Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder

Kulturrat-Chef Zimmermann beklagt Gender-Pay-Gap

Stand: 10.03.2021 15:38 Uhr

Die Gender-Pay-Gap beschreibt das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern. Wie sieht das in der Kultur aus? Ein Gespräch mit Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates.

Der Equal-Pay-Day ist der Tag, bis zu dem Frauen über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssten, um im Schnitt das auf gleiche Jahresgehalt wie ihre männlichen Kollegen zu kommen. In Deutschland ist das in diesem Jahr der 10. März. Anlass für NDR Kultur, auf die eklatante Gender-Pay-Gap im Kulturbereich zu blicken.

Herr Zimmermann, die Gender-Pay-Gap liegt bei den selbständigen Kultur-Beschäftigten im Durchschnitt über 20 Prozent, ist also oft höher als bei den Angestellten. Wie ist diese Ungleichheit zu erklären?

Olaf Zimmermann: Ich glaube, dass der freiberufliche Bereich noch weniger Regeln kennt als der Angestelltenbereich. Wir haben im Kulturbereich bei den Angestellten einige Bereiche, die tarifgebunden sind. Je stärker ein Bereich tarifgebunden ist, umso weniger werden Frauen benachteiligt. Denn dann gibt es eine bestimmte Tarifbezahlung für eine bestimmte Tätigkeit. Im Bereich der Freiberuflichen haben wir diese Tarifgebundenheit überhaupt nicht. Es gibt noch nicht einmal Honorarempfehlungen, die bundesweit durchgesetzt werden könnten. Das führt dazu, dass gerade Frauen schlechter bezahlt werden. Es gibt keine klaren Regeln, dass sie selbstverständlich für dieselbe Arbeit genauso viel verdienen wie ein Mann. Es ist erschreckend, dass wir mit 20 Prozent Gehaltslücke sogar über dem Durchschnitt der normalen Wirtschaft liegen. Zudem haben wir noch ganz große Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern.

In Hamburg liegt der Unterschied bei mehr als 30 Prozent, in Thüringen bei ungefähr zehn Prozent. Wie erklären Sie sich solche regionalen Unterschiede?

Zimmermann: In Thüringen verdient man als freiberufliche Künstlerin und freiberuflicher Künstler am wenigsten in Deutschland. Das wissen wir verhältnismäßig genau über die Künstlersozialversicherung. In Hamburg verdient man am meisten. Also dort, wo es eigentlich den Freiberuflern am besten geht, dort ist die Gender-Pay-Gap auch am höchsten. Das heißt also, Frauen verdienen noch einmal erheblich weniger. Nur dort, wo man sowieso schon wenig verdient, werden Frauen nicht so stark benachteiligt. Das macht die Geschichte noch ein wenig irrsinniger.

Hat das vergangene Jahr mit der Corona-Pandemie diese Situation noch einmal verschärft?

Zimmermann: Wir hoffen, dass wir jetzt in weitere Untersuchungen gehen können. Wir haben im letzten Jahr eine umfängliche Untersuchung über die soziale und wirtschaftliche Lage von Frauen und Männern in Kulturberufen gemacht. Das bezog sich aber auf die Zahlen bis Ende 2019. Jetzt haben wir Corona, die Einkommenssituation wird sich noch einmal dramatisch verschlechtern. Das bedeutet natürlich, dass gerade im freiberuflichen Bereich weniger verdient wird. Wir müssen uns angucken, ob das dazu führt, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen nicht mehr so groß ist. Oder ob durch die Krise diese Gender-Pay-Gap in die Niedrig-Verdienenden-Bereiche übernommen worden ist. Das werden wir aber erst feststellen können, wenn die Zahlen vorliegen.

Das Einkommen hängt auch mit der Präsenz im Markt zusammen, schreiben sie. Allgemein könnte man also sagen, Promis verdienen mehr als B-Promis oder C-Promis. Aber warum befeuert das auch noch einmal ein weiteres Aufklaffen dieser Lücke im Einkommen zwischen Männern und Frauen?

Zimmermann: Ich glaube, es hat viel damit zu tun, was der Markt eigentlich an Präsenz verlangt. Der Kunstmarkt verlangt zum Beispiel von der bildenden Künstlerin oder einem bildenden Künstler eine permanente Präsenz. Wenn ich Kindererziehungszeiten habe, dann falle ich für eine gewisse Zeit aus diesem Markt heraus. Es werden mehr Kindererziehungszeiten von Frauen wahrgenommen als von Männern. Und dieses Herausfallen aus der Marktpräsenz führt automatisch zu einem niedrigeren Einkommen. Das heißt also, gerade in diesem freiberuflichen Bereich gibt es keine Sicherungssysteme wie im Angestelltenbereich, wo es eine Lohnfortzahlung gibt oder wo ich eine gewisse Zeit für die Kinderbetreuung habe und dafür entlohnt werde. Das haben wir in dem freiberuflichen Bereich nicht. Deswegen ist das ein ganz wichtiger Punkt, dass gerade Frauen durch ihre spezifische Situation doppelt benachteiligt werden.

Wenn Sie als Kulturrat entscheiden könnten, wie diese Ungleichbehandlung zwischen Männern und Frauen zu beenden wäre: Was würden sie tun?

Zimmermann: Ich glaube, wir brauchen mehr Regeln. Das heißt, dass wir entweder verbindliche Honorarempfehlungen haben, die klarmachen, dass ich für eine bestimmte Leistung ein bestimmtes Entgelt bezahlen muss. Ganz unabhängig davon, ob diese Leistung von einem Mann oder einer Frau erbracht worden sind. Ich brauche im Angestelltenbereich mehr Tarifverträge. Davon haben wir im Kulturbereich zu wenig. Das liegt daran, dass viele im Kulturbereich nicht organisiert sind. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wenn ich mich als Kulturschaffender nicht organisiere, zum Beispiel in einer Gewerkschaft, werde ich es nicht schaffen, eine eigene Stimme zu entwickeln, die nachher für mich die Tarifverhandlungen führen kann. Da müssen wir ab jetzt nacharbeiten, denn das haben wir mit der Corona-Krise erlebt. Die Leute sind innerhalb von wenigen Tagen in Not geraten, weil sie schon vorher prekäre Beschäftigungen hatten. Wenn dann die wenigen Einkommensmöglichkeiten wegfallen, dann ist man ganz schnell am Ende. Und wir müssen den Kulturbereich in der Zukunft krisensicherer machen. Das wird nur dadurch gehen, dass wir mehr von diesen Strukturen einführen, die Halt geben. Das kann man auch an den Zahlen feststellen. Im Bereich der öffentlichen Hand zum Beispiel haben wir die geringste Gender-Pay-Gap, weil die Tarifverträge keine unterschiedlichen Gehaltsgruppen zwischen Männern und Frauen kennen. Deswegen kann man sie auch nicht unterschiedlich in Gruppen einteilen. Das müssen wir in anderen Bereichen auch hinkriegen.

Das Gespräch führte Uli Sarrazin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.03.2021 | 08:15 Uhr