Stand: 14.05.2020 16:23 Uhr  - NDR Kultur

Aleida Assmann: "Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten"

von Aleida Assmann

Zahlreiche Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler unterstützen die Aussagen des Philosophen Achille Mbembe in einem Offenen Brief. Dazu zählt auch die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Wir haben sie gebeten, ihre Position zu erklären.

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"Achille Mbembe kann uns dabei helfen, den Blick auf den Holocaust und die deutsche Identität zu erweitern", sagt Aleida Assmann.

Es ist die Aufgabe und Fähigkeit der Medien, Debatten anzustoßen und durch klare Stellungnahmen zu polarisieren und auch zu skandalisieren. Dabei öffnet sich dann ein Aufmerksamkeitsfenster, in dem für einen Moment lang alle gleichzeitig über dasselbe Thema reden. Das wirkt wie ein Durchlauferhitzer. Die Themen bekommen Relevanz, Gewicht und emotionale Brisanz. So geht es uns gerade bei der Frage: Ist der afrikanische Philosoph Achille Mbembe ein Antisemit? Es gibt einige Stimmen, die das behaupten, einige, die das belegen, und einige, die das anders sehen.

Eine deutsche Identitäts-Debatte

Das aktuelle Interesse an dieser Frage ist durch eine neue Antisemitismus-Definition der IHRA entstanden, der International Holocaust Remembrance Alliance, die 2017 die Kritik an der Politik des Staates Israel als eine neue Form von Antisemitismus verbietet. Antisemitisch wäre nach dieser Definition zum Beispiel jemand, der kritisch auf die Botschaft hinweist, die Yair Netanyahu, der Sohn des israelischen Premierministers, gerade auf Twitter verbreitet hat. Sie lautet: "Schengen ist tot. Hoffentlich auch bald die globalistische EU. Dann wird Europa wieder frei, demokratisch und christlich sein!" Ein Abgeordneter der AfD hat gleich weiter getwittert: "Christentum ist Heilmittel für die Übel der globalistischen EU!" Hier verbünden sich gerade Ethno-Nationalisten gegen die Grundwerte der EU.

Contra

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Zurück zu Achille Mbembe. Es sieht nicht so aus, als würde sich dieses mediale Aufmerksamkeitsfenster so schnell wieder schließen, denn es geht hier um nichts weniger als eine deutsche Identitäts-Debatte. Der Holocaust ist und bleibt zentraler Bezugspunkt der deutschen Identität. Das kann aber nicht heißen, dass wir ihn uns in einer Weise aneignen, die Menschen aus anderen Weltgegenden das Recht auf eine bedeutungsvolle Beziehung zu diesem längst globalisierten Geschichtsereignis abspricht. In Deutschland als einem Einwanderungsland geht es ja eigentlich eher darum, für Menschen mit anderen Herkunftsgeschichten neue Zugänge zum Holocaust zu öffnen, anstatt sie zu schließen.

Aleida Assmann © dpa Foto: Horst Galuschka

Aleida Assmann: "Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten"

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Zahlreiche Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler unterstützen Achille Mbembe in einem Offenen Brief. Dazu zählt auch die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann.

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Das Band der Empathie

Achille Mbembe hat sich als Afrikaner mit der Geschichte des Holocaust und Israels auseinandergesetzt, indem er sie in seine eigene Erfahrungswelt eingeordnet hat. Sein Bezug ist dabei nicht eine Ideologie oder ein Narrativ, das historische Ereignisse erklärt, deutet und bewertet, sondern das Band einer langen historisch geprägten und gelebten Erfahrung. Deshalb geht es hier nicht um Fragen des Vergleichs, der Bewertung und andere Diskursregeln der Wissenschaft, gegen die er möglicherweise verstoßen hat, sondern um das Band der Empathie und Einfühlung von einer Gewaltgeschichte in eine andere. Er stellt Kontakte her und schafft persönliche Verbindungen zwischen unterschiedlichen Ereignissen und Kontinenten. Michael Rothberg, der ein wichtiges Buch über die Erinnerung an den Holocaust und die Kolonialgeschichte geschrieben hat, nennt das 'multi-directional memory'. Das bedeutet: Die Erinnerung der Menschen bahnt sich unterschiedliche Wege, entdeckt Zusammenhänge und bildet unerwartete Allianzen, die sich von den Mustern und Vorgaben der Ideologen entfernen und auf diese Weise neue Wege und Zugänge öffnen.

Achille Mbembe kann uns dabei helfen, den Blick auf den Holocaust und die deutsche Identität zu erweitern. Dafür brauchen wir einen Antisemitismusbegriff, der uns nicht trennt, sondern zusammenführt und stärkt im entschlossenen Kampf gegen Judenhass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.05.2020 | 19:05 Uhr