Stand: 19.05.2020 14:50 Uhr  - NDR Kultur

Gleichberechtigung: Neue Ungleichheiten durch Corona

Laut aktuellen Studien tragen Frauen während der Corona-Krise auf mehreren Ebenen eine größere Last, sind oft benachteiligt in ihrer Situation und entsprechend unzufriedener. Mit den Folgen des Corona-Alltags für Familien hat sich auch das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung beschäftigt. Ein Gespräch mit der Präsidentin des WZB, Jutta Allmendinger.

Frau Allmendinger, in den letzten Jahren ging es mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sichtbar voran - warum zeigt sie sich in der Corona-Krise vielerorts von der schlechtesten Seite?

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Die Soziologin Jutta Allmendinger hat sich mit den Folgen des Corona-Alltags für Familien beschäftigt.

Jutta Allmendinger: Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass die gesamte Infrastruktur für Kinder weggebrochen ist. Die Kitas und die Schulen waren über eine lange Zeit geschlossen. Das hat bei den Eltern dazu geführt, dass sie Lehrerinnen und Lehrer sein mussten, dass sie einen Sportverein und den ganzen Freundeskreis ersetzten. Zudem kam noch die bezahlte Erwerbsarbeit. Und hier hat sich wieder gezeigt, dass wir viele Hausaufgaben über die letzten Jahre nicht gemacht haben. Die größte Hausaufgabe, die uns bevorsteht, ist die gleiche Verteilung der Arbeitszeiten zwischen Männern und Frauen. Wir haben immer noch das Bild im Kopf, dass wir nur dann eine Lohngleichheit oder Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen haben, wenn sich Frauen vollständig einer männlichen Erwerbsbiografie anpassen, also ununterbrochen Vollzeit erwerbstätig sind. Das ist mit Kindern, mit pflegebedürftigen Angehörigen und der ganzen Hausarbeit gar nicht möglich. Die Infrastruktur fällt also weg, die Politik legt keinen großen Wert auf Familien in den ersten Wochen, und schwuppdiwupp sind die traditionellen Geschlechterschemata und Stereotypisierungen plötzlich wieder da.

Wie der Corona-Alltag Frauen benachteiligt

Kulturjournal -

Keine Betreuung, Doppelbelastung durch Job und Haushalt und ein Anstieg der häuslichen Gewalt. Die Corona-Krise ist auch zu einer Krise für Frauen geworden. Was kann dagegen unternommen werden?

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Viele arbeiten im Homeoffice - das können aber nur bestimmte Berufsgruppen in Anspruch nehmen. Verfestigen sich da nicht auch schon massive Ungleichheiten?

Allmendinger: In der Tat sehen wir, dass die 25 Prozent, die im Homeoffice arbeiten, jene sind, die gar keine oder nur minimale Lohneinbußen hatten. Dazu kommen noch all jene, die in Kurzarbeit sind oder sogar in Nullarbeit und die arbeitslos geworden sind. Auch das sind besonders viele Frauen, die in geringfügiger Beschäftigung waren. Da ist das Drama noch größer, weil neben dem Zeitmangel für sich selbst auch noch massive Unsicherheiten hinsichtlich des Einkommens, und wie es damit weitergeht, hinzugekommen sind. Wir können anhand unserer Daten zeigen, dass die bedrohliche Lage besonders kumuliert bei alleinerziehenden Frauen eingetreten ist, die ohnehin schon relativ wenig Geld für ihr Leben hatten, und bei kleinen Selbstständigen, denen die ganze wirtschaftliche Basis weggebrochen ist. Ich stimme Ihnen zu: Wir werden neue Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen haben, in den Karriereentwicklungen, in den Renten, aber auch entlang sozialer Linien.

Sie sagen, unsere Gesellschaft fällt zurück und die Fortschritte, die erzielt wurden, lösen sich gerade in Luft auf. Warum sind es offensichtlich wieder die Frauen, die sich für die unmittelbaren Familienbelange mehr einsetzen müssen, obwohl vor Corona alles deutlich ausgewogener abgestimmt war?

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Allmendinger: Das würde ich so nicht sagen. Frauen haben mit Männern gleichgezogen, was die Bildung betrifft: Im Erwerbssektor sind fast genauso viele Frauen wie Männer erwerbstätig. Das gilt aber nur, wenn wir die Köpfe zählen und nicht das Arbeitsvolumen. Da haben wir eine extremes Ungleichgewicht, weil fast jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet - bei den Männern sind es gerade mal acht Prozent. Wir haben nach wie vor institutionelle Anreize, wie beispielsweise das Ehegattensplitting oder die kostenlose Mitversicherung. Wir haben die niedrigere Bezahlung von sogenannten Frauenjobs; Frauen arbeiteten hauptsächlich in Minijobs. Ich sehe also dieses positive Bild vor der Corona-Zeit so nicht. Auch die Quoten finden wir ja nicht in den Vorstandsetagen, sondern bei den Aufsichtsräten - aber die können nur wenig daran ausrichten, dass der Vorstand etwas geschlechtergerechter wird.

Wir haben also vieles in der Vergangenheit versäumt. Ich bin zwar keine Person, die mit Pessimismus in die Zukunft schaut, aber wir müssen jetzt alles daran setzen, dass diese Fehler, die wir erkannt haben, die wir jetzt wie ein Brennglas in der Krise sehen, beheben. Wir müssen unsere Wirtschaftsforderung nach einem Gender-Budgeting aufbauen und bei jeder finanziellen Maßnahme genau darauf achten, dass Männer wie Frauen profitieren. Bei den Arbeitszeiten müssen wir auch von Männern erwarten dürfen, dass sie ein bisschen mehr weibliche Biografien annehmen, statt die Frauen in reine Vollzeit bringen zu wollen, nur damit sie gleichgestellt sind.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Jutta Allmendinger © picture alliance / Eventpress Stauffenberg

Gleichberechtigung: Neue Ungleichheiten wegen Corona

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Soziologin Jutta Allmendinger hat sich mit den Folgen des Corona-Alltags für Familien beschäftigt: Frauen seien während der Krise auf mehreren Ebenen benachteiligt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.05.2020 | 19:00 Uhr

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