"Gottesdienst der Künste" im Thalia Theater. © Thalia Theater Foto: Horn

"Gottesdienst der Künste" im Thalia Theater

Stand: 01.11.2020 23:37 Uhr

Wenige Stunden vor dem neuen Kultur-Lockdown haben sich Hamburgs Kulturbetriebe mit der Kirche zusammengetan und im Thalia Theater einen "Gottesdienst der Künste" gefeiert.

von Daniel Kaiser

Ein Glockengeläut aus dem Handy von Thalia-Intendant Joachim Lux und ein leuchtendes Kreuz aus zwei Neonröhren - fertig ist die Theaterkirche! Nicolas Altstaedt spielt auf seinem Cello Musik von Bach, eine Truppe aus dem Schauspielhaus covert den Beach-Boys-Song "God Only Knows" und Wolfram Koch aus dem Thalia-Ensemble zelebriert fast 20 Minuten lang eine Lesung aus der Bibel. Die Offenbarung des Johannes, die Apokalypse in einer Asbach-Uralt-Übersetzung. Das Publikum muss dabei stehen – wie in der Kirche.

Mit Predigt und Klingelbeutel

Die Kirchen dürfen weiter öffnen, die Theater müssen schließen. Kurz vor dem Lockdown haben sich nun beide zusammengetan. Daraus ist ein verspielter und herrlich kreativer Umgang mit der Gottesdienst-Idee geworden. Am Ausgang gibt es sogar einen Klingelbeutel für einen guten Zweck, und eine richtige Predigt wird auch gehalten. Sieghard Wilm, Pastor an der St. Pauli Kirche, steht stilecht mit schwarzem Talar und Halskrause auf der Bühne. "Die Antwort auf das Virus kann nur sein, dass die Nächstenliebe viral geht. Und wenn das jemandem zu fromm klingen sollte, nennt er es einfach Solidarität, die ansteckend ist", sagt Wilm. Bei diesem Gottesdienst im weltlichen Theater spürt man schon, wie beide Seiten noch ein bisschen miteinander fremdeln und wie Pastor Wilm und Bischöfin Kirsten Fehrs mit behutsamen Formulierungen versuchen, das Ganze nicht allzu kirchlich klingen zu lassen. Aber an diesem Nachmittag wird auch klar, dass Kultur und Kultus gemeinsame Wurzeln haben, wie Theaterintendant Lux betont.

"Die Religionen sind Spezialisten dafür, wie man in Zeiten der Trauer Trost findet und wieder Zuversicht und Freude gewinnen kann. Vielleicht ist das heute tatsächlich nicht nur ein 'Gottesdienst der Künste', sondern auch ein 'Gottesdienst für die Künste'."

Brosda mit Seitenhieb gegen Merkel und Söder

Der Nachmittag im Theater orientierte sich an der tatsächlichen kirchlichen Liturgie. An der Stelle, an der in einem Gottesdienst Fürbitten an Gott erklingen, formuliert Kultursenator Carsten Brosda glasklar säkular Bitten an die Gesellschaft – inklusive Seitenhiebe gegen Söder und Merkel wegen der Bevorzugung der Kirchen. An dieser Stelle hört man an seiner Diktion, wie angefasst der Senator bei dem Thema ist. "Lasst uns gemeinsam zuversichtlich bleiben, dass sich in Bayern und auch in der Uckermark herumspricht, dass man dem Heiligen Geist und der Erkenntnis nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Kultur nahe kommen kann."

Lux: "Wut, Zorn und Tränen"

Es war keine Heile-Welt-Veranstaltung. Hier seien Zorn, Verzweiflung, Aufbegehren und Verständnis zusammenkommen, sagt Thalia-Intendant Lux. Besonders getroffen habe ihn, dass Theater und Opernhäuser in Corona-Zeiten in einem Atemzug mit Spielbanken, Freizeitparks und Bordellen gedacht und genannt werden. Im Frühjahr habe man sich über diesen Fehlgriff noch amüsiert, inzwischen sei ihnen das Lachen vergangen. "Die Theater sind keine Kirmes-Karussells. So etwas verletzt unseren Stolz und unsere Würde." Lux hadert mit den Widersprüchen bei den Corona-Regeln. Man spürt die Wut im Bauch bei diesem letzten Auftritt der Kultur vor der Zwangspause. Der war trotzig, traurig, kämpferisch, aber weil man die Kreativität und Kraft der Kultur noch einmal geballt erlebt hat, auch tröstlich.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 02.11.2020 | 19:15 Uhr