Stand: 20.06.2018 09:01 Uhr

Sabine Rückert über den True-Crime-Trend

Ferdinand von Schirach hat großen Erfolg mit seinen Geschichten, die aus verschiedenen Perspektiven Kriminalfälle erzählen. Sie sind in der Regel inspiriert von tatsächlichen Fällen, mit denen er als Anwalt in Berührung gekommen ist. Man könnte von Schirach wahrscheinlich sogar mit Fug und Recht einen Star der True-Crime-Szene nennen - so heißt dieser Trend, der von diesem ganz besonderen Nervenkitzel lebt, den das Authentische hat.

Auf Netflix kann man entsprechende Serien sehen, der Stern gibt schon seit 2015 das Magazin "Crime" heraus und auch "Die Zeit" schließt nun auf: Im Mai kam erstmals "Verbrechen" heraus - ein Hochglanzmagazin über echte Kriminalfälle in Deutschland, online gibt es einen entsprechenden Podcast und auf NDR Kultur befassen wir uns in unserer Radio-Serie "Das Versprechen" mit dem Fall Jens Söring, der in den USA wegen Doppelmordes seit über zwanzig Jahren im Gefängnis sitzt.

Sabine Rückert ist stellvertretende Chefredakteurin der "Zeit" und außerdem langjährige Gerichtsreporterin. Frau Rückert, seit wann beobachten Sie diesen True-Crime-Trend?

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Sabine Rückert wurde 1961 in München geboren und arbeitet seit 1992 für "Die Zeit".

Sabine Rückert: Der ist noch gar nicht so alt. Ich weiß noch, als ich mit meinen ersten Kriminalgeschichten bei der "Zeit" anfing, wollte die irgendwie niemand haben. Es lag vielleicht auch an meinem Umfeld, der Zeit, wo man sowas erst mal für irgendwie despektierlich hielt. Ich erinnere mich, als ich mein erstes großes Kriminal-Dossier geschrieben habe, da hatte das zwar jeder gelesen in der Konferenz, aber niemand hat mich darauf angesprochen. Es war wie, als seien im Dossier vier leere Seiten erschienen. Und da hab ich auch gemerkt, dass ich gegen irgendeine Mauer der Verwunderung und auch des Unangenehm-berührt-Seins laufe. Aber trotzdem: Gelesen haben es alle. Und ich bin dann dabei geblieben und mit der Zeit wurde das dann auch gesellschaftsfähig bis hin, wo wir jetzt also auch uns in der "Zeit" offen zum True-Crime bekennen.

Aber in der Öffentlichkeit ist es auch ein großer Trend, der ja auch von den allabendlichen Krimis im Fernsehen angeheizt wird. Ich glaube, dass es zum einen damit zu tun hat, dass wir natürlich in einer sehr friedlichen Gesellschaft leben, in der man sich solchen Dingen mit Interesse zuwendet, weil es eben auch sehr viel über den Menschen an sich erzählt. Der Mensch an sich kommt ja in einer Verbrechenssituation, die ja immer nur eine extreme Situation eines gesellschaftlichen Sachverhalts ist, sehr klar zum Ausdruck: Seine innere Befindlichkeit und was es da an abendlichen Tatort-Serien gibt und so weiter.

Das überzeugt die Leute unterm Strich nicht, denn man weiß schon nach fünf Minuten, wie es ausgeht. Und es ist sehr häufig. Ich nehme jetzt mal den Tatort selbst aus, nicht besonders liebevoll und nicht besonders kenntnisreich gemacht.

Das heißt, Sie würden sagen: Das Leben ist eigentlich spannender als Bücher oder Literatur?

Rückert: Ja, selbstverständlich. Die Literatur bedient sich ja beim Leben und nicht umgekehrt. Und wer sich als Reporter in der Republik bewegt, der weiß, dass das Leben Geschichten schreibt, auf die käme kein Reporter - auch nicht der begabteste. Und ich glaube sogar, dass die allerbesten Geschichten nicht geschrieben werden. Das gilt auch für die Kriminalgeschichten.

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Aber das würde ja bedeuten, dass man eine ganze Gattung, also die Gattung Kriminalroman, ganz friedlich abschaffen könnte.

Rückert: Nein, die bedienen sich ja ganz häufig bei der Realität. Und das ist ja auch bei Herrn Schirach so. Das sind ja nicht alles seine eigenen Fälle, die sind ja zum Teil - und es wird ja auch von Professor Fischer etwa im Internet immer wieder nachgewiesen - es sind ja auch berühmte BGH-Entscheidungen, die er da nachvollzieht, aber literarisch überhöht und als seine eigenen Fälle darstellt. Das darf er auch, das ist ein literarisches Ich und das darf solche Fälle auch als eigene Fälle vorstellen.

Was war für Sie jetzt der ganz konkrete Anlass zu sagen: Wir, also "Die Zeit", machen auch ein Projekt zum Thema Verbrechen?

Rückert: Die Geschichte ist die, dass wir schon lange ein zunehmend blühendes Verbrechens-Ressort haben. Das gibt es zwar nicht als Ressort, sondern nur als Seite: Recht und Unrecht. Und wir haben mal erheben lassen, wie die ankommt bei den Lesern und stellten fest, dass es eine der meistgelesenen Seiten der "Zeit" ist. Ich mache ja schon, seit ich bei der "Zeit" bin, Kriminalgeschichten - also seit 26 Jahren - und das Interesse daran wächst. Und deswegen haben wir uns entschlossen, es mal mit einem Kriminal-Magazin zu probieren.

Wir haben für die erste Ausgabe so manche Geschichte, die in der "Zeit" erschienen ist, noch mal veröffentlicht und dann weitererzählt. Wir wollten also wissen - und haben es dann aufgeschrieben - wie es den Protagonisten dieser Geschichten ergangen ist und da kamen die tollsten Wendungen heraus.

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Ist das nicht aber auch immer eine Gratwanderung. Wie weit darf man tatsächlich aus ihrer Sicht gehen bei der Darstellung dieser authentischen Geschichten? Denn da besteht ja nun durchaus eine Gefahr, voyeuristische Tendenzen zu bedienen. Also: Wo ist die Grenze?

Rückert: Ja, das ist eine gute Frage. Und dieser Frage bin ich auch immer wieder ausgesetzt gewesen in den Jahren, in denen ich geschrieben habe. Das ist von Mal zu Mal verschieden. Es geht darum, was ich darstellen will, und es geht natürlich - wenn ich den Fall Jessica beschreibe - also etwa den Fall dieses Mädchens, das von seiner Mutter fünf Jahre in einem dunklen Zimmer eingesperrt worden und dann irgendwann dort verhungert ist, dann kann ich das natürlich nicht mit sanften Umschreibungen gut sein lassen. Das ist gegen die Aufklärungspflicht. Und natürlich kann man sagen: Es ist eine voyeuristische Tendenz, den Fall aufzuschreiben. Andererseits gibt es in Hamburg-Jenfeld offenbar Wohnungen, in denen Kinder hinter schwarz verklebten Scheiben verhungern. Und ich finde, das sagt auch was über Jenfeld und über Hamburg und über unsere Sozialpolitik aus.

Aber wo sagen Sie dann "Stopp - bis hierher und nicht weiter"?

Rückert: Zum Beispiel bei Sexualverbrechen. Da gehe ich nicht ins Detail.

Eine andere Facette ist ja die, dass man im Nachhinein mit aufwendigen Recherchen durchaus Justizirrtümern auf die Spur kommen kann: Viel debattiert worden ist in diesem Zusammenhang auch über den Fall Jens Söring, um den es in der Radio- und Podcastserie "Das Versprechen" hier auf NDR Kultur geht. Manche glauben, dass Söring zu Unrecht seit Jahrzehnten in den USA im Gefängnis sitzt. Gibt es aus Ihrer Erfahrung Präzedenzfälle, also wo ein Urteil tatsächlich nachher noch revidiert wurde?

Rückert: Ich habe mit meinen Recherchen selber zwei Fehlurteile beseitigt. Anfang dieses Jahrhunderts habe ich in Osnabrück zwei fälschlich zu fünf und acht Jahren verurteilte angebliche Vergewaltiger durch meine Recherchen rehabilitiert. Die Männer wurden dann freigelassen und mit hohen Summen entschädigt. Das kommt also auch in Deutschland vor, dass das Gericht falsch liegt.

Was sagt das über uns aus, dass wir dieses ganze Genre so spannend finden?

Rückert: Ich glaube, es sagt vor allem darüber was aus, dass es uns gut geht. Ich glaube, wenn wir in Syrien lebten, würden wir uns dafür nicht interessieren - da wären wir umgeben von True Crime und wir hätten es nicht nötig, das im Fernsehen anzugucken oder dazu Podcasts zu hören. Das ist das eine, das andere ist natürlich, dass man bei solchen Fällen sehr oft Konstellationen erlebt, die einen wachsam machen - was ja auch gut ist, zum Beispiel gerade, wenn man sich solche Fälle wie Niels Högel anschaut, der im Krankenhaus über 300 Patienten ermordet haben soll und ja auch schon wegen einiger Dutzend sitzt. Dann sind das natürlich schon interessante und auch wichtige Veröffentlichungen. Dass wir da aufpassen, was um uns herum geschieht.

Was fasziniert Sie selbst so sehr daran? Sie sind ja nun keine studierte Juristin.

Rückert: Nein, ich habe Theologie studiert und, ich meine, die Bibel fängt ja auch schon mit einem Mord an - jedenfalls in dem Moment, wo die Menschen auf die Erde kommen; im Paradies noch nicht, aber schon Kain und Abel - die erste Amtshandlung: eine Tötung. Und ich denke, das ist auch der Grund, weshalb die Menschen sich so dafür interessieren, weil es immer auch mit Leidenschaft zu tun hat, mit Eifersucht bei Kain und Abel, mit Habgier, mit den niederen Beweggründen, die einen Menschen umtreiben, aber eben auch mit dem maximal Guten, was Menschen zustande bringen können.

Das Interview führte Katja Weise.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.06.2018 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Sabine-Rueckert-ueber-True-Crime-Trend,journal1352.html

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