszenierung lässt viel Raum für eigene Gedanken

Bild vergrößern
Ruhe und Hektik zugleich - die Inszenierung spielt mit Gegensätzen.

Das Stück ist modern und entwickelt schnell einen Sog. Zugleich ist es poetisch, düster und manchmal voller Jammer. Immer bleibt dem Zuschauer viel Raum für eigene Gedanken und dennoch ist es fast nie erwartbar. Wie Filmszenen greifen die unterschiedlichen Teile ineinander.

Zur Pause geht nicht der Vorhang zu, sondern einfach das Licht an. Ein Tänzer bleibt auf der Bühne. Manche Gäste in der Staatsoper machen ratlose Gesichter, ihnen "fehlt der Zugang" oder das Stück macht sie "müde".  

Einige leere Sitze in der Hamburger Staatsoper

So gibt es einige leere rote Sitze, als der zweite Teil des Abends beginnt. Doch alle anderen lassen sich einsaugen in die tiefe, berührende Poesie, in die Innigkeit leidenschaftlicher Liebe und das Kämpfen um sie.

Jeder der drei jungen Choreografen zeigt seine eigene Handschrift. Zu den besonders starken Momenten des Abends gehören die Szenen in einer Fabrik, die gleichschöne Menschen herstellt und sie in konservierende Plastikkostüme packt. In wen oder was verliebt man sich? Was bedeutet Schönheit?

Pestärzte sorgen erst für Stille und dann für Staunen

Bild vergrößern
Die Pestärzte wirken zunächst unheimlich. Einer von ihnen berührt eine Kranke - und tauscht mit ihr die Gewänder.

Gespannte Stille im Publikum, als Pestärzte auf 30 Zentimeter hohen Plateauschuhen schwarz gekleidet auf die Bühne kommen. Sie tragen Masken und Stöcke, um sich die Krankheit vom Hals halten - wie zu Shakespeares Zeiten.

Die Magie beginnt, wenn einer von ihnen eine Kranke berührt und liebt. "Großartig", sagt einer der Zuschauer. "Es war wie ein Durchbruch. Ein neuer Schritt in die Zukunft", ergänzt ein anderer.

"Shakespeares Sonette" schließen mit atemberaubendem Schlussbild

Bild vergrößern
Die Tänzer bilden im Schlussbild eine Blüte - der Spiegeleffekt verstärkt die Choreografie.

Auch wenn es die ein oder andere Länge oder Wiederholung gibt: Dieser Ballettabend ist herausragend und zieht das Hamburger Publikum mit bemerkenswerten Tänzern und Tänzerinnen am Ende doch noch in seinen Bann. Keiner von ihnen hat eine Sonderrolle.

Wenn sich im Schlussbild alle Tänzer nacheinander kreisförmig zu einer immer größer werdenden bewegten Blüte zusammenfinden, nimmt es einem fast den Atem. Viele Bravos und kein Zweifel: Das muss man sehen.

45. Hamburger Ballett-Tage

Die 45. Hamburger Ballett-Tage finden vom 16. Juni bis zum 30. Juni 2019 in der Hamburger Staatsoper statt und sind der Abschluss der aktuellen Spielzeit. Neben Stücken aus dem Repertoire gibt es ein Gastspiel: In diesem kommt mit dem Het Nationale Ballet ein Ensemble aus Holland. Zum Abschluss gibt es am 30. Juni traditionell dann die fünfstündige "Nijinsky-Gala". Die Shakespeare-Sonette sind am 18. und am 28. Juni noch einmal bei den Balletttagen zu sehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 17.06.2019 | 19:00 Uhr

"Tanzwärts": 140 Laien tanzen im Staatstheater

15.06.2019 19:00 Uhr
Staatstheater Braunschweig

Fünf Wochen lang hat die Tanz-Compagnie des Staatstheaters Braunschweig mit 140 Laien aus der Stadt ein Tanz-Theater-Stück gestaltet. Ein Blick auf die Proben von "Tanzwärts!". mehr

Mehr Kultur

05:41
NDR Fernsehen
04:47
Kulturjournal
54:22
NDR Info