Detailbild Cello. © NDR Foto: Wolf-Rüdiger Leister

Die Klassik ist tot, es lebe die Klassik?

Stand: 28.05.2021 14:55 Uhr

Wegen der Pandemie mussten die Konzerthäuser lange geschlossen bleiben: eine unfreiwillige, vielleicht aber auch produktive Gelegenheit, über Zukunftsoptionen im Klassikbetrieb nachzudenken. Wie lassen sich Jüngere für Mozart und Co. begeistern?

Die Elbphilharmonie in Hamburg von außen fotografiert. © NDR Foto: Friederike Westerhaus
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von Christiane Peitz

Eigentlich ist die Zukunft der Klassik schon da. Sie heißt Joana Mallwitz, ist 35 Jahre alt, Generalmusikdirektorin im Staatstheater Nürnberg - eine mitreißende Dirigentin, die ebenso mitreißend Beethovens Symphonien vor Publikum auseinandernimmt und ihre Expeditionskonzerte während der Pandemie in Videorundgänge umgewandelt hat. Klug, verspielt, kurzweilig: eine Top-Dirigentin als Youtube-Star. Sie begeistert Klassikmuffel und das Stammpublikum - zuletzt leitete sie bei den Salzburger Festspielen als erste Frau eine komplette Aufführungsserie. Wozu Mallwitz nur lapidar bemerkte, sie wundere sich, wo man als Frau heute noch überall die erste sei.

Warum ist es so schwer, den Frack auszuziehen?

Aber es soll hier weniger um Frauen im Kulturbetrieb gehen als um die Frage, warum Mallwitz nach wie vor als Ausnahmephänomen gilt und die Beharrungskräfte in der Klassik so groß sind. Warum ist es so schwer, den Frack auszuziehen? Corona zwang auch die Musik in den Lockdown, mit existentiellen Erschütterungen. Das hat auch viele Stars zur Selbstbesinnung gebracht. "Mal den Stecker ziehen und das Brimborium überdenken, das tut dem Betrieb gut", sagte die gefeierte Bratscherin Tabea Zimmermann.

Christiane Peitz © imago
Christiane Peitz ist Redakteurin beim Berliner "Tagesspiegel".

Ob im Deutschen Musikrat, auf Online-Konferenzen, in Projekten, die von der Bundeskulturstiftung finanziert werden, oder beim "Experimental Concert Research", einer aktuellen Studie über das emotionale Erleben im Konzert mit Hilfe von Datenhandschuhen: Überall denken Musikerinnen und Musiker über die eigene Relevanz nach. Über Machtverhältnisse, den "Normalvertrag Bühne", der prekäre Arbeitsverhältnisse befördert, über Konzert- und Opernrituale, das Repertoire und Jetset-Tourneen in Zeiten des Klimawandels - immer mehr Ensembles wollen auf Flugreisen verzichten. Vor allem gerät die Bedeutung des Publikums in den Fokus: Wer sind unsere Zuhörer, und wie erreichen wir sie?

Nach der Krise bitte keine Experimente?

Die ersten krisenbedingten Folgen: Die Sopranistin Anna Prohaska stellte sich auf ihren Berliner Balkon, sang Puccini und "Somewhere over the Rainbow". Der Pianist Igor Levit ging seinem Traum von einer Musik ohne Hierarchie in Twitter-Konzerten nach; Orchestermusiker gaben Eins-zu-eins-Vorstellungen, und die Elbphilharmonie streamt dieser Tage das Internationale Musikfestival. Kaum musste sie schließen, machte die Klassik sich auf den Weg - es wurde auch Zeit.

Manch einer ist allerdings skeptisch. Sind solche Aufbruchsphänomene nicht nur Notlösungen, schnell wieder vergessen, wenn Konzert- und Opernhäuser in den Normalbetrieb zurückgekehrt sind? Wird die Klassik wieder konservativer, weil sich die leeren Kassen nur mit den bewährten Lieblingswerken und immergleichen Stars wieder füllen lassen? Die Konzertagentin Jutta Adler hat mit solchen Äußerungen für Entrüstung gesorgt.

Nach der Krise bitte keine Experimente? Ein Backlash wäre der Tod der Klassik, auch hierzulande. Die Nicht-Besucherforschung weist darauf hin, dass 95 Prozent der deutschen Bevölkerung sich nicht für Hochkultur interessieren, schon gar nicht für klassische Musik. Lassen sich Millionen-Subventionen und Milliarden-Coronahilfen aus Steuergeldern für eine kleine Minderheit rechtfertigen?

Musik ist seelenrelevant

"Die gefühlte eigene Bedeutung entspricht nicht der Wahrnehmung der anderen", sagt der Musikmanager Folkert Uhde, der unter anderem die Köthener Bachtage leitet. Die Erkenntnis sei schmerzhaft, aber der erste Schritt. In einem Essay für das Magazin "Van" fordert Uhde einen "New Deal" für die Klassik. Statt über die Nichtbeachtung seitens der Mehrheit und der Politik zu jammern, müsse die Branche sich fürs Publikum unentbehrlich machen und sich auf das Wesen des Musikerlebnisses besinnen. Der Wegfall des Repräsentativen im Konzert hat während der Lockerungen im Herbst vielerorts in der Tat zu einer anderen, beglückenden Intensität und Intimität von Live-Konzerterfahrung geführt. Musik ist vielleicht nicht systemrelevant, aber seelenrelevant, Kontaktbeschränkungen vermag sie mühelos zu überwinden. Was von dieser neuen Offenheit lässt sich in postpandemische Zeiten retten?

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 29.05.2021 | 13:05 Uhr