Stand: 08.03.2019 00:00 Uhr

"Bücher von Frauen werden benachteiligt"

Bücher von Frauen werden seltener rezensiert - so das Ergebnis einer Studie der Uni Rostock. Sie kennt das Problem: Die Literaturwissenschaftlerin, Feministin und Autorin Nicole Seifert aus Hamburg beobachtet die deutsche Literaturszene seit Langem. Auf ihrem Blog "Nacht und Tag" liest und rezensiert sie fast überwiegend Bücher von Frauen. Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März spricht Seifert im Interview mit NDR.de über die Benachteiligung von Frauen im Literaturbetrieb, die Gründe dafür und aktuelle norddeutsche Autorinnen.

NDR.de: Frau Seifert, Sie betreiben einen Literaturblog, auf dem Sie ganz überwiegend die Werke von Autorinnen vorstellen. Wie kam es dazu?

Bild vergrößern
Die Hamburger Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert beschäftigt sich viel mit Büchern von Frauen.

Nicole Seifert: Das war ein Prozess. Vor einem Jahr habe ich meinen Blog gestartet. Damals habe ich angefangen, genauer hinzugucken: Was lese ich? Welchem Titel oder wem will ich eine Bühne geben? Ich hatte nicht von Anfang an den Entschluss gefasst, überwiegend Werke von Frauen vorzustellen. Da dachte ich einfach, ich gehe nach Geschmack und danach, worauf ich Lust habe. Ich hatte mich beim Lesen der Feuilletons, etwa der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" oder der "Süddeutschen Zeitung", schon länger geärgert - denn dort befassen sich von drei Rezensionen pro Tag sehr oft drei mit Büchern von Männern.

Da habe ich mich dann gefragt: Wieso soll ich denen, die sowieso schon eine Bühne haben, auch noch eine geben? Und nicht denen, die ich da vermisse? Bücher, auf die ich gerne aufmerksam gemacht werden würde - sprich, die von Frauen. Das mache ich jetzt also selber (lacht). Denn meiner Meinung nach haben die anderen es nicht nötig. Und abseits des Mainstream-Feuilletons gibt es wirklich was zu entdecken.

Laut einer Studie der Universität Rostock werden in allen Medien - mit Ausnahme von Frauenzeitschriften - männliche Autoren häufiger und ausführlicher besprochen: Zwei Drittel der rezensierten Werke sind von Männern geschrieben worden, nur ein Drittel dagegen von Frauen. Inwieweit sind Frauen Ihrer persönlichen Einschätzung nach in der deutschen Literatur präsent?

Seifert: Obwohl ich schon immer gern gelesen, direkt nach der Schule Anfang der 1990er im Verlag eine Ausbildung angefangen habe und den Literaturbetrieb seit mittlerweile schon 25 Jahren kenne, ist mir erst jetzt richtig bewusst geworden: Frauen werden auch im Literaturbetrieb benachteiligt. Insbesondere Autorinnen im Feuilleton, aber teilweise auch durch die Programmpolitik und das Marketing der Verlage.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Gründe dafür?

Seifert: Das ist ein ganz weites Feld. Ich denke, dass sind tief verwurzelte Vorurteile. Das beginnt ja bereits bei der Lesesozialistion in der Schule. Alle, die heute in den Feuilleton-Redaktionen und Buchverlagen überall sitzen, haben in der Schule gelernt: Alles, was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern - zugespitzt gesagt. Und diese Einstellung zieht sich eben so durch. Das steht natürlich in einem größeren Zusammenhang: Seit den alten Griechen bis heute hat es Tradition, dass Frauen der Mund verboten wird. Und dass ihre Meinungen niedergemacht werden, wenn sie sich in Sphären äußern, die traditionell nicht ihre sind. Die englische Historikerin Mary Beard hat dies in ihrem wunderbaren Buch "Frauen und Macht" beschrieben: Es sind immer noch dieselben Muster, nach denen Frauen abqualifiziert werden. Da geht es immer wieder um Äußerlichkeiten, wie die Stimme oder die Haare.

Was sind aus Ihrer Sicht die neuen Horizonte und Erfahrungen, die Autorinnen mit ihren Romanen mitbringen? Warum sind sie wertvoll?

Seifert: Bei zeitgenössischen Autorinnen sind dies häufig Themen, die zum Beispiel von Flucht, dem Verschwinden oder dem zum Verstummen gebracht werden handeln. Diese Motive sind natürlich besonders interessant im literarisch-gesellschaftlichen Kontext, in dem Frauen nicht vorkommen oder zum Schweigen gebracht werden. Genau das spiegelt sich in der weiblichen Literatur wider - aber nicht nur bei aktuellen Werken, sondern auch bei früheren Autorinnen wie Ingeborg Bachmann oder Charlotte Perkins Gilman. Da gibt es viele Beispiele.

Was ich im Moment besonders interessant finde: Es gibt ganz viele Zwischenformen aus dem Autobiographischen und dem Fiktiven. Also das ist natürlich nichts Neues - das kennt man auch von männlichen Autoren wie Karl Ove Knausgård oder Joachim Meyerhoff. Aber bei den Frauen geht es um etwas anderes: Da geht es wirklich nach wie vor darum, seine eigene Stimme zu finden und sich Gehör zu verschaffen. Und darum, einfach offen und ohne Angst vor Strafe, seine Erfahrungen zu formulieren.

Welche aktuellen norddeutschen Autorinnen sollte man auf dem Rader haben?

Bild vergrößern
Deutsche Autorinnen und ihre Werke wie Daniela Krien und ihr Roman "Die Liebe im Ernstfall" sind oft noch unsichtbar - meint Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert.

Seifert: Mareike Krügel, deren Roman "Sieh mich an" in Schleswig-Holstein spielt, finde ich ganz toll. Im Grunde geht es um einen Tag, an dem ihr Leben auf einem Prüfstand steht. Alle Entscheidungen, die sie bisher getroffen hat, werden infrage gestellt. Das ist sehr witzig und großartig und hat eine Relevanz - die übrigens den männlichen Kritikern komplett entgangen ist, da sie das Buch als Frauenroman abgetan haben. Das ist er definitiv nicht - Mareike Krügel ist eine der interessantesten deutschen Autorinnen im Moment.

Auch Daniela Krien aus Mecklenburg-Vorpommern sollte man kennen. Sie hat ganz frisch ihren zweiten Roman veröffentlicht - "Die Liebe im Ernstfall". Die finde ich so gut und interessant, weil sie etwas zu fassen bekommt, was ich so bisher selten gelesen habe. Es geht um die Generation von Frauen, die heute um die 40 Jahre alt sind - ihre Freiheiten und Möglichkeiten, aber auch Widerstände, hohe Ansprüche und Druck.

Das Interview führte Isabel Lerch.

Weitere Informationen

Sind Frauen auf dem Buchmarkt benachteiligt?

Welche Bücher schaffen es in die Bestseller-Listen? Das entscheiden auch die Medien durch ihre Rezensionen. Eine Studie hat belegt, dass Männer deutlich bevorzugt werden. mehr

NDR Debatte: "Frauenquote - muss das sein?"

Laut einer Studie stagniert die Gleichberechtigung in Deutschland. Die Kulturredaktionen des NDR beleuchten die Situation in Musik, Kunst und Literatur. Brauchen wir eine Frauenquote? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.11.2018 | 17:49 Uhr

Mehr Kultur

44:05
NDR Info
49:39
NDR Kultur

Die 13. Fee

NDR Kultur