Stand: 29.01.2019 16:00 Uhr

Digitales Wörterbuch soll "Lücke" schließen

Seit Anfang Januar gibt es ein Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache. Verantwortlich dafür sind die Wissenschaftsakademien in Berlin-Brandenburg, Leipzig, Mainz und Göttingen. Ein Gespräch mit Mitbegründer Andreas Gardt.

Herr Gardt, was genau haben Sie da gegründet? Ein Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache - was ist das?

Andreas Gardt: Das klingt in der Tat sehr kompliziert - es ist aber eigentlich ganz einfach: Es ist ein Wörterbuch. Es ist kein Wörterbuch, das man in die Hand nehmen kann, sondern es ist ein digitales Wörterbuch. Es ist aber nicht das gängige Wörterbuch, das wir kennen, sondern es nutzt alle digitalen Möglichkeiten. Deswegen nennen wir es ein Informationssystem.

Und an wen richtet sich dieses Angebot, wenn es nicht ist wie ein Wörterbuch, das ich in die Hand nehmen kann?

Gardt: Es richtet sich an viele Gruppen von potentiellen Nutzern. Im engeren Sinne sind das Wissenschaftler. Die Akademien leisten wissenschaftliche Informationen, sodass sie mit diesem digitalen System Wissenschaftler ansprechen. Es sind aber auch Deutsch-Lerner in aller Welt, Journalisten, Übersetzer, Lehrer oder Neugierige, die sich für die deutsche Sprache interessieren. Wegen des digitalen Zuschnitts des Systems kann man Sachen machen, die man in einem gedruckten Wörterbuch gar nicht tun kann.

Zum Beispiel?

Computertastatur mit eingefärbter Taste in den Farben schwarz, rot, gold. © Fotolia Foto: VRD

Digitales Wörterbuch soll "Lücke" schließen

NDR Kultur -

Den deutschen Wortschatz umfassend und verlässlich beschreiben - das ist das Ziel des Zentrums für digitale Lexikographie der deutschen Sprache. Ein Gespräch mit Mitbegründer Andreas Gardt.

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Gardt: Sie sind zum Beispiel frei, was die Artikelstruktur angeht. In Wörterbüchern wird mit Abkürzungen gearbeitet - das geht gar nicht anders, weil im gedruckten Buch der Raum begrenzt ist. Das ist in einem Digitalsystem, also online, nicht der Fall - da haben Sie Platz. Sie können regelrechte Wortgeschichten schreiben, Sie können durchlaufende Texte schreiben zu der Geschichte eines Wortes - von dem Auftauchen in der deutschen Sprache bis zur Gegenwart. Sie können grafische Darstellungen wie etwa Verlaufskurven nutzen. Das Wort "Stress" etwa hat 1950 kein Mensch benutzt - in den 1960er-Jahren ging es los und in den letzten zwei Jahrzehnten ist es regelrecht explodiert. Andere Wörter verschwinden. Sie können die Verbindungen einzelner Wörter mit anderen Wörtern machen: Sie können zum Beispiel untersuchen, in welchem Feld ein Wort wie "Zuwanderung" steht. Es gibt gesteuerte und ungesteuerte Zuwanderung, geregelte und ungeregelte, kontrollierte und unkontrollierte. Man merkt, dass das die Leute beschäftigt, diese Spannung zwischen Kontrolle und Nichtkontrolle. Sie können untersuchen, wer zuwandert: Ausländer allgemein oder Fachkräfte? Sie können untersuchen, was man mit der Zuwanderung macht: Man kann sie steuern, regeln, regulieren, unterbinden, oder man kann sie sogar brauchen. So etwas kann man machen, wenn man große Mengen von Texten digital abfragen kann. Das sind Informationen, die es bisher in gedruckten Wörterbüchern nicht gab.

Sie feiern in Ihrer Selbstbeschreibung "das Deutsche als eine der bedeutendsten Kultursprachen der Welt", betonen auch, dass sie dauerhaft und gründlich gepflegt und erforscht worden ist - bisher von herkömmlichen Verlagen. Können die das nicht mehr leisten? Müssen Sie da als Akademien in die Bresche springen?

Gardt: Akademien haben selbst immer schon Wörterbücher betrieben. Das Grimmsche Wörterbuch ist jetzt erst abgeschlossen worden. Es wurde von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhundert gegründet, und es war ein Akademie-Projekt, weil es nicht in dem Sinne kommerziell nutzbar war, wie es Verlage im Blick haben müssen. Die großen Verlage haben ihre lexikographische Arbeit weitgehend eingestellt. Die großen Konversationslexika haben entweder geschlossen oder sie stellen sich auf digitale Verfahren um. Es entsteht dann eine Lücke - aber die Leute haben Interesse an der Sprache und das muss bedient werden. Deswegen springen die Akademien ein und haben den Vorteil, dass sie über das ganze Land hinweg verteilt sind und von verschiedenen Seiten aus gezielt Beiträge leisten können. Göttingen wählt 1.500 kulturell geladene Ausdrücke von 1600 bis zur Gegenwart. Berlin hat sich auf die Gegenwart konzentriert, da gibt es schon eine Basis: das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Und das Institut für deutsche Sprache in Mannheim liefert Neologismen, also die neuen Wörter, die in den Wortschatz hineinkommen. Nur wenn man das so modular verteilt, ist das heute noch finanzierbar und möglich.

Zu Ihrer Digitalstrategie gehört, dass die deutsche Sprache auch ins Digitale korrekt übertragen wird. Wie wollen Sie diese Vernetzung schaffen?

Gardt: Das mit der Korrektheit ist so eine Sache. Die Sprache ist immer so, wie die Leute sie verwenden. Sie verändert sich, die Bedeutungen verändern sich auch. Gleichzeitig wollen sich die Leute an Maßstäben orientieren und wollen wissen, was sie in einem Brief oder in einer Bewerbung verwenden können. Oder sie sind einfach neugierig und wollen den Ursprung oder die Bedeutung eines Wortes herausfinden. Sie orientieren sich also an Normen. Aber die Wörter kommen in unser Wörterbuch - wie in jedes gut gemachte Wörterbuch - nicht, indem der Lexikograph sie sich ausdenkt, sondern indem er den Sprachgebrauch genau beobachtetet und dann beschreibt. Der Vorteil des digitalen Aufbewahrens ist, dass wir auf Neuerungen reagieren und das schnell ändern können.

Man hat das Gefühl, dass Rechtschreibnormen mittlerweile nicht mehr gängig sind. Verteidigen Sie da eine längst verlorene Stellung?

Gardt: Es gibt eine Normschreibung, die Sie einfach feststellen können, wenn Sie in die Texte reingehen. Wir haben Texte mit mehreren Milliarden Wortformen, die wir digital abfragen können - und als Ergebnis bekommen wir ein Wort und die Schreibvarianten. Wir werden das aufnehmen, was Standard ist, was wir in den Texten vorfinden. Das was gedruckt ist, orientiert sich meistens am Standard, und das geben wir wieder. Es sei denn, wir finden auch in den gedruckten Texten Varianten, die sehr stark nebeneinander stehen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn wir über das in Deutschland gesprochene Deutsche hinausgehen und etwa österreichisches Deutsch mit berücksichtigen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.01.2019 | 19:00 Uhr

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