Tim Jung, Verlagsleiter Hoffmann und Campe, im Porträt. © picture alliance/dpa | Christian Charisius

Gorman-Gedicht: Verleger Tim Jung über die deutsche Übersetzung

Stand: 30.03.2021 11:17 Uhr

Gerade ist die deutsche Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht "The Hill We Climb" erschienen. Im Gespräch erzählt der Hoffmann und Campe-Verleger Tim Jung, warum sein Verlag gleich drei Frauen mit der Übersetzung beauftragt hat.

Tim Jung, Verlagsleiter Hoffmann und Campe, im Porträt. © picture alliance/dpa | Christian Charisius
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Am 20. Januar trug Amanda Gorman ihr Gedicht "The Hill We Climb" ("Den Hügel hinauf") bei der Amtseinführung von Joe Biden vor. Ihr poetischer Sprechgesang über Einheit, Gleichheit und Gerechtigkeit beeindruckte die ganze Welt.

Nun sind weltweit die jeweiligen Übersetzungen erschienen - deren Entstehung von heftigem Streit überschattet war: Wer kann, wer darf, wer soll dieses Gedicht der jungen Schwarzen übersetzen? In Deutschland hat sich der Hamburger Hoffmann und Campe-Verlag die Rechte an "The Hill We Climb" gesichert und gleich drei Frauen mit der Übersetzung des 19 Strophen umfassenden Langgedichts beauftragt: eine Schwarze, eine Muslimin und eine Übersetzerin.

Herr Jung, was hat ihren Verlag zu diesem ungewöhnlichen Schritt bewogen? Warum waren hier drei Übersetzerinnen nötig?

Tim Jung: Als Amada Gorman bei der Inauguration von Joe Biden ans Pult getreten ist, da hat sie mit ihrem Gedicht die Menschen auf der ganzen Welt von den Sitzen gerissen. Für mich ist sie da als Botschafterin eines besseren Amerika in Erscheinung getreten, als neue Stimme der Demokratie. Und auch als jemand, der uns noch einmal eindrücklich vor Augen geführt hat, welche Macht in Worten liegt. Ein solches Gedicht wie "The Hill We Climb" auf Deutsch veröffentlichen zu dürfen, geht natürlich mit einer gewissen Verantwortung einher, zumal wir hier eine Autorin gewinnen konnten, die auch dringende politische Anliegen hat.

Amanda Gorman ist ja Aktivistin. Sie setzt sich gegen Rassismus ein und kämpft für Vielfalt in der Gesellschaft. Und aus diesen Anliegen der Autorin ist bei uns im Verlag die Idee entstanden, drei Personen mit unterschiedlichen Expertisen und unterschiedlichen Erfahrungen als Team für die Übersetzung zu beauftragen. Der Grundgedanke war, dass dadurch verschiedene Erlebnis- und Erfahrungswelten eingebracht werden und damit natürlich auch etwas umgesetzt wird, was Amanda Gorman selbst auch einfordert, nämlich Vielfalt.

Teil dieses Teams ist auch eine ausgewiesene Übersetzerin, Uda Strätling. Trauen Sie ihr alleine nicht zu, sich so einem Text zu stellen?

Jung: Nein, selbstverständlich traue ich Frau Strätling das zu. Sie hat das mit ihren glänzenden Übersetzungen, beispielsweise von Teju Cole oder Claudia Rankine, eindrücklich unter Beweis gestellt. Das ist kein Misstrauensvotum gegenüber Frau Strätling, ganz im Gegenteil. Sondern es ist einfach eine besondere Idee, die im Verlag entstanden ist für eine besondere Autorin mit besonderen Anliegen. Und ich möchte an der Stelle auch noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Entscheidung, ein Team von drei Übersetzerinnen zu beauftragen, lange gefallen ist, bevor es in den Niederlanden zum Eklat kam und bevor auch in Katalonien der Übersetzer zurückgetreten ist. Mir ist wichtig zu betonen, dass das eine freie Entscheidung des Verlages war, die aus einer Runde im Lektorat geboren wurde, bei der wir uns die Frage gestellt haben: Wie gehen wir jetzt mit dieser besonderen Verantwortung und auch mit dieser besonderen Chance, Amanda Gorman ins Deutsche zu bringen, bestmöglich um?

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Sie haben Frau Strätling dann Hadija Haruna-Oelker, eine schwarze Journalistin und Rassismusforscherin, und Kübra Gümüşay zur Seite gestellt. Beide sind ausgewiesenermaßen keine Übersetzerinnen. Besteht da nicht die Gefahr, dass viele Köchinnen den Brei verderben?

Jung: Ja, das ist richtig. Die Gefahr besteht durchaus, so etwas hätte auch grandios schiefgehen können. Allerdings lässt sich sagen, dass die drei sich als Team schnell gefunden haben und sich mit großer Begeisterung an die Arbeit gemacht haben. Da wurde nächtelang intensiv diskutiert, gerungen und an den Versen gefeilt. Alle drei berichten, dass es eine große Freude war, so zusammenzuarbeiten. Und das ist auch etwas, was mich bei diesem Experiment besonders freut: Nicht nur, dass es gelungen ist, sondern auch, dass diese drei den Beweis angetreten haben, dass trotz ganz unterschiedlicher Hintergründe und Expertisen eine fruchtbare Zusammenarbeit möglich ist. Und dass es am Ende eben auch möglich ist, gemeinsam mit einer Stimme zu sprechen.

Pieke Biermann, die im vergangenen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse für ihre Übersetzung einer Schwarzamerikanerin erhalten hat, meinte hier im Gespräch, dass das Übersetzen eine mimetische Aneignung sei. Es sei ein Rollenspiel und dieses ganze Reden über Identität würde zu viel Schindluder führen. Verliert es nicht ein bisschen das Künstlerische und die Freiheit, wenn man das Ganze mit einem solchen Anspruch fast überfrachtet, dass es authentisch zu sein und eine Identität wiederzugeben hat?

Jung: Nein, wir haben hier nichts überfrachtet. Und davon unabhängig ist es mir wichtig zu sagen, dass sich aus dieser besonderen Lösung, die wir als Hoffmann und Campe Verlag für dieses besondere Gedicht gefunden haben, gar nichts Grundsätzliches ableiten lässt. Es geht nicht um die Frage, ob in Zukunft eine weiße Person keine schwarze Person mehr übersetzen kann oder darf oder umgekehrt. Das ist jedenfalls nie die Frage für uns gewesen. Sondern: Wie gehen wir mit dieser besonderen Chance, mit dieser besonderen Herausforderung, um? Und am Ende zählt das Ergebnis. Und das halte ich für brillant.

Es geht bei diesem Streit um die Übersetzungen ja darum, wie authentisch und wie identisch die Menschen sein müssen, die sich einem solchen Texten nähern. Ist das aber nicht gerade bei diesem Gedicht besonders ungewöhnlich? Denn Amanda Gorman appelliert doch an Gleichheit und Gerechtigkeit, will Rassen, Geschlechter und Grenzen überschreiten.

Wichtig ist mir, da noch einmal zu sagen, dass sich dieser Streit nicht an unserer Übersetzungslösung entzündet hat. Sondern sehr viel später, nachdem wir unser Team beauftragt hatten. Die Übersetzung war auch schon fast fertig. Diese Debatte erlebe ich im Übrigen als verkürzt und in Teilen auch leider sehr undifferenziert. Das ist schade. Aber vielleicht kann man doch auch etwas Gutes aus ihr mitnehmen. Zum einen: Es ist noch einmal einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt worden, welchen Wert eine Übersetzung hat und welchen Stellenwert Übersetzerinnen und Übersetzer mit ihrer Arbeit haben sollten in der Gesellschaft. Das sind unverzichtbare Botschafter und Brückenbauer. Und etwas anderes ist eben auch deutlich geworden: Es hat mich sehr gefreut, dass in der letzten Woche die New York Times darauf hingewiesen hat, dass gerade wir als Hoffmann und Campe Verlag mit dieser ungewöhnlichen Herangehensweise, drei Personen mit unterschiedlichen Erfahrungswelten und Expertisen mit der Übersetzung zu beauftragen, doch etwas ganz Wesentliches davon umgesetzt haben, worum es Amanda Gorman eben geht.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 30.03.2021 | 18:00 Uhr