Vater sitzt mit einem Buch im Garten und betreut seinen sieben Wochen alten Sohn, der im Kinderwagen liegt. © dpa | Patrick Pleul Foto: Patrick Pleul

Geschlechter-Ungerechtigkeit: It's the economy, stupid!

Stand: 02.10.2021 13:00 Uhr

In unserer dreiteiligen Serie zu Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten des Ungleichgewichts zwischen Mann und Frau. In Folge drei geht es um die ökonomischen Aspekte.

von Patric Seibel

"It's the economy, stupid" - es ist die Wirtschaft, von der alles abhängt, und das gilt gerade für die scheinbar ganz private Familiensphäre. Als der Sozialarbeiter Heiner Fischer Vater wurde, hat er Elternzeit beantragt und wurde zum ersten Mal aufgrund seiner Rolle diskriminiert. Sein Arbeitgeber hat ihm verboten, Elternzeit zu nehmen, obwohl Fischer erklärte, dass er keinen Urlaubsantrag stellt, sondern sein Recht wahrnimmt. Das Erlebnis öffnete ihm die Augen.

Von da an war Heiner Fischer klar, dass er in die Väterarbeit gehen will. Um aus einer profeministischen Vater-Sicht Männer und Familien auf dem Weg zu einer aktiven Vaterschaft zu begleiten. Vor allem möchte er anderen Männern Mut machen, Elternzeit zu nehmen. Und zwar nicht nur die zwei Monate, die oft als Vätermonate bezeichnet werden. Auch der Vater kann zwölf Monate in Anspruch nehmen und die Mutter zwei Monate. Heiner Fischer betont, dass es sich lohnt, eine aktive Vaterrolle einzunehmen. Was es braucht, ist Zeit.

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Gesetzliche Rahmenbedingungen

Für eine faire Elternzeitverteilung gibt es in Deutschland gesetzliche Rahmenbedingungen. Aber die Praxis sieht oft anders aus. Männer verdienen mehr, also arbeiten sie Vollzeit. Das hat verschiedene Ursachen: In den späten 1990er-Jahren gab es im sogenannten "Bündnis für Arbeit" der Rot-Grünen-Koalition eine von den Gewerkschaften mitgetragene Tarifwende. Die Löhne stagnierten in vielen Branchen. Dazu kam ein wachsender Bereich von Mindestlohn- und Minijobs. Die finanzielle Situation vieler Familien hat sich dadurch dramatisch verschlechtert.

Besonders typische Frauenberufe in Pflege und Kinderbetreuung, sind schlecht bezahlt und wenig anerkannt, erklärt Birgit Pfau-Effinger, Soziologin an der Universität Hamburg. Im Gegensatz dazu bieten die skandinavischen Länder bessere Bedingungen, so die Soziologin:

Die Gesellschaften sind insgesamt egalitärer, auch was die soziale Ungleichheit insgesamt betrifft. Weiter ist es so, dass die sozialen Berufe, in denen die meisten Frauen auch dort eher arbeiten, weitgehend im öffentlichen Sektor angesiedelt sind, in dem die Gleichstellung politisch besonders gefördert wird. Zitat von Prof. Birgit Pfau-Effinger

Karriere-Aufstieg an Vollzeitstellen geknüpft

Neben der materiellen Seite wirkt die Präsenzkultur vieler Unternehmen als Bremse für Väter. Wenn jemand die Arbeit nur um ein paar Stunden reduziert, das muss gar nicht halbtags sein, gilt das schon als eine Art von Ausstieg aus der Karriereleiter. Diese ist sehr stark an die volle Verfügbarkeit geknüpft. Das ist das Dilemma für die Väter. Dass die Arbeitszeiten von Männern mit kleinen Kindern im Vergleich zu gleichaltrigen Männern ohne Kinder höher sind und nicht niedriger, ist bekannt.

Für die Journalistin Heike Kleen könnte die Corona-Pandemie, neben den bekannten Folgen der Mehrbelastung für Frauen, einen anderen, überraschenden und vielleicht sogar revolutionären Effekt des Umdenkens erzeugt haben. Hier hat sich gezeigt, dass Männer auch ernst genommen werden, wenn sie mit Kindern im Hintergrund im Homeoffice arbeiten.

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Es gibt viel zu tun: in der Wirtschaft – und in den Köpfen.

Es gäbe unterschiedliche Wege bezahlte und unbezahlte Arbeit fairer zwischen Frauen und Männer zu verteilen, sagt Birgit Pfau-Effinger: Zum Beispiel könnten beide zu 50 Prozent arbeiten. Das ist eine Idee aus den Niederlanden. Oder wie in den skandinavischen Ländern, wo eine Anstellung mit Arbeitsvertrag beim Staat für private Pflegetätigkeiten möglich ist.

Birgit Pfau-Effinger postuliert, dass die sozialen Berufe - Pflege, Kinderbetreuung und Erziehung - entkommerzialisiert und als gemeinschaftliches Gut behandelt werden sollten. Unter den Bedingungen des öffentlichen Sektors kann auch die Politik besser eingreifen und den Rahmen optimal gestalten. In einer idealen Welt, so die Soziologin, wäre die Gesellschaft insgesamt egalitärer als die deutsche. Die relativ große Ungleichheit zwischen arm und reich habe auch Konsequenzen für die Geschlechterungleichheit. Deutschland liegt in vielen Fragen der Geschlechtergerechtigkeit nur auf einem Mittelfeldplatz, was die Bildungschancen von Frauen angeht. Und sogar auf dem vorletzten Rang der reichen Industrieländer. Es gibt viel zu tun: in der Wirtschaft - und in den Köpfen.

Geschlechtergerechtigkeit ist für viele Frauen in Deutschland nur ein Wort. Sie haben oft die schlechter bezahlten Jobs und investieren mehr in Kinder, Pflege und Haushalt als die Männer. Trotz Elternzeitanspruch und Elterngeld wandelt sich das traditionelle Bild vom männlichen Familienernährer nur zögernd. Der Kampf um eine geschlechtergerechte Sprache wird mit religiöser Inbrunst geführt - und dabei vergessen, worum es eigentlich geht: Um eine faire Verteilung von Chancen ohne Ansehen von biologischem Geschlecht oder Zugehörigkeit. In unserer dreiteiligen Serie "Teilzeitfeminismus - der lange Marsch in die Geschlechtergerechtigkeit" beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten dieses Ungleichgewichts.

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Dieses Thema im Programm:

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