Stand: 14.05.2020 09:40 Uhr  - NDR Kultur

"Die Intensität häuslicher Gewalt hat zugenommen"

Das Coronavirus stellt nicht nur eine unmittelbare Gefahr für unsere Körper dar, die Corona-Krise kann sich auch auf die psychische Gesundheit der Menschen auswirken. Mögliche Folgen haben viele schon zu Beginn der Pandemie prophezeit: Depressionen und Vereinsamung infolge des Kontaktverbots, Ängste vor wirtschaftlicher Not, gestresste und überforderte Eltern zwischen Homeoffice und Homeschooling bis hin zu Aggressionen und häuslicher Gewalt. Inwieweit sich diese Prognosen bestätigt haben, weiß der Psychiater und Psychotherapeut Tillmann Krüger.

Herr Krüger, Sie haben eine umfangreiche Studie zum Thema veröffentlicht. Was sagen Ihre Zahlen, wie krank macht uns diese Krise tatsächlich?

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Tillmann Krüger arbeitet am Zentrum für Seelische Gesundheit an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Tillmann Krüger: Insgesamt sehen wir in der Untersuchung, an der sehr viele Menschen teilgenommen haben, dass eine psychische Belastung zu sehen ist. Dazu muss man sagen, dass vieles davon ein Stück weit normal ist, dass man mit Angst und Depressionen reagiert. Nichtsdestotrotz ist das messbar: Das sind im Vergleich zu normalen Stichproben erhöhte Werte für Angst und Depressionen. Die Leute sind unruhiger, nervöser und haben vermehrt Schlafstörungen. Insgesamt sind das ernst zu nehmende Faktoren.

An Ihrer Umfrage haben mehr Frauen als Männer teilgenommen: 83 Prozent der Teilnehmenden waren weiblich. Spüren Frauen die Auswirkungen der Kontaktsperre besonders? Sind sie besonders betroffen von der Krise?

Krüger: Das könnte sein. Insgesamt sind wahrscheinlich mehr Frauen als Männer zu Hause geblieben. Zweitens wissen wir aus Umfragen, dass Frauen durchaus eine etwas höhere Affinität haben, bei so etwas teilzunehmen, sich mitzuteilen und das vielleicht auch bewusster wahrzunehmen, was da passiert. Das kennen wir auch aus der Klinik, dass Männer ganz anders mit Stress umgehen. Da die Untersuchung aber so groß war, haben wir immer noch viele Hundert Männer, die teilgenommen haben, sodass wir zu denen auch eine Aussage treffen können.

Corona-Lockdown: Was macht die Krise mit uns?

Hallo Niedersachsen -

Professor Tillmann Krüger von der Medzinischen Hochschule Hannover hat eine Studie zur seelischen Gesundheit der Menschen in der abgeschotteten Corona-Zeit vorgelegt.

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Eine mögliche Folge der Krise kann die häusliche Gewalt sein. Fünf Prozent der Befragten haben angegeben, häuslicher Gewalt ausgesetzt zu sein. Wie signifikant ist die Veränderung in diesem Bereich gegenüber den Zahlen vor der Pandemie?

Krüger: Das ist eine gute Frage, weil wir eine sogenannte Punktprävalenz haben: Wir haben gefragt, wie es jetzt ist oder wie es in den letzten Wochen war - und da haben wir fünf Prozent festgestellt. Sonst kennt man Angaben, die sich auf ein ganzes Jahr beziehen. Die sind gar nicht so viel höher, sodass uns diese fünf Prozent schon einigermaßen besorgt haben. Wir haben zusätzlich gefragt, ob das Erleben von Gewalt gleichgeblieben ist. Das Alarmierende war, dass die Mehrheit angab, dass die Intensität häuslicher Gewalt zugenommen hat.

Sie sagen, dass sich viele Folgen erst nach etwa einem halben Jahr nach Beginn des Lockdowns zeigen werden. Was kann uns denn da noch erwarten?

Krüger: Viele Menschen können mit solchen Krisen ganz gut umgehen, die haben eine gute Resilienz. Manche Menschen haben eine weniger gute Resilienz und merken Folgeerscheinung entweder sofort oder zeitverzögert. Wir wissen aus früheren Krisen, dass in akuten Phasen die Gesellschaft oftmals gut zusammenhält - das haben wir hier auch gesehen. Das ändert sich aber irgendwann und die Belastung kommt erst nach einem halben Jahr so richtig zu Tage. Oder man steht vor einem Scherbenhaufen: Das Geschäft ist vielleicht niedergegangen, man hat den Job verloren, man hat massive finanzielle Einbußen oder Ähnliches. Da müssen wir jetzt aufmerksam sein, was noch kommt.

Wir sehen jetzt auch schon durchaus Bewegung in der Bevölkerung: Da wird diskutiert, inwieweit diese Maßnahmen gut sind, und es sind auch Ärger und Aggressionen spürbar. Auch das haben wir in unserer Untersuchung erfasst. Solche Phänomene könnten sich jetzt noch weiterentwickeln.

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Wie beobachten Sie diese stärker werdenden Widerstandsbewegungen, die am letzten Wochenende wieder in einigen großen Anti-Corona-Demos Ausdruck fanden? Begleitet wird das Ganze von kruden Verschwörungsideologien. Was ist das für ein Phänomen?

Krüger: Diese Phänomene sehen wir auch völlig unabhängig von Corona: dass es immer wieder Strömungen gibt, die primär erst mal gegen irgendetwas sind. Ich finde, da braucht es aber auch stichhaltige Gründe, gegen was man genau ist. Und was ist der Alternativvorschlag? Wenn jemand gegen irgendetwas ist, dann braucht es auch Substanz und Argumente - dann ist ein Diskurs sehr fruchtbar.

Es gibt in der Tat eine Affinität im Menschen, sich mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen, also der Wunsch, eine (Alternativ-)Erklärung für etwas zu finden. Wobei ich nicht genau sagen kann, warum der Mensch dazu neigt. Es ist sicherlich ein Misstrauen da. Misstrauen kann auch sehr gesund sein, Dinge zu hinterfragen. Aber das kann auch extrem werden. Manchen Menschen scheint es wichtig zu sein, so eine Struktur zu haben, an die sie sich halten können, so eine Alternativwahrheit. Oder aber es verselbständigt sich dort etwas.

Sie sprechen von einer generellen Neigung des Menschen zu Verschwörungsideologien. Es kursieren derzeit verschiedenste Mythen, woher Corona kommt: etwa aus einem Labor in Wuhan oder von Bill Gates in die Welt gesetzt. Warum sind Menschen für derartige alternative Erklärungen im Augenblick besonders empfänglich?

Krüger: Es war einmalig, mit welcher Intensität hier der Staat in die Grundrechte eingegriffen hat. Insofern finde ich es nicht ganz verwunderlich, dass dem auch eine starke Reaktion folgen kann. Psychosozial und finanziell gesehen können wir den ganzen Schaden noch gar nicht erfassen, aber er scheint immens. Ich habe davor mehr Angst als vor diesem Keim - der sicherlich auch nicht banal ist. Aber in der Klinik bin ich ja jeden Tag gefährlichen Keimen ausgesetzt. Wovor ich viel mehr Angst habe, sind die psychosozialen und finanziellen Auswirkungen in der Gesellschaft. Ich hoffe und wünsche mir, dass wir das genauso gut gemeinsam schaffen werden, wie wir es in den letzten Wochen geschafft haben.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Tillmann Krüger © Tillmann Krüger

"Die Intensität häuslicher Gewalt hat zugenommen"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Wie krank machen uns die Corona-Maßnahmen tatsächlich? Der Psychiater Tillmann Krüger von der Medizinischen Hochschule Hannover hat eine Studie dazu veröffentlicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.05.2020 | 19:00 Uhr

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