Stand: 15.02.2018 12:51 Uhr

Akhanli: "Ich gehe keinen Schritt zurück"

Als der deutsche Schriftsteller Dogan Akhanli vor gut einem halben Jahr in Spanien auf Geheiß der Türkei vorübergehend festgenommen wurde, war der öffentliche Aufschrei groß. Akhanli hat über die Geschichte seiner Verfolgung und die Festnahme, seine Erfahrungen in den vergangenen Monaten und seine Sicht auf die Türkei ein Buch geschrieben: "Verhaftung in Granada oder: Treibt die Türkei in die Diktatur?" NDR Info hat den Autor zu einem Gespräch getroffen.

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Dogan Akhanli wurde 1957 in der Türkei geboren, seit Anfang der 1990er-Jahre lebt er in Deutschland.

Dogan Akhanli hat viele Lachfältchen um die Augen. Der schmale Mann mit Brille und krausen Locken ist gut gelaunt, als er nach Hamburg zum Interview kommt. Verängstigt oder gar gebrochen wirkt er nicht: "Ich habe keine Angst. Vielleicht ist das auch ein Problem von mir, dass ich keine Angst spüre." Nach der Rückkehr nach Deutschland habe er sich dazu entschlossen, sein Leben so zu führen wie früher: "Ich gehe keinen Schritt zurück."

Öffentlicher Aufschrei

Im August 2017 wurde Akhanli auf Drängen der Türkei in seinem Hotelzimmer in Spanien festgenommen - der Fall bekam umgehend eine große öffentliche Dimension.

Deutsche Spitzenpolitiker äußerten ihre Empörung und setzten sich für die Freilassung Akhanlis und seine Rückkehr nach Deutschland ein. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte: "Ich habe keinen Zweifel, dass hier politische Motive der Türkei dahinterstecken." Der Grünen-Politiker Cem Özdemir forderte Konsequenzen für die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei. Und der damalige SPD-Chef Martin Schulz sah "eine neue Stufe der Eskalation" erreicht.

Neue Belastungsprobe für deutsch-türkisches Verhältnis

Von der Türkei war der deutsche Staatsbürger türkischer Herkunft via Interpol per Festnahme-Ersuchen gesucht worden - wegen eines Verbrechens, das er laut türkischem Gerichtsbeschluss von 2010 gar nicht begangen hat. Sein Freispruch wurde aber aufgehoben, und so geriet der Schriftsteller wieder in den Blick der Justiz.

Durch die vorübergehende Festnahme Akhanlis - er kam nach einem Tag wieder frei, durfte aber Spanien danach zwei Monate lang nicht verlassen - gelangte das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei an einen neuen Tiefpunkt.

Schmerzhafte Erinnerungen werden wach

Für Akhanli war die Aktion in Spanien eine schmerzhafte Erinnerung an seine erste Festnahme 1975 in der Türkei. In seinem Buch schreibt er:

"Als die Tür laut hinter mir zufiel, stand ich in absoluter Finsternis. [...] Die Decke, die ich im Dunkeln ertastete, um mein Zittern in den Griff zu bekommen, roch durchdringend nach Blut, Schimmel, Exkrementen und den Ängsten meiner Vorgänger. Ich erbrach mich."

Die Angst ist wieder da

Infos zum Buch

"Verhaftung in Granada oder: Treibt die Türkei in die Diktatur?" von Dogan Akhanli
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05183-4
224 Seiten/ 9,99 Euro

Im spanischen Gefängnis, mehr als 40 Jahre später, ist die Zelle sauber und hell, die Decke auf dem Bett ist frisch gewaschen. Dennoch ist Akhanlis Angst wieder da. Auch den Impuls sich zu erbrechen, kann er nicht unterdrücken.

Akhanli fühlte sich zurückkatapultiert in die Vergangenheit: "Ich dachte, dass ich meine eigene Gewalterfahrung gut verarbeitet hatte. Aber in der Zelle habe ich diese Distanz überhaupt nicht hinbekommen. Da kamen alle Erinnerungen zurück."

Flucht nach Deutschland Anfang der 1990er-Jahre

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Das Buch von Dogan Akhanli ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Das erste Mal wurde er festgenommen, weil er an einem Kiosk eine falsche Zeitung kaufte. Erst danach engagierte er sich tatsächlich politisch, er musste untertauchen. Jahre später flog Akhanli auf, er kam mit seiner Frau und dem 16 Monate alten Kind ins Gefängnis, wurde gefoltert, wie er in seinem Buch schreibt:

"Was gäbe ich dafür, jenen Ort aus meinem Gedächtnis löschen zu können."

Anfang der 90er-Jahre folgte die Flucht nach Deutschland. 2010 wurde er dann erneut festgenommen: Akhanli war in die Türkei gereist, um seinen Vater ein letztes Mal zu sehen. Als er endlich frei kam, war sein Vater bereits gestorben.

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Eine solche Freilassung würde Yücel nicht wollen, meint Akhanli: "Ich kann mir gut vorstellen, dass er in seiner Zelle denkt: 'Ich will aber nicht so eine Freiheit, ich will eine andere Art Freiheit'."

Rückkehr in die Türkei?

Der Schriftsteller Akhanli jedenfalls ist froh über seine Freiheit - und er hat fürs Erste genug. Bei der Frage, ob er wieder in seine Heimat fahren möchte, wird er sehr ernst: "Ich kehre wieder zurück, wenn die Situation in dem Land grundsätzlich geändert wird."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 15.02.2018 | 09:55 Uhr

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