Stand: 13.09.2019 16:13 Uhr

Gendergerechte Sprache? Contra!

von Hannah Lühmann

Brauchen wir mehr Gerechtigkeit in der Sprache? Unbedingt, fordern die einen - wie Anne Wizorek. Die Feministin plädiert dafür, der Sprache ein "Gerechtigkeitsupdate" zu verpassen. Hannah Lühmann, Feuilleton-Redakteurin der Tageszeitung "Die Welt", vertritt die Gegenposition - sie warnt in ihrem Essay davor, die Sprache zu überfrachten mit unseren gesellschaftspolitischen Erwartungen.

Bild vergrößern
Hannah Lühmann ist Feuilleton-Redakteurin der Tageszeitung "Die Welt".

Es ist eine auffällige Eigenschaft unserer aktuellen Debattenkultur: dass getan wird, als gäbe es nur zwei mögliche Weltzugänge. Der eine gilt als progressiv, aufgeklärt, humanistisch - der andere als rückwärtsgewandt, menschenfeindlich, reaktionär. Und es wird argumentiert, ohne dass geschaut wird, welche Probleme und Details eigentlich in der jeweiligen Sache stecken. Die Debatte um die sogenannte gendergerechte Sprache ist vielleicht das Paradebeispiel für diese Art der Diskussionsführung. 

Ein Argument, das zunächst plausibel klingt

Diejenigen, die prominent für die gendergerechte Sprache kämpfen, sind häufig nicht unbedingt Sprachwissenschaftler, sondern Aktivisten. Sie glauben, dass sie sich für eine uneingeschränkt gute Sache einsetzen. In ihrem Eifer verlieren sie völlig aus dem Blick, dass es gute Gründe gibt, gegen das Gendern zu sein - oder aber auch es einfach für vollkommen irrelevant zu halten. Zunächst müssen wir aber die Argumentationsweise der Genderbefürworter verstehen. Warum sind sie eigentlich so besessen von der Vorstellung, wir müssten die deutsche Sprache ändern?

Weitere Informationen

Gendergerechte Sprache? Pro!

Brauchen wir mehr Gerechtigkeit in der Sprache? Unbedingt, fordert Anne Wizorek, die den Hashtag #aufschrei ersonnen hat. Sie argumentiert auch in der Sprache für ein "Gerechtigkeitsupdate". mehr

Die Grundlage für ihre Forderung ist ein einfaches Argument - und es klingt erst einmal plausibel. Sie sagen: Sprache formt unser Bewusstsein. Also, so argumentieren sie, müssen wir, wenn wir das Bewusstsein ändern wollen, die Sprache ändern. Sie haben diese Annahme so sehr verinnerlicht, dass ihnen ästhetische und grammatikalische Einwände vollkommen egal sind. Für sie ist die Sprache ein Werkzeug, das mehr oder weniger unmittelbar unseren Zugang zur Realität formt. Sie begreifen Sprache als Ausdruck von Ideologie. Wenn man nur der Sprache die falsche Ideologie austreibt, ändert sich auch das Bewusstsein der Menschen. So die Annahme. Damit die Welt weniger sexistisch wird, müssen wir also weniger sexistisch denken und schreiben. Wer etwas dagegen hat, hat Grundlegendes nicht mitbekommen, der hat den "linguistic turn" um hundert Jahre verschlafen, der verdient eigentlich nur noch ein genervtes Augenrollen.

Wer Sprache verändert, merzt Erinnerung aus

Aber stimmt das? Ist es so einfach, zu sagen: Unsere Grammatik und unser alltägliches Sprechen sind Ausdruck sexistischen Denkens? Sprache, könnte man einwenden, ist eben kein Werkzeug, dessen Effekte auf die Realität sich eins zu eins ermitteln lassen. Sie ist auch ein Speicher, ein kultureller Resonanzraum. Wer also zum Beispiel sagt, das generische Maskulinum darf es nicht mehr geben, der nimmt sich auch eine Möglichkeit, zu verstehen, wie Sprache überhaupt funktioniert. Die Trennung zwischen Genus und Sexus - zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht - zum Beispiel ist nichts, das sich verrückte Konservative ausgedacht haben. Sie ist eine faszinierende Besonderheit und ein Zeugnis der Abstraktion, zu der der menschliche Geist fähig ist. Wer Sprache verändert, merzt Erinnerung aus. Und somit übrigens auch die Möglichkeit, sie tatsächlich ideologiekritisch zu untersuchen. Die Vorstellung einer konsequent gendergerechten Sprache kommt also zumindest schonmal nicht aus ohne die Neigung, sprachliche Feinheiten zugunsten weltanschaulicher Vorstellungen zu ignorieren. Man kann das wollen. Man kann beschließen, Komplexität zu ignorieren - im Dienste eines Effekts, von dem man annimmt, dass er zu mehr Gerechtigkeit führt.

Führt gendergerechte Sprache tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit?

Hannah Lühmann im Porträt © Dei Welt/Hannah Lühmann

Gendergerechte Sprache? Contra!

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Brauchen wir mehr Gerechtigkeit in der Sprache? Redakteurin Hannah Lühmann warnt in ihrem Essay davor, die Sprache zu überfrachten mit unseren gesellschaftspolitischen Erwartungen.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Aber - und hier kommt der nächste Einwand - ob die sogenannte gendergerechte Sprache tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit führt, ist vollkommen unklar. Es gibt keine einzige Studie, keine einzige Wissenschaftlerin, die "beweisen" kann, dass wir "die gendergerechte Sprache" dafür brauchen. Es gibt eine Studie, die von Gender-Befürwortern immer wieder zitiert wird. Sie kommt zu dem Schluss, dass Kinder bei vermeintlich typischen Männerberufen wie "Ingenieur" eher denken, dass auch Frauen diesen Beruf ausüben können, wenn man stattdessen von "Ingenieuren und Ingenieurinnen" spricht. Das ist zweifelslos eine interessante Erkenntnis. Aber es ist schlicht und einfach nicht geklärt, ob und in welchem Maße diese Tatsache Einfluss auf die soziale Realität hat. Es gibt sehr viele, sehr komplexe Untersuchungen zu Berufswahl und Rollenbildern. In vielen arabischen Ländern etwa ist der Anteil von Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen viel höher als hierzulande. Sagt das etwas über die Gleichberechtigung dort? Über die arabische Sprache? Wohl kaum.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 22.09.2019 | 19:05 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Gendergerechte-Sprache-Contra,gedankenzurzeit1442.html

Mehr Kultur

02:27
Hamburg Journal
03:37
Schleswig-Holstein Magazin