Ein deutscher Soldat patrouilliert in der Umgebung von Faisabad in Afghanistan © picture alliance / dpa Foto: Maurizio Gambarini

Afghanistan: "Niemand kommt so zurück, wie er hingegangen ist"

Stand: 13.10.2021 17:57 Uhr

Rund 160.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten waren in den vergangenen 20 Jahren in Afghanistan im Einsatz. Viele von ihnen kehren traumatisiert heim. Ein Gespräch mit dem Psychiater Stefan Kropp.

Ein deutscher Soldat patrouilliert in der Umgebung von Faisabad in Afghanistan © picture alliance / dpa Foto: Maurizio Gambarini
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"Ich weiß, für viele Soldatinnen und Soldaten ist es ein langer Weg zurück ins Leben. Manche kämpfen bis heute." So Bundespräsident Steinmeier bei der offiziellen Würdigung des Afghanistan-Einsatzes in Berlin. Den langen Weg der Soldatinnen und Soldaten kennt der Arzt, Psychiater und Psychotherapeut Stefan Kropp.

Herr Kropp, im Vorhinein wurde kontrovers über die heutige Würdigung diskutiert - insbesondere den Großen Zapfenstreich. Es gab etwa Kritik von der evangelischen Kirche am Ritual. Unter anderem vonseiten der Linken hieß es, es gebe hier nichts zu feiern, weil der Einsatz keinen Frieden gebracht habe. Wie sehen Sie diese Ehrung?

Stefan Kropp: Ich halte sie für wichtig. Ich halte auch Rituale für sehr wichtig, nicht nur für die Soldatinnen und Soldaten, sondern auch für uns als Gesellschaft. Wir schließen auch andere Dinge mit bestimmten Ritualen ab. Ein Abschluss ist auch etwas, was einen Weg auf etwas Neues eröffnet. Sonst hätten wir da eine Dauerrunde. Ich finde es gut und richtig, dass es stattfindet.

Diese Würdigung ist also wichtig, ganz unerheblich, inwieweit der Einsatz zu einem Erfolg geführt hat, richtig?

Kropp: Vor allen Dingen ist die Bewertung, ob das ein Erfolg war oder nicht, letztlich eine politische. Die Bundeswehr ist ein Arm der Politik, und man kann militärisch alles richtig machen und trotzdem politisch nicht zufrieden sein über das, was passiert ist. Das sind für mich zweierlei Dinge. Ich würde deshalb den Einsatz und die Leistung all derer - und das waren nicht nur Soldatinnen und Soldaten, sondern auch Polizisten und zivile Angestellte - nicht entwerten wollen.

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Auch Sie waren zwei Mal in Afghanistan, 2011 und 2013. Wie sah ihre Arbeit in Afghanistan aus?

Kropp: Es war letztlich eine medizinische Arbeit als Psychiater vor Ort, Versorgung von all denen, die dort im Einsatz tätig waren, die Hilfe benötigten. Das waren ganz akute Dinge, das waren manchmal Dinge, die sich über eine gewisse Zeit entwickelt haben. Aber wir waren auch für die Zivilbevölkerung da und für alle Bündnispartner. Ich habe selten so viele unterschiedliche Patienten in kurzer Zeit behandeln können und ihnen auch ein Stück weit Zuversicht und Hoffnung geben können, dass es bald wieder besser gehen wird. Das war eine gute Erfahrung und auch eine bleibende. Niemand kommt so zurück, wie er hingegangen ist, egal, was er dort gemacht hat.

Heute wird häufig über das Posttraumatische Belastungssyndrom in Zusammenhang mit dem Kriegseinsatz gesprochen. Wie weit war man damals, was die Erkenntnisse zu diesem Syndrom angeht?

Was ist eine PTBS?

Eine "Posttraumatische Belastungsstörung" ist eine verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung. Das erlebte Trauma kann zum Beispiel ein schwerer Unfall, ein Gewaltverbrechen, eine Naturkatastrophe oder ein Kriegserlebnis sein.

Ein typisches Symptom der PTBS ist, dass Betroffene die Situation immer wieder erleben - zum Beispiel in Form von Flashbacks. Gleichzeitig wirken Betroffene gegenüber ihrem Umfeld oft emotional abgestumpft und gleichgültig. Hinzu können Schlafstörungen, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme, erhöhte Wachsamkeit und ausgeprägte Schreckhaftigkeit kommen.

Kropp: Das Krankheitsbild ist ja nicht neu, das hat in allen Konflikten dieser Welt, in allen Jahrzehnten und Jahrhunderten schon eine Rolle gespielt. Aber man hat es nicht so bezeichnet, und man hat es zum Teil auch nicht so verstanden. Damals wusste man schon sehr viel, und auch die Bundeswehr war sehr führend darin, vor Ort die erste Behandlung durchzuführen beziehungsweise im eigenen Land weiterzubehandeln. Das ist immer weiter verfeinert worden, und man hat sich in den letzten Jahren viel mehr Gedanken um Prävention gemacht. Man kann den Konflikt nicht abschaffen - aber wen schicke ich dahin? Wie bereite ich ihn vor? Wie bereite ich die Menschen nach? Wie empfange ich sie? Wir profitieren von den Erkenntnissen dort und lassen die auch anderen Menschen im Inland zugutekommen, die bei der Polizei, bei Rettungsdiensten und bei anderen Organisationen ein wesentlich höheres Risiko haben als die Allgemeinbevölkerung.

Prävention ist das eine. Sind Ihnen dort auch psychiatrische Notfälle begegnet? Wie haben Sie diese Fälle erkannt?

Kropp: Wir haben damit zu tun gehabt. Wir haben Unfälle gehabt, Verletzte und Traumatisierte. Zum Teil haben wir sie in anderen Sprachen behandelt, vorzugsweise in Englisch oder per Sprachmittler. Es waren nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder oder Heranwachsende. Da ist die Akutbehandlung das eine. Das meint aber meistens nicht das, worüber wir bei der Posttraumatischen Belastungsstörung sprechen, weil das eine längerfristige Behandlung ist. Das werden wir bei den Einsatzveteranen jetzt auch sehen, dass sich die Hauptbeschwerden zum Teil mit einem großen Abstand zu den jeweiligen Ereignissen Bahn brechen. Wir haben zum Beispiel jetzt immer noch Menschen, die sich erstmalig vorstellen, weil sie bei dem Konflikt in Ex-Jugoslawien waren, obwohl das Ganze schon über zehn Jahre her ist. Das werden wir jetzt auch haben, dass Menschen, die aufgrund ihres Selbstverständnisses sehr lange versucht haben alles zu kompensieren, sich melden und sagen: Es geht nicht mehr. Da ist etwas, was behandelt werden muss. Ich komme damit nicht mehr klar. Es gibt da effektive Behandlungsmethoden. Die Herausforderung ist, anzuerkennen, dass dieses Problem da ist, sich dem zuzuwenden und zu sagen: Ich brauche Hilfe. Das ist manchmal der schwerste Schritt.

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Die erneute Machtübernahme der Taliban, die Nachrichten und Bilder, die uns in den letzten Wochen aus Afghanistan ereilt haben - was macht das mit den Betroffenen?

Kropp: Ich glaube, viel. Wenn man das nicht völlig abspaltet und sofort beiseite packt, beschäftigt das alle, die mit diesem Einsatz im Zusammenhang stehen oder persönliche Erfahrungen gemacht haben. Jeder findet aber auch seinen Weg da durch. Einige versuchen das gleich wieder wegzudrücken, andere nehmen Kontakt auf mit ehemaligen oder aktuellen Behandlerinnen und Behandlern. Der eine oder andere hat vielleicht auch einen Rückfall in eine Symptomatik, die er schon zu überwinden geglaubt hatte. So richtig kaltlassen tut es kaum jemanden, der an dem Einsatz beteiligt war.

Sie haben gesagt: Wer einen solchen Einsatz leistet, der kehrt als ein anderer zurück, der vorher war. Was hat es mit Ihnen gemacht?

Kropp: Ich persönlich kann das, was wir hier haben - die Sicherheit, die Freiheit, die Möglichkeit, sich zu bewegen - noch viel mehr schätzen. Das war vorher für mich viel selbstverständlicher. Ich muss keine Angst um meine Familie haben. Das, was wir hier erreicht haben in den letzten 60, 65 Jahren, ist etwas, was es zu bewahren gilt. Deshalb ist so eine Institution wie zum Beispiel die Bundeswehr und unsere Demokratie etwas, worauf wir stolz sein können.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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NDR Kultur | Journal | 13.10.2021 | 18:00 Uhr