Hamburgs Kultursenator Brosda verteidigt den Shutdown

Stand: 29.10.2020 19:30 Uhr

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) hat die Entscheidung verteidigt, auch Kultureinrichtungen ab kommendem Montag zu schließen.

Im Gespräch mit dem Kulturjournal von NDR 90,3 kritisierte der Politiker aber, dass der Stellenwert der Kultur in dem Beschluss von Bund und Ländern offenbar eher gering ist. Das habe ihn selbst wütend gemacht. Brosda äußerte zudem Verständnis für den Unmut in der Kulturszene. Auch die Haltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Wert der Kultur kritisierte Brosda.

Herr Brosda, am Dienstag sagten sie noch, im Theater sei es sicherer als zu Hause. Und dennoch darf man nun ab Montag nicht mehr ins Theater. Warum, wenn es doch sicher ist?

Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, im Porträt. © picture alliance/dpa Foto: Felix König
Carsten Brosda kann den Unmut der Kulturschaffenden verstehen.

Carsten Brosda: Weil wir vor einer Entscheidung standen, in der es nicht darum geht, ob ein einzelner Ort sicher ist, denn das gilt für Theater und Konzertsäle nach wie vor uneingeschränkt, sondern ob wir generell Bewegungen und soziale Kontakte einschränken müssen, damit wir von diesem stark ansteigenden und diffuser werdenden Infektionsgeschehen herunterkommen. Deshalb war es notwendig, Beschränkungen zu erlassen, die nicht mehr einen einzelnen Ort in den Blick nehmen und auch nicht Wertungen über einen einzelnen Ort vornehmen, sondern die generell auf Anraten der Mediziner das Signal senden: Ihr müsst alle dreiviertel Kontakte weniger haben als jetzt. Es ist eine schwere Entscheidung, die keinem leicht gefallen ist, und ich kann auch jeden verstehen, der sagt: "Hätten wir da nicht noch mal drüber reden können?" Wichtig ist, dass wir das jetzt alle diszipliniert miteinander machen, damit wir das Ganze schnell hinter uns bringen, um Anfang Dezember weiterzumachen.

In der Begründung werden Theater, Oper und Konzerthäuser in einem Atemzug mit Bordellen und Freizeitparks genannt. Wurde Kultur als Wellness-Faktor abgeschaltet?

Brosda: Ich war bei den Diskussionen nicht dabei, aber wir können anhand dieser Kategorisierungen sehen, wo wir in diesem Lande kulturpolitisch noch etwas zu tun haben. Denn natürlich ist Kultur viel mehr als Freizeit. Ich hoffe mal inständig, dass die Formulierung nur der Hektik geschuldet war. Kultur ist nicht nur Freizeit, sondern Arbeiten am gesellschaftlichen Sinn, darüber hinaus ein wirtschaftlich relevanter Bereich, und in vielerlei Hinsicht so viel mehr, dass sie auch in einem solchen Beschluss eine andere Würdigung verdient hätte. Ich kann auch die Kulturschaffenden verstehen, die jetzt sagen: "Wenn Ihr uns so an den Rand stellt, wie sollen wir denn davon ausgehen, dass Ihr begreift, wie wichtig und wertvoll unsere Arbeit ist?" Da müssen wir aufpassen, dass wir das Vertrauen derjenigen, die sich in den vergangenen Monaten unglaublich diszipliniert verhalten haben, nicht unnötig aufs Spiel setzen. Das ist etwas, was mich gestern erschrocken und wütend gemacht hat.

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Wie sieht es bei den Museen aus?

Brosda: Die Museen sind tatsächlich mit dem Beschluss mit gemeint, also werden auch die ab Montag geschlossen werden.

Die Reaktionen sind anders als im März beim ersten Mal. Von Wut und Verbitterung spricht Thalia-Intendant Joachim Lux. Der Ton wird schärfer in der Kulturszene. Gottesdienste finden statt, Theaterabende nicht. Schulen sind geöffnet, die Elbphilharmonie wird dicht gemacht. Das leuchtet vielen nicht ein. Verspielt die Politik gerade Vertrauen?

Brosda: Das hoffe ich nicht. Die vielen Statements, die ich gelesen habe, und die Gespräche, die ich seit gestern geführt habe, waren jedenfalls sehr abgewogen. Man hat immer wieder den Satz gehört: "Wir verstehen, dass wir etwas tun müssen, weil wir sonst in eine ganz schwierige Lage kommen." Aber natürlich sind die Querverweise kompliziert. Ich versuche, es mal freundlich zu formulieren: Wir müssen alle daran arbeiten, dass eine Bundeskanzlerin, wenn sie gefragt wird, was nicht vertretbar ist zu schließen, nicht nur die Gottesdienste nennt, wie sie es am Mittwoch gemacht hat, sondern dass wir als Gesellschaft anerkennen, dass die Sinnsuche in einer säkularen Gesellschaft nicht nur in den Kirchen stattfindet, sondern auch an anderen Orten. Dass man nun in dem Beschluss nun einen Ort der Sinnsuche privilegiert, hat in der Kultur für Verdutztheit gesorgt.

Das Interview führte Daniel Kaiser, Leiter der Kulturredaktion bei NDR 90,3

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Kulturjournal | 29.10.2020 | 19:25 Uhr