Stand: 13.05.2020 19:16 Uhr  - NDR Kultur

Berlin: Künstler verlassen die Kunstmetropole

In Berlin fällt die Kunstwelt in sich zusammen - so scheint es: Der Sammler Friedrich Christian Flick zieht seine Kunstsammlung aus Berlins Museum für Gegenwartskunst ab, Thomas Olbricht macht seinen "me Collectors Room" in Berlin-Mitte dicht, und auch die wahrscheinlich weltweit wichtigste Sammlung für Videokunst, die Julia Stoschek Collection, wird der Hauptstadt wohl nicht erhalten bleiben. Ein Gespräch mit der Kunstexpertin Barbara Wiegand.

Frau Wiegand, Berlin scheint von allen guten Sammlern verlassen. Was läuft schief in der viel zitierten Kunstmetropole?

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Die Kunstsammlerin Julia Stoschek erwägt den Abzug aus Berlin.

Barbara Wiegand: Berlin ist zumindest von einigen sehr guten Sammlern verlassen. Das geht Schlag auf Schlag. Wobei bei Julia Stoschek das letzte Wort noch nicht gesprochen ist: Man erwäge den Abzug, befinde sich aber in letzten Gesprächen - so heißt es auf der Internetseite der Sammlung. Hier geht es vor allem um die Sanierung und Mieterhöhungen am Standort der Julia Stoschek Collection in der Leipziger Straße - beziehungsweise auch um Alternativstandorte.

Der Kunstsammler Thomas Olbricht will seinen vor zehn Jahren in der Auguststraße eröffneten "me Collectors Room" auch aufgeben und zurück ins Ruhrgebiet gehen. Das ist vielleicht auch eine familiäre Entscheidung.

Der Industrielle Friedrich Christian Flick hatte seine Kollektion in den Rieckhallen gezeigt, die er aufwendig dafür umgebaut hatte. Und diese Rieckhallen werden nun von einem Investor abgerissen, der das Areal gekauft hat. Für Flick gab es da anscheinend keine geeigneten Perspektiven.

Was heißt das für Berlin? Wie groß ist dieser Verlust?

Wiegand: Bei Julia Stoschek waren das sehr experimentelle Inszenierungen. Man musste in den verdunkelten Räumen seine Orientierung suchen, konnte auch entdecken. Das waren gesetzte konzeptuelle Themen mit ausgewählten Kuratoren in diesen aufwendig umgebauten Räumen inmitten von Plattenbauten. Man würde das schon sehr vermissen.

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Der Kunstsammler Thomas Olbricht verlässt Berlin und will ins Ruhrgebiet zurückkehren.

Thomas Olbricht hat in seinem "me Collectors Room" Richter gezeigt, aber auch Cindy Sherman und andere namhafte Künstler. Ich selbst habe am Anfang ein bisschen gezweifelt. Es gibt diese kuriose Wunderkammer, in der Kunsthandwerk zu sehen ist, aber auch Schrumpfköpfe, Masken und dergleichen - eine seltsame Geschichte. Aber irgendwie wäre es schon schade, wenn das weg wäre.

Das größte Loch wird auf jeden Fall Friedrich Christian Flicks Abzug reißen: 1.400 Arbeiten zeitgenössischer Kunst gehen Berlin da verloren - das ist ein "Who is Who" der zeitgenössischen Kunst. Es ist aber nicht nur Namedropping - es ist auch ein Erlebnis.

Auch die renommierte zeitgenössische Kunstsammlung Hoffmann und das Archiv der Sammlung Marzona ziehen weg, nach Dresden. Einige Galerien haben geschlossen, viele große Galeristen kämpfen. Ein zweiter Versuch, eine Messe für zeitgenössische Kunst zu starten, ist sang- und klanglos gescheitert. Künstler verlassen die Stadt, sie können es nicht mehr finanzieren. Die Ateliers sind nicht mehr so preiswert, Berlin ist nicht mehr der berühmte produktive Standort.

Es gibt Vorwürfe, dass Berlin sich nicht genug engagiert hätte, Berlin hätte die Sammler verprellt, die ihre Kunst auch öffentlich zeigen wollen. Hätte man den Exodus verhindern können?

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Friedrich Christian Flick hatte die Rieckhallen für seine Kollektion aufwendig umgebaut. Nun werden die Rieckhallen abgerissen.

Wiegand: Das ist eine schwierige Gemengelage, da Berlin auch Hauptstadt ist und viel auch Bundessache ist. Bei Flick ist es ganz klar: Das Museum Hamburger Bahnhof ist ein staatliches Museum, demnach auch die angrenzenden Rieckhallen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat da den Hut auf, und die behauptet, sie hätte nicht verhindern können, dass der private Investor, eine Immobiliengesellschaft, in deren Besitz das Areal mit den Rieckhallen vor einigen Jahren übergegangen war, die Hallen nun abreißt, um sie besser zu verwerten. Für meine Begriffe ist man da aber sehenden Auges reingelaufen: Man hat viel zu spät und zu halbherzig gehandelt. Dass der Mietvertrag ausläuft, war schon länger bekannt.

Bei Stoschek ist das eine Bundesliegenschaft, die sie angemietet hat. Hier wäre auch der Bund am Zug, was Mieterhöhung oder Verkauf angeht. Man kann sicherlich sagen, dass Stoschek sich das leisten kann, aber sie hat auch einiges an Geld dort investiert. Berlin hält sich zu bedeckt, finde ich - man kann sich als Land Berlin nicht ganz raushalten.

Generell kann man sagen, dass sich Berlin immer wieder schwer tut mit privaten Sammlern. Zum Beispiel Axel Haubrok: Dem verbot man ad hoc auf dem von ihm erworbenen Areal der einstigen DDR Fahrbereitschaft seine Sammlung zeitgenössischer Kunst auszustellen. Der Grund: Er leiste Gentrifizierung Vorschub. Das ist schon ein bisschen seltsam, zumal ausgeblendet wird, dass das Verhältnis zwischen Gewerbetreibenden und Künstlern dort ganz gut zusammengewachsen war. Das war eine Bezirksentscheidung, gegen die das Land sich hätte vehementer positionieren können. Man hat in Berlin manchmal schon das Gefühl, dass man sich gerne mit den Künstlern schmückt, aber man möchte nicht so gerne etwas mit denen zu tun haben, die diese Künstler bezahlen, eben auch private Sammler.

Insofern gab es Versäumnisse und Fehler bei Bund und Land, wenn auch manchmal private Gründe eine Rolle spielen. In der Nachwende-Stadt Berlin mit den verlassenen, neu zu entdeckenden Orten konnte man ohne viel Geld viel machen. Jetzt ist es eine normale Großstadt geworden, wo nicht mehr jedes Kunstevent per se ein Kunstevent ist.

Was wünschen Sie sich jetzt von Berlin? Kann sich die Stadt da noch irgendwie elegant herausmanövrieren?

Wiegand: Bei Julia Stoschek ist das Land Berlin am Zuge und man sollte versuchen, sie zu halten. Man könnte versuchen, ihr Ersatzräumlichkeiten anzubieten. Ich sehe da schon noch eine Chance.

Generell wünsche ich mir sehr, dass man nicht mehr so kommentarlos so viele Sammler und Leute, die sich im Kulturbereich engagieren, ziehen lässt. Es braucht nicht immer Geld, um sie zu halten - manchmal helfen auch gute Worte. Ich wünsche mir ein entschiedeneres Auftreten, um sich nicht nur mit den schönen Dingen zu schmücken, sondern auch dafür einzutreten in schlechteren Zeiten. Ich glaube nicht, dass es nach Corona besser wird.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Julia Stoschek © picture alliance/Eventpress Foto: Eventpress HHH

Berlin: Künstler verlassen die Kunstmetropole

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Berlins Kunstwelt fällt in sich zusammen: Nach Friedrich Christian Flick und Thomas Olbricht will nun auch Julia Stoschek die Hauptstadt verlassen. Ein Gespräch mit Kunstexpertin Barbara Wiegand.

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NDR Kultur | Journal | 13.05.2020 | 19:00 Uhr