Ein junges Paar © picture alliance / PhotoAlto Foto: Laurence Mouton

Geschlechterklischees: "Starke Kerle" und "schöne Frauen"

Stand: 30.09.2021 19:12 Uhr

In unserer dreiteiligen Serie zu Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten dieses Ungleichgewichts. In der zweiten Folge geht es um mediale Bilder und Rollenklischees.

von Patric Seibel

"Der Mann, der ein Urteil fällt, soll auch das Schwert führen." Filmszene

"Irgendwann bin ich einfach unsichtbar geworden. Du siehst mich kaum noch an. Ich will auf den Laufsteg. Lass es mich nochmal probieren, bitte." Filmszene

Ob im US-Blockbuster oder im deutschen Film: Das Bild der Geschlechter ist ähnlich: Männer handeln - Frauen erscheinen. Sie sieht gut aus - er redet. Das ist die Realität auf der Leinwand, auch noch im 21. Jahrhundert. Verschiedene Studien belegen einen weiblichen Redeanteil im Film von durchschnittlich etwa 30 Prozent. Daran hat sich auch nach der "MeToo-Debatte" noch nichts substanziell geändert. Zwar gibt es zum Beispiel mit Reese Witherspoon auch erfolgreiche Produzentinnen, die bewusst anspruchsvolle Filme für Frauen und vor allem mit Frauen machen, sowie insgesamt ein Bemühen der Filmwelt, diverser zu werden. Doch nach wie vor gilt: "Der männliche Blick beherrscht den Film. Die Frau ist immer schön anzusehen, attraktiv", fasst Heike Kleen zusammen. Sie schreibt in ihrem Buch "Geständnisse einer Teilzeitfeministin" über traditionelle Rollenklischees - auch in der Pop- und Alltagskultur.

Geschlechterrollen bei Kindern: "Das ist eigentlich geisteskrank!"

Denn die strikte Trennung in weiblich und männlich beginnt früh: schon im Kindergartenalter - und das heute sogar stärker als noch vor einer Generation: "Man guckt sich in Spielzeuggeschäften oder in Klamottengeschäften um und denkt, da wird für zwei unterschiedliche Spezies eingekauft. Jungs sind so - Mädchen sind so. Das ist ganz fürchterlich, wenn wir die schon in Rollen pressen, bevor sie überhaupt auf der Welt sind. Bevor sie wissen, was männlich oder weiblich ist, kaufen wir schon die entsprechenden Farben - das ist eigentlich geisteskrank!"

Dabei sind gerade die angeblich typischen Jungen- und Mädchenfarben ein schlagender Beweis für kulturelle Konstruktionen: Noch bis ins 19. Jahrhundert war Rot als Farbe des Kampfes und der Könige männlich besetzt - und vor allem adlige Jungen trugen das kleine Rot, und zwar Rosa. Und Mädchen Blau!

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Ein junger Vater hält sein Kind auf den Armen. © David-W- / photocase.de Foto: David-W-

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"Gerade in sozialen Medien sehen wir eine Rückkehr zu traditionellen Werten"

Der Trend zu festen Geschlechterklischees könnte eine Reaktion auf Unsicherheit angesichts sich verändernder gesellschaftlicher Männer-, Frauen- und Familienbilder sein, vermutet Heiner Fischer, Väter-Coach und Betreiber der Seite "Vaterwelten": "Gerade in den sozialen Medien sehen wir eine Rückkehr zu den traditionellen Werten, eine Überhöhung der fürsorglichen Mutterrolle; und die väterliche Rolle, die darin besteht der Ernährer der Familie zu sein. Nur die Mutter kann dem Kind das geben, was es braucht, und der starke Vater an ihrer Seite beschützt die Familie und sorgt für sie. Mit diesem Bild werden Ängste bedient, die im Grunde unsere plurale Gesellschaft abbildet."

Mehr Geschlechtergerechtigkeit in skandinavischen Ländern

Dass es unterschiedliche Rollenmuster gibt, wertet die Soziologin Birgit Pfau-Effinger von der Uni Hamburg nicht als Problem an sich. Entscheidend sei die unterschiedliche Bewertung der als typisch männlich oder weiblich geltenden Eigenschaften: "Die gewisse Abwertung von Fähigkeiten, die eher Frauen zugeschrieben werden, hat sich lange gehalten. In anderen Gesellschaften, die weitaus egalitärer sind, gibt es diese unterschiedlichen Zuschreibungen sicherlich auch, aber nicht dieses Abwertung von Empathie, Sorgebereitschaft und so weiter."

In solchen Gesellschaften, wie den skandinavischen, haben dementsprechend auch Berufe, die Empathie und Sorgebereitschaft erfordern, wie Pflege oder Kinderbetreuung, ein besseres Image und bessere Arbeitsbedingungen. Hier könnte gelten: Von den skandinavischen Ländern lernen, heißt mehr Geschlechtergerechtigkeit lernen.

Geschlechtergerechtigkeit ist für viele Frauen in Deutschland nur ein Wort. Sie haben oft die schlechter bezahlten Jobs und investieren mehr in Kinder, Pflege und Haushalt als die Männer. Trotz Elternzeitanspruch und Elterngeld wandelt sich das traditionelle Bild vom männlichen Familienernährer nur zögernd. Der Kampf um eine geschlechtergerechte Sprache wird mit religiöser Inbrunst geführt - und dabei vergessen, worum es eigentlich geht: Um eine faire Verteilung von Chancen ohne Ansehen von biologischem Geschlecht oder Zugehörigkeit. In unserer dreiteiligen Serie "Teilzeitfeminismus - der lange Marsch in die Geschlechtergerechtigkeit" beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten dieses Ungleichgewichts.

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Ein junger Vater hält sein Kind auf den Armen. © David-W- / photocase.de Foto: David-W-

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Vater sitzt mit einem Buch im Garten und betreut seinen sieben Wochen alten Sohn, der im Kinderwagen liegt. © dpa | Patrick Pleul Foto: Patrick Pleul

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 01.10.2021 | 06:55 Uhr

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