Die Autoren Judith Schalansky und Thilo Krause © picture-alliance | Thilo Rückeis TSP, picture alliance/dpa | Patrick Seeger

Nicolas-Born-Preis geht an Judith Schalansky und Thilo Krause

Stand: 22.12.2020 10:00 Uhr

Die Auszeichnungen gehen 2020 an Judith Schalansky, die zuletzt mit "Verzeichnis einiger Verluste" erfolgreich war und Thilo Krause, der für seinen Debüt-Roman "Elbwärts" von der Kritik gefeiert wurde.

von Agnes Bührig

Seit dem Jahr 2000 ehrt das Land Niedersachsen den 1979 verstorbenen Schriftsteller Nicolas Born mit einem gleichnamigen Preis. Ausgezeichnet werden alle zwei Jahre herausragende deutschsprachige Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einem Hauptpreis und einem Debütpreis.

Schalansky erinnert in Dankesrede an Borns politisches Engagement

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"Emotionalität ist das Beste, was wir haben gegen schieres Geld- und Machtinteresse. Unsere unglücklichen Gefühle und Ahnungen, unsere Sorge und unsere Angst sind zugleich auch unsere Kraft, und die lassen wir uns nicht versachlichen", erklärte Judith Schalansky in ihrer Dankesrede im Videoformat. In ihrer Rede erinnert die Schriftstellerin und Buchgestalterin an das politische Engagement von Nicolas Born. Sie zitiert Borns Worte auf der ersten Großkundgebung gegen die Lagerung nuklearen Mülls in Gorleben aus dem März 1977. Sein Ausloten der Wirkkraft von Literatur im gesellschaftlichen Kontext interessiert die 1980 in Greifswald geborene Preisträgerin.

Jury lobt Sprache von präziser Schönheit

Schriftstellerin Judith Schalansky © picture-alliance Foto: Thilo Rückeis TSP
Judith Schalansky ist nicht nur eine viel gelobte Schriftstellerin, sondern auch eine vielfach ausgezeichnete Buchgestalterin.

"Wenn man seine Gedichte, vor allem aber seine Aufsätze liest, da spielt eine ganz große Rolle das Utopische und die Frage, was eigentlich Literatur kann. Das ist für mich interessant. Da hat man eine bestimmte Nachkriegsgeneration, die auch immer überlegt, wo sind die Grenzen oder wo sind auch die Möglichkeiten von Literatur", so Schalansky. Das Wendland wurde jüngst von der Liste der potenziellen Atommüll-Endlager-Standorte gestrichen. Seit der Wende liegt es nicht mehr im Zonenrandgebiet, sagt Judith Schalansky, die mit ihrem "Atlas der abgelegenen Inseln" vermeintliche Ränder und Zwischenräume innerer und äußerer Landschaften vermessen hat. Mängeln, Abgründen und Defiziten unserer Gegenwart begegne sie mit wildem Einfallsreichtum, kluger Komposition und einer Sprache von präziser Schönheit, bescheinigt ihr die Jury.

Krause schafft in "Elbwärts" neue Form diskreter politischer Prosa

Und auch im Debüt-Roman von Thilo Krause "Elbwärts" spielt Präzision eine Rolle. "Das ist mein Fels, ein windiges Riff, ein paar knotige Kiefern. Abends komme ich hierher, um unser Haus von oben zu sehen. Ich sitze vorne am Abgrund. Hinter meinen Zehen schwanken die Baumkronen, dass ich schwindlig den Blick heben muss. Straße, Felder, Dorf", liest Thilo Krause in seiner Dankesrede den Beginn seines Romans. Ein Mann kommt zurück in seine alte Heimat und findet sie völlig verändert vor. Zur vermeintlichen Mitschuld am Kletterunfall eines Mitschülers von einst kommt für ihn die Verstörung über die gegenwärtigen Verhältnisse.

Schriftsteller Thilo Krause © picture alliance/dpa Foto: Patrick Seeger
Für seinen Debütroman "Elbwärts" erhält Thilo Krause 2020 den Nicolas-Born-Preis sowie den Robert-Walser-Preis.

In der behutsamen Verknüpfung von einst und jetzt sei eine neue Form diskreter politischer Prosa entstanden, die subtiler wirke als laute Anklagen, Appelle und Parolen, fasst Jurymitglied und Literaturprofessor Alexander Košenina die Begründung der Juroren zusammen. "Die Politik kommt so ganz diskret und dezent ins Spiel, tatsächlich merkt er, dass sich diese Heimat sehr, sehr verwandelt hat, fremdenfeindlich geworden ist. Da sind Neonazis aufgezogen. Und diese politischen Splitter werden sozusagen in diesen großen Erinnerungsstrom eingewoben und es eskaliert dann mit einem Elbhochwasser, wo der Ich-Erzähler feststellt, dass er eigentlich da nicht mehr hingehört."

Genauigkeit als verbindendes Element zwischen Krauses Welten

"Meine Heimat ist kein Ort, es ist eine geistige Haltung, eine Art in der Welt zu sein", sagt Thilo Krause, der seine Geburtsstadt Dresden vor 19 Jahren verließ und heute in Zürich wohnt. Auch seine Sprache ist von den zwei Welten geprägt, in der sich der promovierte Wirtschaftsingenieur und Schriftsteller bewegt. Ein verbindendes Element beider Sphären: Genauigkeit. "Man muss präzise mit den Bildern sein, mit der Geschichte und in der Wissenschaft ist das auch so. Man muss da so präzise sein, dass jemand anderes die Ergebnisse nachvollziehen kann. Und wenn man in der Sprache präzise ist, dann kann hoffentlich der Leser nachvollziehen, was den Erzähler getrieben hat."

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Aufgeschlagene Bücher  Foto: Vladimir Melnikov

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NDR Kultur | Matinee | 22.12.2020 | 10:20 Uhr