Ziel des Chorexperiments: "Eine richtig starke Botschaft senden"

Stand: 21.09.2022 18:28 Uhr

Nach 2021 startet NDR Kultur nun zum zweiten Mal das Chorexperiment. Nicol Matt erklärt im Interview, worauf es bei diesem Mitmachprojekt ankommt. Der Dirigent leitet das World Choir for Peace, unser Partnerchor.

Herr Matt, was ist das für ein Chor und was ist die Botschaft des Chors?

Nicol Matt: Die Geschichte des Chores ist noch gar nicht so alt. Er wurde von mir 2018 anlässlich des 100. Jahrestages des Endes des Ersten Weltkrieges gegründet. Wir hatten ein Mitsingkonzert in der Mercedes-Benz-Arena mit dem Komponisten Sir Karl Jenkins, der auch seine "Mess for Peace" selbst dirigiert hatte, und da sind rund 2.000 Sänger aus über 30 Ländern nach Berlin gereist, um für den Frieden zu singen. Das war ein recht großer Erfolg, es lief auch in fünf Ländern im Fernsehen. Die Idee dahinter ist, dass wir Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammenbringen möchten, um zusammen für den Frieden zu singen, aber sich auch für die Probleme der heutigen Zeit einzusetzen - da gehört auch das Thema Umwelt und Klimawandel dazu. Darüber hinaus möchten wir Freundschaften pflegen und einen kulturellen Austausch haben. Wir möchten als Botschaft die größte Chorgemeinschaft der Welt werden.

Letztes Jahr waren Sie auch schon beim NDR Kultur Chorexperiment dabei. Warum war es für Sie sofort klar, dieses Jahr auch wieder mitzumachen?

Matt: Erstens hat es letztes Jahr einen Riesenspaß gemacht. Soviel ich mich erinnern kann, waren das über 550 Anmeldungen. Das war sehr erstaunlich, ein tolles Resultat. Das kann man sich gerne noch mal in der Mediathek anschauen, es lohnt sich. Vielleicht macht das auch Lust auf das neue Thema: "Wir ziehen in den Frieden" mit Udo Lindenberg. Für mich ist es auch wichtig, dass wir es schaffen, eine große Chorgemeinschaft im norddeutschen Raum oder vielleicht bundesweit zusammenzubringen.

"Wir ziehen in den Frieden" - das passt natürlich besonders gut in unsere Zeit und zu ihrem Chor, oder?

Matt: Das Lied "Wir ziehen in den Frieden" passt natürlich perfekt in die heutige Zeit. Es geht auch das Thema Solidarität und Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Wir versuchen dieses Thema Spaltung durch dieses Projekt zu mindern oder vielleicht ganz zu eliminieren. Wir wollen mit diesem Projekt eine richtig gute Botschaft in die Welt hinaus senden, vor allen Dingen nach Deutschland. Für mich ist es insofern auch ein wichtiges Lied, weil in Estland zwischen 1986 und 1991 Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen sind und gemeinsam für den Frieden gesungen haben, um sich von der russischen Besatzung zu befreien. Das hat tatsächlich 1991 auch geklappt, da ist Estland unabhängig geworden, ganz ohne Gewalt, nur durch das gemeinsame Singen, das wirklich so eine starke Power hat.

Ist in den baltischen Staaten der Bezug zum Singen noch ein bisschen emotionaler als bei uns?

Matt: Absolut, das war eigentlich schon immer in dem Volk verankert, gerade durch diese vielen Volkslieder, die sie haben. Sie haben bis zum heutigen Tag jährlich ein Songfest, vor allen Dingen in Estland und in Lettland, wo 30.000 bis 50.000 Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu singen. Bei dem Songfest in Estland, in Tallinn, sind es sogar über 100.000 Menschen. Das ist in dieser Bevölkerung einfach drin, sich zusammen mit dem Singen für ihr Volk einzusetzen.

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Singen macht großen Spaß und singen macht glücklich. Ich glaube, das ist nicht übertrieben, wenn man das sagt, oder?

Matt: Ja, singen macht glücklich, singen ist vor allen Dingen gesund und singen synchronisiert den Herzschlag. Wenn Sie mal 15 bis 20 Minuten in einer Gemeinschaft gesungen haben, merken Sie, dass der Blutdruck runter geht, dass Sie plötzlich positive Gefühle bekommen. Dieses gemeinsame Singen erhöht auch den Spaßfaktor, der auch nicht zu unterschätzen ist.

Am 16. und am 17. Oktober werden wir für alle, die mitmachen wollen, Online-Workshops anbieten, bei denen Sie das Lied mit den Teilnehmenden einstudieren werden. Wie sind Ihre Erfahrungen, wie geht das online?

Matt: Einerseits ist es erstmal eine sehr unpersönliche Geschichte, weil sich die Leute nur bedingt sehen können. Aber trotzdem ist es möglich, ein Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen. Bei der Probe geht es hauptsächlich darum, auf die technischen Dinge hinzuweisen, wie sie die Backtracks und die Lernvideos benutzen. Aber das Wichtigste ist, dass wirklich jeder mitmachen kann. Selbst wenn jemand die mehrstimmigen Parts nicht mitsingen möchte, sondern nur den Refrain, dann ist das auch kein Problem. Vor allen Dingen ist es wichtig, dass die Leute kreativ werden, dass sie durch dieses gemeinschaftliche Projekt ein Zusammenhaltsgefühl bekommen und dass wir es schaffen, dass ganz viele Menschen mitmachen und dass wir eine richtig starke Botschaft senden.

Bei einem dieser Workshops wird auch der englische Dirigent und Chorleiter John Rutter dabei sein, einer der wichtigsten Komponisten von Chormusik unserer Zeit. Sie kennen ihn sehr gut. Was schätzen Sie an ihm? Welche Impulse wird er geben können?

Matt: Er ist sehr populär, und es gibt kaum ein Chor, der noch nichts von ihm gesungen hat. Er ist ein unglaublich sympathischer Mensch, er hat viel Charisma, er schreibt tolle Musik. Ich habe etliche Projekte mit ihm gemacht und es ist wirklich ein Riesenspaß. Er ist auch total uneitel: Sie werden es erleben, wenn wir den Workshop mit ihm machen, dass er nicht nur über seine Musik erzählt, sondern dass wir zum Schluss auch gemeinsam etwas singen können.

Was erwarten Sie von den Hörerinnen und Hörern von NDR Kultur? Was müssen Sie mitbringen?

Matt: Das Wichtigste ist die Bereitschaft, ein Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Es ist gar nicht so wichtig, ob jemand im Chor singt oder zu Hause unter der Dusche. Sondern einfach dabei zu sein, um ein Zeichen zu setzen und ein schönes Video beizusteuern.

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.09.2022 | 16:15 Uhr

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