Ein Porträt zeigt Michael Kiefer, Dozent am IIT. © dpa - Bildfunk Foto: Friso Gentsch

Die Machtübernahme der Taliban: Ein unvorhersehbarer Unglücksfall?

Stand: 26.08.2021 16:35 Uhr

Wer genau sind "die Taliban"? Und warum konnten sie so schnell die Macht am Hindukusch übernehmen? Ein Gast-Kommentar des Islamwissenschaftlers Michael Kiefer.

Ein Porträt zeigt Michael Kiefer, Dozent am IIT. © dpa - Bildfunk Foto: Friso Gentsch
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von Michael Kiefer

Jetzt sind sie wieder da, die Männer mit den langen Bärten und den eigentümlichen Kopfbedeckungen. Und fast ist es so, als hätten die vergangenen 20 Jahre nicht stattgefunden. Erinnerungen werden wach an unvorstellbare Gräueltaten in den Jahren von 1996 bis 2001, begangen von archaisch wirkenden Islamisten, die unter den Fittichen der pakistanischen Deobandibewegung ihr grausames Handwerk erlernt haben. Einige Experten meinen, sie hätten sich geändert. Nun respektiereten die Taliban die Menschenrechte. Den Helfern der westlichen Armeen werde nichts passieren und auch die Frauen werde man künftig respektvoll behandeln. Doch wie soll man das glauben? Noch vor wenigen Wochen wurde der Humorist Kasha Zwan brutal von den Taliban hingerichtet.

Taliban 2.0 - Smart und freundlich?

In Gänze betrachtet ist die Lage derzeit sehr unübersichtlich. Die Taliban heute sind schwer einschätzbar. Die Bandbreite reicht von fanatischen Kommandeuren bis zu smarten Diplomaten, die sich trittsicher auf internationalem Parkett bewegen. Wer wird in der heterogenen Bewegung die Führung übernehmen? Steinzeitislamisten oder Reformakteure? Niemand kann im Moment seriöse Prognosen wagen.

Gewissheit besteht indes in der Tatsache, dass die westlichen Interventionsmächte in Afghanistan eine kaum zu überbietende historische Niederlage erlitten haben. Nach Lage der Dinge ist alles, was angepackt wurde, gescheitert. Allein die Amerikaner haben 2,7 Billionen Dollar für Afghanistan ausgegeben. Deutschland war mit immerhin 17 Milliarden Euro dabei. Finanziert wurden damit das Militär, zahlreiche Ausbildungsprogramme und unzählige zivile Hilfeleistungen. Dies mag temporär hilfreich gewesen sein, eine halbwegs stabile demokratische Gesellschaft konnte jedoch noch nicht mal im Ansatz erreicht werden.

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Fragen über Fragen

Es bleiben viele Fragen. Zunächst muss man sich mit den Ursachen der humanitären Katastrophe am Flughafen in Kabul befassen. War die schnelle Machtergreifung der Taliban wirklich nicht vorhersehbar? Mittlerweile steht fest, dass eine Gruppe von US-Diplomaten bereits im Juli vor dem schnellen Fall Kabuls gewarnt hatte. Es ist kaum vorstellbar, dass diese Warnung nicht zur Kenntnis genommen wurde. Daher drängt sich ein schlimmer Verdacht auf. Offenkundig verfuhr die amerikanische Führung nach dem Motto: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Und was ist mit den Deutschen? Die Verantwortlichen in Berlin geben sich ahnungslos. Es ist kaum vorstellbar, dass die amerikanischen Verbündeten ihre Lageeinschätzungen nicht über die üblichen Wege geteilt haben. Kann es sein, dass man es gar nicht wissen wollte? Ein Blick in die Nachrichten der vergangenen Tage zeigt, dass die Menschen auf das Thema Flüchtlinge sehr sensibel reagieren. Daher verwundert es nicht, dass in den Medien vermehrt Stimmen laut werden, die fordern, 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Eine gut organisierte Exit-Strategie, die möglichst vielen Menschen, darunter Ortskräften und deren Familien, die sichere Einreise erlaubt hätte, wäre möglich gewesen. Doch diese hätte auch Kontroversen ausgelöst. Das Thema Flucht kann gerade in Wahlkampfzeiten unvorteilhafte Dynamiken auslösen.

Eine bittere Lektion

Schließlich müssen wir uns nach diesem Desaster fragen, woran die langjährige Mission der westlichen Allianz gescheitert ist. Manche haben bereits eine Antwort parat. Der Fingerzeig geht Richtung Taliban. Diese hätten sich seit Jahren wieder nach vorne gekämpft und sukzessive parallele Strukturen aufgebaut. Doch diese Antwort greift zu kurz. Denn damit ist nicht erklärt, weshalb selbst große afghanische Städte jeweils von sehr kleinen Taliban-Einheiten erobert werden konnten. Gegenwehr gab es häufig nicht und die Taliban konnten direkt auf Unterstützungsnetzwerke zugreifen. Offensichtlich verfügte das vom Westen aufgebaute System über keinerlei Unterstützung. Das ist die eigentlich bittere Lektion, die erneut zeigt, dass man anderen Ländern nicht einfach eine westliche Demokratie verpassen kann.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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