Ein aufgeschlagenes Buch liegt vor einem Stapel Bücher © picture alliance / Zoonar Foto: Alexey Popov

Gewalt, Macht, Krieg - Die Spuren des Krieges in der Literatur

Stand: 22.04.2022 17:50 Uhr

Was kann Literatur uns geben, wenn es an die Substanz geht? Kann sie trösten, oder wenigstens helfen, die Welt besser zu verstehen? Die Schriftstellerin Julia Franck hält Literatur für überlebenswichtig.

von Julia Franck

Wer kann schon ohne Literatur leben, ohne das Erzählen und Hören unserer Geschichten, die seit Anbeginn um das kreisen, was wir voneinander wissen und verstehen wollen. Wie oft höre ich in den vergangenen Jahren den Satz: "Zum Lesen fehlt mir die Zeit." Niemand von uns verfügt über mehr oder weniger Zeit als ein anderer. Eine jede hat nur ihre Lebenszeit zum Lieben und Wüten, zum Träumen und Arbeiten, zum Kämpfen, Sorgen und Trödeln. Ob wir zur Dämmerstunde Löcher in die Luft starren, Netflix, Youtube, Twitter, Nachrichten oder ein Buch öffnen, gehört zu den wunderbaren Freiheiten unserer demokratischen Gesellschaft.

Lesen, im Gegensatz zu den anderen Medien, sperrt uns den Zugang zum Nachdenken auf, gewährt Einblick in fernere Zeiten und Regionen, ermöglicht uns die Begegnung mit Menschen, ihren Eigenschaften und Kulturen, die uns eben noch fremd waren. Selbst wenn ihre Autorinnen längst gestorben sind, teilen wir im Lesen ihre Sprache und ihr Denken, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit der Gewalt und den Hoffnungen, die alle Kriege hervorbringen, die Ohnmacht und Zweifel, über uns selbst und das Menschliche schlechthin, die jeder Krieg im Menschen erwirkt. Literatur ist die Spur des Anderen, die unmittelbar in unsere Gegenwart zielt.

Literatur als Instrument zur Überwindung von Hass und Wut

Erst im Lesen von Agota Kristofs Trilogie vom "Großen Heft" erkannte ich das Universelle der Erfahrung von Krieg und Migration, das Kollektive, mindestens Zwillingshafte in der Erfahrung des Einzelnen, das Universelle des radikalen Anspruchs an Wahrheit inmitten eines Krieges, der immer schon ein Gestrüpp aus Lügen und nicht erst seit Troja ein strategisches Spiel der Täuschung ist. Kaum eine Autorin des 20. Jahrhunderts hat das Wesen des Krieges so knapp und pointiert, so nüchtern und poetisch erzählt wie Kristof mit ihren Zwillingen, die am Ende vermutlich keine waren. Weder Unschuld noch Unversehrtheit kann es im Krieg geben. Zugleich schärft die Lektüre von Kristof unseren Blick auf die Gegenwart: Die gelingende Flucht Einzelner befriedet weder einen religiösen oder ideologischen Krieg, noch den willkürlichen Angriff eines Imperators oder die humanitären Verbrechen und Militärschläge eines Mächtlings. Literatur heilt und rettet keineswegs, sie tröstet und beruhigt nicht, sie ist keine Waffe und wollte nie eine sein. Und doch ist Literatur das einzige Gegenmittel, ein Instrument zur Verständigung, zur Überwindung von Hass und Wut.

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Eine Frau steht in einer Buchhandlung und betrachtet Bücher © picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann Foto: Frank Hoermann

Pandemie und Krieg: Über die Lage der Literatur in Krisenzeiten

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Besonders im zerstreuenden Alltag zwischen Beruf, Nachrichten und Privatleben ist das Lesen eine Schule der Konzentration und Zuwendung, der Tiefe und Intensität. Gerade in Zeiten großer Veränderungen, gesellschaftlicher und auch individueller Umbrüche, in denen wir Krisen, Katastrophen und Kriege entlang einer Flut von Bildern erleben, ermöglicht das Lesen von Literatur nicht nur eine aufregende und unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem Denken der Anderen und ihrer Geschichte, wir dürfen uns die Welt dieser Anderen vorstellen und mit ihrer Sprache aus ihrer Gegenwart in unserem Hier aufwachen. Eine solche Überwindung sonst ferner, also Begegnung entlegener Zeiten, Orte und Menschen ist einzig in der Literatur möglich, ein irdisches Wunder.

Bücher helfen gegen die Ohnmacht

Mord und Gewalt brauchen keinen Krieg, und doch schürfen seine Bilder, die uns im Minutentakt von Drohnenkameras und Videoaufnahmen über unsere häuslichen und mobilen Bildschirme erreichen, im kollektiven Gedächtnis unserer Kriegserfahrung. Sie rufen Angst und Ohnmacht wach. Unentwegt werden wir Augenzeugen der Kriegsbilder, Zuschauer der echten und rohen Gewalt zwischen anderen. Die Bilder fallen in unser Inneres. Während die Bilderflut manch einen immer unempfindlicher, robust und schroff werden lässt, stören dieselben Kriegsbilder in anderen von uns empfindlich die Grundfesten unseres zivilisierten Selbstbildes als Westeuropäer.

Die notwendige Entwicklung der Erinnerungskultur und Aufarbeitung der deutschen Kriegsschuld und Verbrechen musste wachsen. Wo Verständigung und Friedensverhandlungen scheitern, der Stein des Stärkeren den Pazifisten erschlägt, wirkt neben medizinischer Versorgung und Suppenküche, Spenden und humanitärer Hilfe kaum etwas gegen die bleierne Empfindung schier grenzenloser Ohnmacht. Das Lesen von Literatur bietet den Nachrichtenbildern vom Krieg die Stirn.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 23.04.2022 | 13:05 Uhr

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