Jens Harzer (Harpagon) und Marina Galic (Frosine) spielen während der Generalprobe der Komödie „"Der Geizige oder Die Schule der Lügner" am Thalia Theater. © picture alliance/dpa | Daniel Reinhardt Foto: Daniel Reinhardt

Wie sieht Theater nach Corona aus?

Stand: 27.01.2021 09:47 Uhr

Die Theater in Norddeutschland sind geschlossen, aber hinter den Fassaden wird kräftig geplant: Wie kann ein Neustart aussehen? Wie viel Pandemie wird das Publikum auf den Bühnen ertragen?

von Peter Helling

"Nichts macht mir gerade so sehr Freude, wie die nächsten Spielzeiten zu planen", sagt Sonja Anders, die Intendantin des Schauspiel Hannover. Dabei spiele natürlich eine große Rolle, was die Zuschauer sehen wollen. Für sie ist klar: Corona-Stücke ganz bestimmt nicht. Aber sie erlebt ein Umdenken: Die Menschen seien wachsamer geworden. Der Grund? "Die Welt ist nicht heiter und die Welt ist nicht empowernd", schildert Anders. Das Theater habe das schon lange erkannt und versucht die Menschen wachzurütteln. "Jetzt hab ich das Gefühl, die Menschen sind wachgerüttelt und wissen, was ist rechts, was ist links, was ist in der Umwelt los." Jetzt sei es wichtig, zusammen Wege zu finden. "Wie finden wir zu sowas wie einem 'Wir'? Einer Stimme? Einem Dialog?", fragt sich die Intendantin.

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Der Körper als Mittelpunkt des Theaters

Das Theater als Lieferant neuer Utopien, als Vermittler von Gerechtigkeit und Teilhabe? Nach Sonja Anders sei der Körper der Schauspieler und Schauspielerinnen das größte Kapital des Theaters und um den müsse es gehen. "Wie setzt der sich auf der Bühne uns aus, wie sehe ich ihn schwitzen, wie sehe ich ihn irgendwie auch unvorteilhaft erscheinen zum", schildert die Intendantin. "Ich glaube, dass das Themen sind, die das Theater weiterhin ganz im Sinne von Pina Bausch, würde ich jetzt mal so sagen, auch wiederentdecken kann."

Corona: Ablenkung oder Aufarbeitung?

Sonja Anders kann die Sehnsucht des Publikums nach Ablenkung, nach leichter Kost, nach Komödien, Musicals, sehr gut verstehen. Auch Lutz Hübner, einer der meistgespielten deutschen Theaterautoren, wollte noch vor einem Jahr ein Musical über Corona schreiben. "Wo man das Ganze so überdreht und sich diesem Schock nicht ausliefert, sondern versucht, das wirklich verrückt und grell zu machen", schildert Hübner. "Inzwischen würde ich sagen, ist es interessanter, die kleinen Geschichten zu erzählen."

Zusammen mit seiner Kollegin Sarah Nemitz hat Hübner Bühnenreißer wie "Frau Müller muss weg", "Die Firma dankt" oder "Willkommen" geschrieben. Komödien, Satiren, bissige Stücke. "Ich denke nicht, dass die Leute Ehepaare sehen wollen, die im Lockdown sich das Leben zur Hölle machen", meint Hübner. "Vielleicht wollen die Leute mehr Musicals, vielleicht wollen die Leute die harten politischen Stücke. Man muss erst einmal das Publikum wiedergewinnen und da Feldforschung betreiben."

Thalia Theater: Keine Stücke über die Pandemie

Joachim Lux © Armin Smailovic
Joachim Lux leitet das Thalia Theater in Hamburg seit 2009 als Intendant.

Joachim Lux, der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, will ebenfalls keine Stücke über die Pandemie auf seiner Bühne haben. "Die große Frage und die finde ich wirklich kompliziert: Wieweit kann, soll, muss und darf Theater sich tatsächlich der aktuellen Situation vollständigen hingeben?", fragt Lux. Daran, dass junge Autoren und Autorinnen unmittelbar auf Zeit-Phänomene reagieren, hat er seine Zweifel. Noch seien wir zu nah dran an der Pandemie.  "Ich kann mich an kein Stück über 9/11 erinnern, das irgendwie eine größere Haltbarkeit entwickelt hat oder über die Finanzkrise", schildert Lux seine Bedenken. "Wir haben schon ein paar solcher Ereignisse hinter uns."

Theater muss näher an den Menschen ran

Lux vermutet, dass es in Zukunft politischer auf der Bühne zugehen wird, auch um soziale Vereinzelung könnte es gehen. Sonja Anders glaubt an beides: Man muss in der Gegenwart graben und bei den alten Meistern nachschlagen. "Die Größe dieses Konflikts, den wir gerade durchmachen, entspricht dann vielleicht der Größe der Konflikte vor ein paar Jahrhunderten", schildert die Intendantin des Schauspiel Hannover.

Möglicherweise hat uns Corona die Augen geöffnet, denkt sie. Das Theater müsse endlich runter vom hohen Ross. "Wir müssen loslegen und schauen, was machen die Menschen um uns herum", sagt Anders. "Diesen etwas paternalistischen Stand - 'Wir bringen die Kunst zu den Menschen' - den müssen wir mal langsam zu den Akten legen."

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NDR Info | Kultur | 27.01.2021 | 09:55 Uhr