Eine Lupe liegt auf dem Logo von den Querdenkern und dem Button mit einem Bundesadler. © picture alliance / ZB Foto: Sascha Steinach

"Querdenken ist nicht einfach nur eine kritische Haltung"

Stand: 22.09.2021 19:27 Uhr

Nach der Ermordung eines 20-jährigen Tankstellen-Mitarbeiters in Idar-Oberstein, nachdem dieser einen Mann aufgefordert hatte, eine Schutzmaske zu tragen, wird über eine potenzielle Radikalisierung des Querdenker-Milieus diskutiert. Auch wir sprechen darüber - mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty.

Eine Lupe liegt auf dem Logo von den Querdenkern und dem Button mit einem Bundesadler. © picture alliance / ZB Foto: Sascha Steinach
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Frau Lamberty, "Gewalt, die mit den Corona-Maßnahmen begründet wird, existiert nicht erst seit der Tat in Idar-Oberstein, sondern begleitet uns durch die ganze Pandemie hindurch." Das haben Sie heute bei Twitter gepostet. Dennoch: Verändert sich die Qualität des Protestes gegen die Corona-Maßnahmen? Erkennen Sie eine Radikalisierung?

Pia Lamberty: Das war schon relativ früh radikal, hat sich dann aber nochmal zugespitzt. Nicht unbedingt nur im Kontext der Demonstrationen, die sind ja kleiner geworden - das heißt aber nicht, dass sie weniger gewalttätig geworden sind. Man sieht aber, dass es in der Gesellschaft viele Gewalttaten gibt. Der furchtbare Mord jetzt, aber auch vorher gab es versuchte Brandanschläge auf Impfzentren oder den Anschlag auf eine ICE-Strecke. Ganz viele Menschen haben im eigenen Alltag erlebt, wie es zumindest Verbalaggressionen im Kontext der Masken gab.

Zutritt nur noch für Geimpfte und Genese, heißt es immer öfter. Es wird diskutiert über höhere Krankenkassen-Tarife für Ungeimpfte. Und nun wurde beschlossen, dass ungeimpfte Arbeitnehmer, die in Quarantäne müssen, keinen Ausgleich mehr für ihre Verdienstausfälle bekommen sollen. Der Druck wächst also. Wächst damit auch die Gefahr für brutale Entladungen?

Lamberty: Ich kann mir zumindest vorstellen, dass es mit der Verschärfung der Regeln dann auch zu mehr Demonstrationen kommt oder zu Gewalttaten außerhalb dieser Demonstrationskontexte. Das ist für mich aber nicht unbedingt ein Argument dafür, dass man die Regeln nicht verschärfen sollte, sondern dass man sich bewusst macht, dass es da Spannungen gibt und dass man mit ihnen umgehen und Konzepte dafür entwickeln muss.

Und wie sollte damit umgegangen werden? Wie kann die Politik da entgegenwirken?

Lamberty: Im Moment wäre der erste wichtige Schritt, dass anerkannt wird, dass Querdenken nicht einfach nur eine kritische Haltung ist, sondern dass wir es hier mit einer Gruppierung zu tun haben, die gefährlich ist, die Antisemitismus verbreitet, die Gewaltaffinität mit sich bringt, die klare Bezüge in rechtsextreme Strukturen aufweist. Und da vermisse ich schon teilweise in der Politik eine klare Haltung, eine klare Distanzierung, eine klare Einordnung des Mordes. Wenn das nicht gegeben ist, dann ist es schwierig, Maßnahmen umzusetzen, weil man noch nicht mal den Minimalkonsens hat, dass es sich bei Querdenken um eine gefährliche Organisation handelt. Das bräuchte auch eine schnellere Strafverfolgung; im letzten Jahr hat sie leider teilweise zu wünschen übrig gelassen.

In dem Fall in Idar-Oberstein wird noch ermittelt. Der Gewalttäter selbst nennt die Maskenpflicht als Ursache für diesen Ausbruch. In Telegram-Chats der Szene wird die Tat in Idar-Oberstein beklatscht. Kann dieser Vorfall die Szene vielleicht noch stärker aufstacheln?

Lamberty: Wir erleben auf Telegram zwei Formen von Reaktionen. Die einen sagen, dass ihnen das untergejubelt wird. Ich kann mir vorstellen, dass das vor allem die Menschen sind, die mit der Tat nicht übereinstimmen, und jetzt versuchen, das für sich zu rationalisieren und weg zu erklären, damit sie sich nicht distanzieren müssen. Und dann gibt es die, die die Tat bejubeln und rechtfertigen. Ich kann natürlich nicht vorhersehen, ob das Nachahmer mit sich bringt. Ich glaube aber, dass wir in einer Zeit leben, in der die Stimmung aufgeheizt ist und es wahrscheinlich nicht die letzte Gewalttat war.

Tragen Kanäle wie Telegram eine Teilverantwortung für solche Radikalisierungen?

Lamberty: In Bezug auf den Täter kann ich das auch noch nicht sagen. Wir wissen gewisse Dinge über sein Verhalten, wir wissen aber noch nicht, wie genau das alles eingebettet war. War er auf Demonstrationen? Wie sehr war er in Telegram aktiv? Das sind Fragen, die noch beantwortet werden müssen. An sich würde ich aber schon sagen, dass die verschwörungsideologische Szene eine Mitschuld an der Vergiftung des Klimas trägt. Alleine dadurch, dass die Maske so ein Feindbild geworden ist - das kommt ja genau daher. Die Maske ist an sich nichts Politisches, das ist eine Maßnahme, um keine Viren zu verbreiten. Und die wurde politisch aufgeladen und als Feindbild stilisiert, als Symbol einer scheinbaren Unterdrückung. Es wird von Maulkorb gesprochen, und gleichzeitig kann man, indem man sich gegen die Maskenpflicht wehrt, so tun, als sei man im Widerstand. Diese Inszenierung sehen wir bei den Szenegrößen immer wieder, die dazu aufrufen, keine Maske zu tragen und das als Akt des Widerstands proklamieren.

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Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der klassischen, traditionellen Medien, wenn im Fall von Idar-Oberstein relativ schnell von einem "Mordmotiv Maskenpflicht" getitelt wird?

Lamberty: Ich fand einige Aussagen schon schwierig. Es fängt an bei einem "Masken-Streit" - es war ja kein Streit, sondern ein Mitarbeiter musste die Maskenpflicht durchsetzen und wurde dann ermordet. Ich wäre auch vorsichtig, wenn man direkt von "Querdenken-Mord" oder ähnlichem spricht, weil wir das noch nicht wissen. Querdenken ist ja nur eine Subform des verschwörungsideologischen Milieus, das ist so ein bisschen zum Synonym geworden. Aber ich selber bin bei so etwas immer eher zurückhaltend, bis ich mehr weiß.

Sie fordern Unterstützung für Menschen, die Bedrohungen ausgesetzt sind, weil sie Corona-Maßnahmen durchsetzen müssen - zum Beispiel im Einzelhandel oder im Gesundheitsbereich. Wie könnte das konkret aussehen?

Lamberty: Wir kennen das schon seit Jahren, dass Behörden mit Reichsbürgern konfrontiert werden, die in die Büros kommen, die Unmengen an Faxe senden, die teilweise aggressiv auftreten. Und da gibt es von den Behörden seit Jahren Handreichungen, Schulungen. Das heißt, wir haben schon ein Wissen, wie man mit Menschen umgeht, die gewaltaffin sind. Ich verstehe beispielsweise nicht, warum dieses Wissen nicht transferiert wurde und Mitarbeiterinnen im Gesundheitsbereich keine Schulungen angeboten worden sind. Wie erkenne ich jemanden, der an Verschwörungen glaubt? Ab welchem Punkt wird es gefährlich? Wie kann ich mich selber schützen? Das alleine würde Menschen schon mehr Sicherheit geben.

Und dann muss man auch schauen, wer diese Maßnahmen durchsetzt. Die Bäckereifachverkäuferin muss sehen, wie sie auf einmal Leute, die die Maske nicht tragen wollen, aus der Bäckerei bekommt, ohne dafür jemals geschult worden zu sein. Natürlich kann ein kleines Geschäft keine Securitys einstellen, aber gerade größere Ketten könnten da schon mehr tun, um ihre Mitarbeiter*innen in solchen Situationen zu unterstützen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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NDR Kultur | Journal | 22.09.2021 | 18:00 Uhr