Stand: 27.04.2020 17:56 Uhr

Potenziale von Computerspielen in der Krisenzeit

Die Videospiel-Branche profitiert gerade von Corona besonders. Das besagt zumindest eine Studie aus den USA, die auf amerikanischen Suchanfragen im Internet basiert. Wie sieht das in Deutschland aus? Das fragen wir die Bildungswissenschaftlerin Natalie Denk.

Frau Denk, wie stark profitiert der deutschsprachige Gaming-Markt von der Corona-Pandemie?

Natalie Denk © Natalie Denk
Natalie Denk leitet an der Donau-Universität Krems das Zentrum für Angewandte Spieleforschung.

Natalie Denk: Zum einen nimmt die Nutzung von Computerspielen deutlich zu - das merkt man an den Downloadzahlen auf Steam oder bei den App-Stores. Menschen spielen vermehrt Computerspiele. Es ist auch interessant zu beobachten, dass sich die Berichterstattung rund um Computerspiele ein bisschen gedreht hat. Man fokussiert seinen Blick immer mehr auf mögliche Potenziale von Computerspielen in dieser Krisenzeit. Da wird ganz klar, dass Computerspiele etwas ermöglichen, was sonst in der Isolation nicht möglich ist: das gemeinsame Erleben von bestimmten Aktivitäten, von Erfahrungen - das gemeinsame Spielen. Das hat ganz viel mit sozialen Zusammenkünften zu tun, mit dem Knüpfen von neunen sozialen Kontakten oder dem Aufrechterhalten von bestehenden sozialen Kontakten. Es ist momentan ganz stark zu beobachten, dass Computerspiele da eine ganz wesentliche und wichtige Rolle spielen.

Viele, die nicht zu den Gamerinnen und Gamern gehören, denken bei Videospielen vor allem an Ballerspiele. Wie realitätsnah ist diese Vorstellung? Wie gefährlich sind Ballerspiele überhaupt? Sind das überhaupt die Spiele, die bevorzugt gespielt werden?

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Eine junge Frau sitzt vor zwei Computer-Bildschirmen und zwei junge Männer schauen ihr dabei über die Schulter. © NDR Foto: Annina Pommerenke

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Denk: Nein, man kann nicht sagen, dass jedes Computerspiel ein Ballerspiel ist. Man muss den Begriff auch differenzen: Von "Ballerspielen" wird geredet, wenn es um Shooterspiele geht, aber auch wenn es um Spiele geht, die einen gewissen Gewaltaspekt beinhalten, wo es um Kampfhandlungen geht. Da kann man grundsätzlich nicht sagen, dass das per se gefährlich ist. Niemand, der gewalthaltigen Content in Computerspielen konsumiert, wird automatisch gewalttätig, sondern da spielen ganz viele andere Faktoren eine Rolle.

Es gibt eine Fülle an verschiedenen Spielen, zum Beispiel kollaborative Spiele. "Minecraft" ist ein klassisches Beispiel, wo man sich in einer Onlinewelt treffen und gemeinsam spielen kann.

Seuchen sind auch ein beliebtes Thema in Videospielen: die Pest, die Spanische Grippe, HIV. Sind solche Games auch Lernorte für die aktuelle Corona-Pandemie? Gibt es da Parallelen zur realen Welt?

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Blick auf die Hände einer alten Frau die einen Videospiele-Controller hält. © picture alliance/dpa Foto: Arne Bänsch

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Denk: Ja, auf jeden Fall. Ich beschäftige mich auch ganz stark mit Educational Game Design, wo es um die Frage geht, wie man mit Spielen Inhalte vermitteln und Themen greifbar oder begreifbar machen kann. Wie kann man mit Spielen Personen dazu bringen, sich überhaupt mit einem Thema auseinanderzusetzen? Und da gibt es auch im Bereich Virus oder Pandemie einige Spiele, auf die man durchaus zurückgreifen kann. Ein ganz bekanntes Beispiel ist "Plague Inc.", was schon einige Jahre auf dem Buckel hat und jetzt wieder boomt. In dem Spiel setzt man sich mit der Frage auseinander, wie schnell die Erde durch einen Virus oder durch eine ähnliche Bedrohung zerstört werden kann. Aber die Spieler und Spielerinnen sind in der Rolle, dass sie diesen Virus verbreiten - also die umgekehrte Rolle. Durch so einen Ansatz kann man die Leute dazu bringen, sich mit einer Thematik auseinanderzusetzen und Gedankenanstöße geben. Wenn man das noch in einen pädagogischen Rahmen bringt und im Unterricht oder in der Familie darüber spricht, dann kann man da sehr wertvolle Sachen herausziehen.

Sie sind selbst auch ein Spielefan. Warum können Sie das Spielen in Corona-Zeiten empfehlen? Und haben Sie vielleicht auch einen ganz konkreten Tipp?

Denk: Grundsätzlich kann ich das Spielen sehr empfehlen, um mal etwas Neues auszuprobieren, neue Erlebnisse zu machen, mit anderen Personen, mit Freunden. Ich kann auch sehr stark empfehlen, Leute mit an Bord zu holen, die vorher eher weniger mit Computerspielen zu tun hatten. Vielleicht ist die Krise eine Chance, dass man durch Computerspiele mit Oma und Opa, mit den Eltern eine neue Aktivität findet, die man gemeinsam tun kann. Dass man zusammen Schach online spielt, um einen Anknüpfungspunkt zu finden, oder kleinere Party-Spiele. Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Es ist schwierig, da eine konkrete Empfehlung zu geben.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

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Fünf Würfel liegen auf rosa Untergrund. © go2 / photocase.de Foto: go2 / photocase.de

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NDR Kultur | Journal | 27.04.2020 | 19:00 Uhr