Stand: 24.03.2020 17:18 Uhr  - NDR Kultur

Streaming: "Der gefährliche Preis der Freiheit"

Wir streamen! Bei Netflix, Amazon Prime Video, Apple TV - und ab sofort auch bei Disney+. Vom neuen Goldenen Zeitalter des Fernsehens ist die Rede. Im Hintergrund tobt der "Streaming-Krieg": Es geht um Marktwert, Medienwirksamkeit - um Macht. Ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner.

Herr Kleiner, wir sind mittendrin in diesem riesigen Umbruch von Fernsehen und Kino zu Streaming. Was bedeutet dieser Umbruch - für die Konsumenten und für die Branche?

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Marcus S. Kleiner ist Medien- und Kulturwissenschaftler, Autor und Publizist.

Marcus S. Kleiner: Für die Konsumenten wird das neue Zeitalter der Konsumfreiheit angepriesen. Wir können immer und überall Serien, Filme und Dokumentationen sehen. Unser Unterhaltungsprogramm ist immer da, wo wir sind. Das ist eine neue Konsumfreiheit, die wir vorher nicht kannten, das Versprechen einer absolut neuen Freiheit im Bereich Unterhaltung. Auf der Seite der Anbieter ist es mittleriweile zu einem Kampf gekommen, weil man gemerkt hat, dass der Streamingmarkt der wichtigste Unterhaltungsmarkt ist, den wir gerade haben. Er ist wichtiger geworden als Fernsehen oder Kino - auch wenn das Kino gute Zahlen verzeichnet. Aber es erreicht global Millionen von Menschen. Das ist etwas, was die Unternehmen herausfordert, im Streamingmarkt mitzumachen. Immer mehr Anbieter kommen auf den Markt. Kleinere wie "alleskino" etwa, das deutsche Portal, in dem es nur darum geht, die Filmgeschichte Deutschlands von 1920 bis 2018 zu dokumentieren. Aber es gibt auch die großen Anbieter wie Disney+, die auf den Markt gekommen sind, um als starke, erfolgreiche Unterhaltungsmarke zu zeigen: Auch wir können Streaming. Wir sind besser und wir wollen was von diesem großen Markt haben.

Hat da ein neuer Streamingdienst wie Disney+ überhaupt noch Platz?

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Kleiner: Es wird in den nächsten Jahren so sein, dass wenige Monopolisten im Streamingmarkt bestehen bleiben. Das werden Netflix, Amazon Prime und Apple sein - und dann ist die Frage, ob Disney aufschließen kann. Entscheiden wird sich das über die preisliche Gestaltung, über die Flexibilität der Abonnements, über die Originalstoffe, die sie anbieten werden und über die Qualität des Programms, das sie von den anderen unterscheidbar macht. Disney ist seit fast 100 Jahren ein Unterhaltungsimperium, das mit seinen Stoffen Generationen geprägt hat. Disney wird auf dem Streamingmarkt eine gute Chance haben, wenn Disney es versteht, auch weiterhin die Tradition seiner Stoffentwicklung, seiner Serien, seiner Filme so stark zu halten wie in den letzten fast 100 Jahren auch. Dann wird Disney+ stärker als Apple auf dem Streamingmarkt sein. Aber Disney+ wird nicht stärker werden als Netflix und Amazon Prime.

Heißt das auch, dass Disney seine Filme nur noch selber streamt und andere Streamingdienste die Filme gar nicht mehr bekommen?

Kleiner: Die Logik wäre, dass Disney nur das Disney-Universum abbildet, und wer das Disney-Universum sehen will, muss zu Disney+ kommen. Dann wird aber ein neues Problem zwischen den neuen Disney-Filmen und dem Kino entstehen: Werden dem Kino die neuen Disneyfilme noch zur Verfügung gestellt? Wann werden sie zur Verfügung gestellt? Oder wird alles nur noch im Disney-Stream stattfinden? Das werden wir in den nächsten Jahren beobachten. Konsequent wäre, alle Disney-Inhalte nur bei Disney+ stattfinden zu lassen - weil wie sollen sie sonst die fast 170 Millionen Netflix-Abonnenten erreichen?

Was bedeutet es denn, Marktführer in diesem Segment zu sein? Mit welchem Ziel will man den Markt erobern?

Kleiner: Diese Macht bedeutet, die Macht über die Seh- und Konsumgewohnheiten im Bereich Unterhaltung und Dokumentation von Millionen von Menschen zu haben. Wir entscheiden über neue Trends und machen neue Trends möglich. Das verschafft eine extrem hohe Machtposition, die losgelöst ist von einer ökonomischen Macht, hin zu einer Macht über die Köpfe der Menschen.

Was heißt das für die Daten, die wir damit den Unternehmen zur Verfügung stellen?

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Kleiner: Das ist der gefährliche Preis der Freiheit. Der liegt darin, dass wir in jeder Sekunde, in der wir Streamingdienste nutzen, in der wir aber auch im Internet sind, permanent unseren digitalen Fußabdruck hinterlassen und uns öffnen. Öffnen für Unternehmen, indem wir zeigen, was wir gerne sehen, wen wir gerne sehen und was wir gerne noch einmal sehen. Wir sind zu digitalen gläsernen Bürgern für Unternehmen geworden, die dann wiederum für ihre Zwecke unsere Daten nutzen. Einerseits, indem sie uns ein Programm zuschneidern - das vielleicht gar nicht genau unser Programm ist, aber wir kriegen den Anschein es ist unser Programm. Andererseits werden die Daten zu ökonomischen Zwecken genutzt, die wir nicht durchblicken können.

Ein weiteres Streaming-Problem ist, dass es klimaschädlich ist, oder?

Kleiner: Genau. Wir sehen in der Corona-Krise, dass Netflix sein Angebot reduzieren, also Filme von HD auf SD umstellen musste, weil in der aktuellen Situation unsere Netze überlastet sind. In der Schweiz wurde angekündigt, Netflix notfalls abzuschaltet, weil es nicht versorgungsrelevant ist. Wenn jeder Streamingdienste benutzt, ist unsere Umwelt extrem stark belastet. Das gilt auch für unsere permanente Handynutzung. Die dunkle Seite des Streamings ist, dass sie hochgradig klimaschädlich ist. Da beginnt die Paradoxie: Wir alle sind klimabewusst und wollen uns gegen den Klimawandel stellen, für eine bessere Zukunft, auch für unsere Kinder. Aber uns ist vollkommen egal, ob wir durch unsere permanente Nutzung digitaler Technologien den Klimawandel, den wir verhindern wollen, begünstigen.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Mikrofon im NDR Kultur Sendestudio © NDR.de Foto: Mathias Heller

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.03.2020 | 19:00 Uhr